Natura 2000

Natura 2000 ist ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union, das seit 1992 nach den Maßgaben der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG, kurz FFH-Richtlinie) errichtet wird. Sein Zweck ist der länderübergreifende Schutz gefährdeter wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten und ihrer natürlichen Lebensräume. In das Schutzgebietsnetz werden auch die gemäß der Vogelschutzrichtlinie (Richtlinie 79/409/EWG) ausgewiesenen Gebiete integriert.[1]

Das Natura-2000-Netzwerk umfasste 2013 mehr als 18 % der Landfläche und mehr als 7 % der Meeresfläche der Europäischen Union.[2][3]

Grundlagen

Tafeln Europaschutzgebiet (Natura 2000) und geschützter Landschaftsteil

Die FFH-Richtlinie und die Vogelschutzrichtlinie mit ihrem Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 und ihren Artenschutzbestimmungen bilden für den Naturschutz ein umfassendes rechtliches Instrumentarium zum Lebensraum- und Artenschutz im europäischen Gebiet der Europäischen Union, nicht hingegen in den auch zur Europäischen Union gehörenden französischen- und niederländischen Überseegebieten. Sie dienen damit dem Ziel, den sowohl von der Europäischen Union als auch den Mitgliedstaaten in der Konvention über biologische Vielfalt (CBD, Rio 1992) beschlossenen Schutz der biologischen Vielfalt von Arten und Lebensräumen umzusetzen. Auf dem Europäischen Rat im Jahr 2001 in Göteborg beschlossen die EU-Mitgliedstaaten zudem, bis zum Jahr 2010 den weiteren Verlust an biologischer Vielfalt zu stoppen (2010-Ziel).

Für die Systematik wurde ein ökologisch-geographisches Zonenmodell Europas und angrenzender Regionen entwickelt, die Biogeographischen Regionen der Europäischen Union. Es umfasst 11 Regionen und 5 Meeresgebiete.

Ablauf des Verfahrens und Benennung

Der Berg Roháče in der Westtatra
Moorauge am Moorlehrpfad im Schwarzen Moor in der Hochrhön
Der Zirbitzkogel ist in den Seetaler Alpen in der Steiermark.
Lagoa do Fogo ist ein See in Portugal auf der Azoren-Insel São Miguel.
Hainlandschaft in der Boulonnais
Der Große See im Nationalpark Mljet

Natura 2000 ist keine einfache Weiterentwicklung des vorhandenen Bestandes an Schutzgebieten nationaler oder internationaler Kategorien, sondern wird eigenständig aufgebaut. Das dabei anzuwendende Verfahren ist in der FFH-Richtlinie detailliert festgelegt, hier stark vereinfacht dargestellt:

  • Die Mitgliedstaaten wählen, geleitet von den Kriterien lt. Anhang III der FFH-Richtlinie, in Frage kommende Gebiete aus. Dazu zählen:
    • Gebiete, die natürliche Lebensraumtypen lt. Anhang I der FFH-Richtlinie (Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse) umfassen
    • Gebiete, die Habitate der Arten lt. Anhang II der FFH-Richtlinie (Arten von gemeinschaftlichem Interesse) umfassen
  • Die ausgewählten Gebiete werden der Europäischen Kommission vorgeschlagen (vorgeschlagene Gebiete gemeinschaftlicher Bedeutung, englisch: proposed sites of Community importance, pSCI). Zu diesem Zweck werden Standarddatenbögen für alle Gebiete erstellt.
  • Nach einem Bewertungsverfahren und Abstimmung mit den Mitgliedstaaten legt die Kommission eine Liste der Gebiete von gemeinschaftlicher Bedeutung (abgekürzt GGB, englisch Site of Community Importance, abgekürzt SCI) fest. Eine erstmalige Veröffentlichung dieser Liste erfolgte im Amtsblatt der EU im Jahr 2004.
  • Die Mitgliedstaaten sind anschließend verpflichtet, diese Gebiete so schnell wie möglich, spätestens jedoch innerhalb von sechs Jahren als besondere Schutzgebiete (BSG),[4] Special Areas of Conservation (SAC) endgültig unter Schutz zu stellen.

