Aaron des Y-Chromosoms

Der Aaron des Y-Chromosoms ist der hypothetische Vorfahr der Kohanim (sing. „Kohen“ oder Kohane), einer patrilinearen Priesterkaste innerhalb des Judentums. In der Schrift wird dieser Vorfahr mit Aaron, dem Bruder des Moses, identifiziert.

Die Techniken, die verwendet wurden, um den Aaron des Y-Chromosoms zu finden, wurden zunächst vor allem in Bezug auf die Suche nach dem patrilinearen Vorfahren aller Menschen popularisiert, dem Adam des Y-Chromosoms.

Hintergrund

Genetisch besitzt jeder Mensch 46 Chromosomen, jeweils 23 von jedem Elternteil. Zwei Chromosomen, X-Chromosom und Y-Chromosom, legen das Geschlecht fest. Frauen haben zwei X-Chromosomen, eins von der Mutter und eins vom Vater. Männer haben ein X-Chromosom von der Mutter und ein Y-Chromosom vom Vater übernommen.

Männer mit gemeinsamen patrilinearen Vorfahren müssen demnach auch ein gemeinsames Y-Chromosom aufweisen, das nur hinsichtlich bestimmter Mutationen Abweichungen aufweist. Mutationen des Y-Chromosoms treten mit einer verhältnismäßig konstanten Rate auf, die den Wissenschaftlern eine Berechnung erlauben, bis zu welcher Generation die Träger der ähnlichen Y-Chromosomen einen gemeinsamen Vorfahren hatten (siehe molekulare Uhr).

Eine andere Art DNA, mitochondriale DNA (mtDNA), befindet sich nicht auf einem Chromosom, sondern kommt im Zytoplasma des Eies von der Mutter zum Kind. Die mtDNA stammt nahezu immer von der Mutter und bleibt auch – bis auf angesammelte Mutationen – unverändert.

Die Hypothese

Die Zugehörigkeit zum Judentum verläuft traditionsgemäß über die mütterliche Linie. Die Zugehörigkeit zur spezifischen Gruppe der jüdischen Priester (Kohanim) definiert sich jedoch patrilinear. Die Kohanim behaupten die direkte Nachkommenschaft Aarons, des Mosebruders zu sein. Da männliche Kinder das Y-Chromosom immer vom Vater erhalten, lässt sich vermuten, dass alle Kohanim das gleiche Y-Chromosom gemeinsam haben müssten, abgesehen von vernachlässigbaren Mutationen seit Aaron.

Test der Hypothese

Diese Hypothese wurde zunächst von Karl Skorecki und Mitarbeitern in Haifa, Israel, getestet. Dabei entdeckten sie 1997 bei den Kohanim einen auffällig hohen Anteil bestimmter Y-Chromosom-Marker, was als Bestätigung der Hypothese gilt. Andere Studien[1] stützten die Entdeckung und datierten den Ursprung der gemeinsamen DNA auf ungefähr vor 3000 Jahren (mit aus der unterschiedlichen Generationendauer herrührenden Abweichungen). Dies führte zur Entwicklung des Cohen Modal Haplotype (CMH), eines Satzes von Y-Chromosom-Markern (DNA Y-chromosome segment, DYS), die auf den biblischen Aaron zurückgehen könnten.

Cohen Modal Haplotype

Der Cohen Modal Haplotype sieht folgendermaßen aus:

DYS19/DYS394 = 14

DYS388 = 16
DYS390 = 23
DYS391 = 10
DYS392 = 11
DYS393 = 12

Der Cohen Modal Haplotype gehört zur Haplogruppe J (Y-DNA).

Kritik und Erwiderung

Verständlicherweise führte die Entdeckung zu hoher Aufregung bei religiösen Kreisen, wo man eine Art „Beweis“ der historischen Wahrheit der Bibel feierte; sie löste andererseits aber auch Kritik aus.