Im Unterschied dazu erlangen Gebiete, die von den Mitgliedstaaten nach den Maßgaben der Vogelschutzrichtlinie ausgewählt wurden (Special protection areas, SPA), den Status eines besonderen Schutzgebiets unmittelbar durch ihre Meldung an die Kommission, d. h. ohne Bewertungsverfahren.[1]

Es ist zu beachten, dass die deutschsprachige Übersetzung „Besonderes Schutzgebiet“ sowohl für das „Special Area of Conservation“ der FFH-Richtlinie als auch für das „Special protection area“ der Vogelschutzrichtlinie verwendet wird, und dass der Ausdruck „Special protection area“ nicht in der Vogelschutzrichtlinie selbst, sondern erst einige Jahre später in der FFH-Richtlinie geprägt wurde. Da sich außerdem die beiden Gebietstypen in der Fläche überschneiden dürfen, haben sich zur Unterscheidung in Deutschland die Bezeichnungen FFH-Gebiet und Europäisches Vogelschutzgebiet etabliert. Für die Gebiete der Vogelschutzrichtlinie ist häufig auch die mehrdeutige Kurzform „Vogelschutzgebiet“ anzutreffen.

In den meisten Bundesländern Österreichs werden Natura-2000-Gebiete durchweg unter der Bezeichnung Europaschutzgebiet verordnet,[5][6][7] mancherorts im Besonderen dann, wenn es sich um Gebiete mit Schutz nach beiden Richtlinien handelt. Das Europaschutzgebiet ist in den moderneren Landesnaturschutzgesetzen auch als nationale Schutzklasse verankert.

Zeitplan und Ausbaustand

Die FFH-Richtlinie legt für die Errichtung von Natura 2000 einen genauen Zeitplan fest. Demnach sollten binnen drei Jahren nach Bekanntgabe der Richtlinie (d. h. bis 1995) die Gebietsvorschläge der Mitgliedstaaten erfolgen. Binnen sechs Jahren nach Bekanntgabe der Richtlinie (bis 1998) sollte daraus die Liste der Gebiete gemeinschaftlicher Bedeutung durch die Europäische Kommission erstellt werden. Daran anschließend sollten die festgelegten Gebiete so schnell wie möglich, spätestens aber binnen weiterer sechs Jahre, durch den betreffenden Mitgliedstaat als besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden (spätestens bis zum Jahr 2004).

Dieser Zeitplan wurde nicht eingehalten. Verzögerungen ergaben sich anfangs u. a. durch fehlende Maßstäbe hinsichtlich des Umfangs bzw. der Vollständigkeit der Gebietsmeldungen. Entsprechende Kriterien wurden erst ab 2000 auf von der Kommission einberufenen Expertentreffen erarbeitet. Die trotzdem weiter auftretenden Verzögerungen veranlassten die Kommission zu Sanktionsandrohungen und Klagen gegen einzelne Mitgliedstaaten. Zusätzlichen Druck übten verschiedene nichtstaatliche Naturschutzverbände aus, indem sie aus eigener Kompetenz zahlreiche Gebietsmeldungen erstellten (sogenannte Schattenlisten), und damit die Meldedefizite der Mitgliedstaaten deutlich machten. Anerkannte und maßstabsbildende Bedeutung erlangten dabei vor allem die Listen der Important Bird Areas, die von BirdLife International geführt werden.

Im Jahr 2004 wurde eine noch vorläufige Liste der Gebiete gemeinschaftlicher Bedeutung veröffentlicht, mit der die Umsetzung seitens der Mitgliedstaaten ein erstes festes Fundament erhielt. Daneben wurden von den Mitgliedstaaten ständig weitere Gebiete an die Kommission gemeldet. Selbst ohne Berücksichtigung der Staaten, die erst nach 1992 EU-Mitglied geworden sind, war der Nachmeldeprozess auch im Jahr 2008 noch nicht abgeschlossen.

Periodisch aktualisierte Informationen über den Ausbaustand bietet das von der Europäischen Kommission veröffentlichte Natura-2000-Barometer. Demnach waren Ende 2009 in der EU insgesamt 23.810 Gebiete (marine und terrestrische) mit 716.992 km² Gesamtfläche, davon 585.533 km² Landfläche (13,5 % der Landfläche der EU) und 131.459 km² Meeresfläche als Natura-2000-Gebiete von europaweiter Bedeutung ausgewiesen; davon in Deutschland insgesamt 4675 Gebiete mit 54.342 km² Gesamtfläche, davon 34.574 km² Landfläche (9,7 % der Landfläche) und 19.768 km² Meeresfläche, in Österreich 168 Gebiete mit 8978 km² Landfläche (10,7 % der Landfläche). Insgesamt entfallen mit 2010 etwa 11,6 % des Hoheitsgebietes der EU auf Gebiete von gemeinschaftlichem Interesse.[8] Bis Januar 2011 kamen noch einmal fast 27.000 km² in fünfzehn EU-Mitgliedstaaten hinzu.[9]

Praktische Umsetzung

Die Mitgliedsstaaten sind verpflichtet, in den ausgewiesenen Gebieten für einen in der FFH-Richtlinie definierten „günstigen Erhaltungszustand“ der jeweils bedeutsamen Artvorkommen und Lebensräume zu sorgen und alle sechs Jahre an die Kommission Bericht zu erstatten.

Es obliegt den Mitgliedstaaten, die jeweils geeigneten Schutzinstrumente auszuwählen. Diese können gesetzlicher, administrativer oder vertraglicher Art sein, wobei auch die Unterschutzstellung nach vorhandenen nationalen Kategorien möglich und gebräuchlich ist – die Aufnahme in das Natura-2000-Netzwerk ist ad hoc noch keine Unterschutzstellung, sondern eine Darstellung der gemeinschaftlichen Bedeutung des Gebietes. Bereits existierende nationale Schutzgebiete oder Teile davon, die den Auswahlkriterien entsprachen, sind oft als Europaschutzgebiet gemeldet worden. Dadurch ergeben sich mannigfaltige Überschneidungen und Kombinationen von Schutzgebieten nach nationalen Schutzkategorien und eigens eingerichteten Schutzgebieten des Netzes Natura 2000.

Zur Identifikation erhält jedes Natura-2000-Gebiet eine europaweit eindeutige Nummer, EU-Code genannt. Daneben führen aber z. B. die Länder in Deutschland und teilweise die Bundesländer in Österreich auch interne Nummerierungen. Außerdem führen sie einen Buchstabencode (A–K), der ihre Lagebeziehung zu anderen Gebieten des Natura-2000-Netzwerkes darstellt.

Umsetzungsdefizite in Deutschland

2015 leitete die EU-Kommission gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren ein, weil trotz des Fristablaufs im Jahr 2010 bei 2.784 der 4.606 Gebiete die Unterschutzstellung noch fehlte.[10] In einer Pressemitteilung der EU-Kommission vom 24. Januar 2019 wirft sie Deutschland vor:

Deutschland hat es versäumt, innerhalb der vorgeschriebenen Fristen 787 von 4606 Gebieten von gemeinschaftlicher Bedeutung als besondere Schutzgebiete auszuweisen. Darüber hinaus hat Deutschland es auch generell und fortgesetzt versäumt, für alle Natura-2000-Gebiete hinreichend detaillierte Ziele festzulegen. Die Kommission ist ferner der Auffassung, dass Deutschland es versäumt hat, dafür zu sorgen, dass die Behörden in sechs Bundesländern Managementpläne aktiv und systematisch an die Öffentlichkeit weiterleiten.[11]