Andere Träger der DNA

Es gibt auch nichtjüdische Populationen, bei denen der Cohen Modal Haplotype in auffälliger Zahl gefunden wurde. So etwa bei Italienern. Denkbarer Zusammenhang ist die geschichtlich belegte Migration vieler jüdischer Sklaven nach Rom (dem heutigen Italien), insbesondere in Verbindung mit dem Bau des Kolosseums. Die in Südafrika und Simbabwe beheimateten Lemba führen ihre Herkunft auf das Judentum zurück. Die genetischen Befunde vor allem im Priesterclan der Lemba bestätigen diese Überlieferung.[2] In einigen Gruppen von Kurden kommt der CMH ebenfalls vor.

Levi des Y-Chromosoms?

Während man annimmt, die Kohanim seien patrilineare Abkömmlinge des Mosebruders Aaron, gelten die Leviten (die nächste Ebene der jüdischen Priesterschaft) traditionsgemäß als patrilineare Abkömmlinge Levis, des Sohnes Jakobs und Urgroßvaters Aarons. Folglich müssten auch die Leviten eine gemeinsame Y-Chromosom-DNA aufweisen.

Eine Untersuchung von Männern, die sich zu den Leviten zählten, fand in großer Zahl eindeutige Marker als Hinweis, dass vielfach Nicht-Aaroniden der levitischen Herkunft zuzurechnen sind. Ein Marker weist bei den gegenwärtigen osteuropäischen (aschkenasischen) Juden für über 50 % auf die Leviten, also auf einen gemeinsamen männlichen Vorfahren innerhalb der letzten 2000 Jahre auf einen hohen Anteil der Leviten innerhalb der Gruppe der Aschkenasim, der allerdings der Haplogruppe R1A1 angehört, die häufiger mit der Wanderungsbewegung der Indoeuropäer nach Osten in Verbindung gebracht wird und in Europa unter Slawen besonders häufig vorkommt, in Indien unter Brahmanen.[3]

Literatur

  • K. Skorecki, S. Selig u. a.: Y chromosomes of Jewish priests. In: Nature. Band 385, Nummer 6611, Januar 1997, S. 32, ISSN 0028-0836. doi:10.1038/385032a0. PMID 8985243.
  • A. Nebel, D. Filon u. a.: The Y chromosome pool of Jews as part of the genetic landscape of the Middle East. In: American journal of human genetics. Band 69, Nummer 5, November 2001, S. 1095–1112, ISSN 0002-9297. doi:10.1086/324070. PMID 11573163. PMC 1274378.
  • O. Semino, C. Magri u.a.: Origin, diffusion, and differentiation of Y-chromosome haplogroups E and J: inferences on the neolithization of Europe and later migratory events in the Mediterranean area. In: American journal of human genetics. Band 74, Nummer 5, Mai 2004, S. 1023–1034, ISSN 0002-9297. doi:10.1086/386295. PMID 15069642. PMC 1181965.

Einzelnachweise

  1. M. G. Thomas, K. Skorecki u.a.: Origins of Old Testament priests. In: Nature. Band 394, Nummer 6689, Juli 1998, S. 138–140, ISSN 0028-0836. doi:10.1038/28083. PMID 9671297.
  2. M. G. Thomas, T. Parfitt u.a.: Y chromosomes traveling south: the cohen modal haplotype and the origins of the Lemba–the "Black Jews of Southern Africa". In: American journal of human genetics. Band 66, Nummer 2, Februar 2000, S. 674–686, ISSN 0002-9297. doi:10.1086/302749. PMID 10677325. PMC 1288118.
  3. D. M. Behar, M. G. Thomas u.a.: Multiple origins of Ashkenazi Levites: Y chromosome evidence for both Near Eastern and European ancestries. In: American journal of human genetics. Band 73, Nummer 4, Oktober 2003, S. 768–779, ISSN 0002-9297. doi:10.1086/378506. PMID 13680527. PMC 1180600.

Siehe auch

Weblinks