Finanzierung

Die EU stellt den Mitgliedsstaaten finanzielle Hilfen für die Ausweisung der Fauna-Flora-Habitate, kurz FFH-Gebiete, zur Verfügung. Lange stritten die Kommission und die Mitgliedsstaaten über die realen Kosten der Maßnahmen. 2007 veröffentlichte die Kommission schließlich eine Schätzung, nach der 3,4 bis 5,7 Milliarden Euro jährlich für die Umsetzung im Gebiet der EU notwendig seien. Die Kommission verwies damals darauf, dass es sich eher um die Untergrenze des Finanzbedarfs handele. Auch waren die künftigen Beitrittsstaaten noch nicht berücksichtigt.[12]

Sonderformen

Neben der Umsetzung der beiden zentralen Richtlinien bietet das Netzwerk auch Raum für nationale und regionale Sonderformen:

  • Wild-Europaschutzgebiete im Land Salzburg/Österreich sind speziell auf jagdrechtliche Aspekte ausgelegte FFH- oder Vogelschutzgebiete.
  • Meeresschutzgebiete (Marine Protected Areas) stellen eine besondere Kategorie innerhalb des Natura-2000-Konzepts dar.

In Deutschland sind für die Umsetzung von Natura 2000 in den Hoheitsgewässern (innerhalb der 12-Seemeilen-Zone) die Bundesländer zuständig. Beim Bundesamt für Naturschutz arbeitet eine eigene Arbeitsgruppe an dem Programm für Meeresschutzgebiete mit dem Namen Habitat Mare Natura 2000. Für Natura 2000 im Bereich der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands (AWZ), die sich seewärts der 12-Seemeilen-Zone anschließt und bis zu den internationalen Gewässern jenseits der 200-Seemeilen-Zone reicht, ist hingegen der Bund, vertreten durch das Bundesamt für Naturschutz und das Bundesumweltministerium, verantwortlich. Ausschlaggebend für die Ausweisung von Natura-2000-Gebieten im Meer sind das Vorkommen und die Verbreitung spezieller Arten von Seevögel, Meeressäugern und Fischen, auch können besonders schützenswerte, international bedeutsame Lebensraumtypen wie Sandbänke und Riffe erhalten werden. Am 25. Mai 2004 meldete Deutschland der EU-Kommission 10 Natura 2000 – Gebiete in der deutschen AWZ von Nord- und Ostsee. Zwei der Gebiete zum Schutz von Seevögeln sind seit September 2005 als nationales Naturschutzgebiet bzw. internationales Besonderes Schutzgebiet (Special Protection Area – SPA) ausgewiesen. Die übrigen acht FFH-Gebiete wurden im November 2007 von der EU als Gebiete gemeinschaftlicher Bedeutung (Site of Community Importance – SCI) anerkannt. Seit Januar 2008 ist deren Schutzstatus rechtskräftig geworden.[13]

Aus Sicht des Meeresschutzes ist die Bedeutung der Gebiete schon durch Präzedenzfälle in Frage gestellt: Die geplante feste Fehmarnbeltquerung soll im Natura-2000-Gebiet Fehmarnbelt errichtet werden. Der Strukturfonds der EU soll dabei einen erheblichen Teil der Baukosten tragen.

Stellung des Natura-2000-Netzwerks im System der IUCN

Im international üblichen System der Management-Kategorien der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) ist das Natura-2000-Netzwerk nicht festzumachen:[14] Die Kommission hat es den Mitgliedern der EU freigestellt, wie das unionsrechtlich verankerte Interesse in Maßnahmen des Schutzgebietsmanagements umgesetzt wird. Je nach Schutzgut und -ziel sind unterschiedliche Schutzregime, von der vollkommenen Außernutzungstellung bis zu aktiven Maßnahmen zur Erhaltung einer Art oder eines Lebensraumes, sinnvoll und möglich.[15] Die rechtlichen Grundlagen der Gemeinschaften sehen nur ein Verschlechterungsverbot vor, manche Staaten – wie Österreich – fokussieren ihre nationalen Schutzmaßnahmen auf „Wiederherstellung“ und „Erreichung eines günstigen Erhaltungszustandes“[16] (positiver Erhaltungsgedanke). In einigen Ländern erfasst das Natura-2000-Netzwerk nur streng geschützte Gebiete, andere haben auch land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen mit aufgenommen.[15] Zahlreiche der Gebiete sind auch nationalen Schutzkategorien zugeordnet, und so zwischen IUCN II National Park (“protected area managed mainly for ecosystem protection and recreation”) bis zu V Protected landscape (“… managed mainly for landscape/seascape conservation and recreation”) einzuordnen, Natura-2000-Gebiete haben aber mit dem Wildnisgedanken (unberührter Natur, IUCN I) des klassischen Naturschutzes von ihrem Schutzkonzept her nichts zu tun.

Daneben hat eine Arbeitsgruppe der Ministerkonferenz zum Schutze des Waldes in Europa (MCPFE) ein – spezifisch europäisches – Klassifikationsschema Assessment Guidelines for Protected and Protective Forest and other Wooded Land in Europe (MCPFE-Schutzgebietsklassen) für Waldschutzgebiete erarbeitet, dass unter Klasse 1.3. “Conservation through active management” (deutsch: „Erhaltung durch aktives Management“) vorsieht – aber selbst diesem Konzept entspricht das Natura-2000-Netzwerk in seinem Anliegen, „die biologische Vielfalt in den Mitgliedstaaten durch Festlegung eines gemeinsamen Rahmens für die Erhaltung der wildlebenden Pflanzen und Tiere und der Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse aufrechtzuerhalten“,[1] nicht – die konkrete Kriterienliste entspricht eher dem Welterbe-Gedanken der UNESCO.

Nationale Umsetzungen

Kennzeichnung des Naturschutz- und Natura-2000-Gebiet Haslauer Moor, südlich von Amaliendorf (Waldviertel, Österreich)

Ende 2013 waren 27.308 SCI- und SPA-Gebiete mit 1.039.332 km² ausgewiesen, 787.767 km² Landfläche, 251.565 km² Meeresgebiet. Das sind 23 % der Staatsfläche (EU-28).[17] Spanien war zu der Zeit europaweit führend im Ausmaß der insgesamt geschützten Fläche (rund 148.000 km², 29,3 % des Staatsgebietes), ein Großteil davon liegt im Nationalpark Coto de Doñana. Frankreich an 2. Stelle hatte rund 111.000 km² ausgewiesen. Das dichteste Netz in Relation zum Staatsgebiet hatte Malta (rund 74 % der Staatsfläche geschützt). Bei den Seegebieten hatte Großbritannien mit rund 74.000 km² die umfangreichste Fläche, und Malta mit rund 61 % die höchste nationale Dichte.

  • In Deutschland wurde Natura 2000 mit der Umsetzung in nationales Recht innerhalb des Bundesnaturschutzgesetzes im April 1998 sowie mit den Novellen des BNatSchG 2002 und 2007 rechtsverbindlich. Da Naturschutz in Deutschland Ländersache ist, sind die einzelnen Bundesländer für die Ausweisung von FFH-Gebieten zuständig. Ausnahme ist die Deutsche AWZ; für Meeresschutzgebiete (MPA) in diesem maritimen Bereich ist der Bund und damit das BfN zuständig.
  • Zu Österreich, wo Natura 2000 im Landesnaturschutzrecht umgesetzt wird, siehe Europaschutzgebiete in Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Wien.
  • Schweden setzt Natura 2000 ebenfalls nach und nach um. Für Schweden sind 90 Lebensraumtypen gelistet und dazu ca. 100 gefährdete Tier- und Pflanzenarten aus den Anhängen 1 und 2.[18] Sämtliche schwedischen Natura-2000-Gebiete sind als Reichsinteresse klassifiziert.[19]

Konflikte

In ganz Europa ist die Ausweisung des Netzwerkes mit Nutzungskonflikten verbunden. Deshalb ist die nationale Umsetzung auch sehr unterschiedlich erfolgreich. Naturschutzverbände wiesen immer wieder auf die Degradation von FFH-Gebieten durch direkte Zerstörung, Landschaftszerschneidung oder Qualitätsminderung hin.

Beispiele:

  • Im Januar 2019 hat die Europäische Kommission Spanien wegen Nichteinhaltung der Richtlinie 2000/60/EG (Wasserrahmenrichtlinie) beim Gerichtshof der Europäischen Union angeklagt, da die Grundwasserkörper welche die Feuchtgebiete von Doñana speisen nicht genügend von der Nutzung durch die Landwirtschaft und den Tourismus geschützt werden.[20] Der WWF Spanien hat diesbezüglich bereits im April 2010 eine Beschwerde eingereicht, woraufhin die Europäische Kommission im November 2014 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Spanien eingeleitet hat. Nun wird noch der Europäische Gerichtshof, als oberstes rechtsprechendes Organ der EU, eine Entscheidung darüber fällen müssen.[21]
  • Der laut Euronatur wichtigste Zugvogel-Rastplatz an der Adria-Ostküste soll durch die Saline von Ulcinj in Montenegro für mindestens 257,8 Millionen Euro verkauft werden. Damit droht die Degradierung des global bedeutenden Feucht- und eines künftigen FFH-Gebiets. Im Rahmen der Privatisierung des einstigen Staatsbetriebs 2005 hat das Unternehmen Eurofond 75 Prozent des Betriebs für 800.000 Euro vom Staat Montenegro übernommen. Dazu zählt auch das 14,5 Millionen Quadratmeter große Salinengelände, das nun Bauland werden soll. Für Montenegro wurde mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) 2007 ein Raumplan (2005–2020) erstellt, der auch FFH-Gebiete vorsah. Der Beitrittskandidat Montenegro änderte 2012 die vorgesehene Nutzung des Gebiets.
  • In dem 1998 ausgewiesenen Natura 2000 MPA Fehmarnbelt entsteht nach dem Willen der deutschen und der dänischen Regierung die Feste Fehmarnbeltquerung.

Siehe auch

  • Berner Konvention
  • integriertes Küstenzonenmanagement

Verzeichnis:

  • Liste der FFH-Gebiete in Deutschland

Literatur

  • Hansjakob Baumgartner: Biber, Wolf und Wachtelkönig: 23 Wildtiere des Smaragd-Programms. Haupt, Bern / Stuttgart / Wien, 2007 ISBN 978-3-258-07007-0
  • Tobias Garstecki et al.: Natura 2000 Award Scheme – Environmental Benchmarking Report. adelphi, Berlin 2015 PDF
  • Martin Gellermann; Claus Carlsen (Hrsg.): Natura 2000. Europäisches Habitatschutzrecht und seine Durchführung in der Bundesrepublik Deutschland. In: Natur und Recht. Band 4, 2., erweiterte und berichtigte Auflage. Springer, Berlin / Wien 2001, ISBN 3-540-40563-1.
  • Ahmet Mithat Günes: Das Schutzregime der FFH-Richtlinie und seine Umsetzung in nationales Recht, Shaker, Aachen 2007. ISBN 978-3-8322-6829-9 (Zugleich Dissertation an der Universität Bielefeld, 2007).
  • Cesare Lasen, Thomas Wilhalm; Autonome Provinz Bozen-Südtirol Abteilung Natur und Landschaft (Hrsg.): Natura 2000 Lebensräume in Südtirol. In: Naturschutz in Südtirol. Autonome Provinz Bozen-Südtirol Abteilung Natur und Landschaft, Bozen 2004, ISBN 88-900534-3-7.
  • C. Mayr: 25 Jahre EG-Vogelschutzrichtlinie in Deutschland. Bilanz und Ausblick. In: Natur und Landschaft 79, 2004, Heft 8: 364–370.
  • C. Mayr: Europäische Schutzgebiete in Deutschland. Eine (fast) unendliche Geschichte. In: Der Falke 55, 2008, Heft 5: S. 186–192.
  • Axel Ssymank, U. Hauke, C. Rückriem, E. Schröder unter Mitarbeit von Doris Messer: Das europäische Schutzgebietssystem Natura 2000. BfN-Handbuch zur Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und der Vogelschutz-Richtlinie. Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz, Band 53. 1998, ISBN 3-89624-113-3, 560 S.
  • Sarah Sach: Natura 2000 – Rückgrat des europäischen Naturschutzes. In: Sachsen-Anhalt-Journal 26 (2016), H. 4, S. 21–23

Weblinks

 Commons: Natura 2000 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference

Allgemein

  • Natura 2000. Generaldirektion Umwelt (DG ENV) der Europäischen Kommission → Nature & Biodiversity, ec.europa.eu (englisch)
  • Building the Natura 2000 network. European Topic Centre on Biological Diversity (EIONAT), bd.eionet.europa.eu (über den Aufbau des Systems, englisch)
  • Dossier zu Natura 2000. Waldwissen.net – Fokus auf Deutschland und Österreich

Materialien und Karten

Deutschland

Österreich

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Natürliche Lebensräume (Natura 2000). EUROPA → Zusammenfassungen der EU-Gesetzgebung (deutsche Fassung)
  2. Natura 2000 Barometer. In: Europäische Kommission. Abgerufen am 19. März 2016.
  3. Natura 2000. In: Europäische Kommission. Abgerufen am 9. März 2016.
  4. Definition von BSG (Archivversion vom 20. Juli 2009) auf Umwelt.sachsen.de
  5. Natura 2000. In: UMWELTnet → Natur- & Artenschutz. Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW), abgerufen am 24. Juni 2010.
  6. Natura-2000-Gebiete. In: umweltbundesamt.at → Umweltinformation → Naturschutz → Schutzgebiete → Natura-2000-Gebiete. Umweltbundesamt (UBA), abgerufen am 14. August 2010.
  7. Natura 2000 Österreich. In: tirol.gv.at »Themen »Umwelt »Naturschutz. Tiroler Landesregierung, abgerufen am 16. Juni 2010.
  8. Natura-2000-Barometer (PDF; 108 kB) ec.europa.eu (Stand der Schutzgebietsausweisung)
  9. Europäische Naturschutzgebiete wachsen weiter. (Archivversion vom 21. August 2011) Presseportal „Europa vor Ort“, 10. Januar 2011
  10. Pressemitteilung des Nabu vom 24. Januar 2019, Abruf am 20. März 2019
  11. Pressemitteilung der EU-Kommission vom 24. Januar 2019, Abruf am 20. März 2019
  12. DNR EU-Rundschreiben 03.2003
  13. bfn.de (Archivversion vom 17. Januar 2014)
  14.  Georg Frank: Harmonisierung europäischer Waldschutzgebiete. In: Forstzeitung. Leopoldsdorf 2006 (Auszug, abgerufen am 26. Juni 2010).
  15. 15,0 15,1 zit. Frank 2006/waldwissen.net
  16. Beispielhafte Zitate § 14 Sonderbestimmungen für Natura 2000-Gebiete Abs. 3a und 3b, Tiroler Naturschutzgesetz 2005 (TNSchG 2005); Kundmachung der Landesregierung vom 12. April 2005 über die Wiederverlautbarung des Tiroler Naturschutzgesetzes 1997. LGBl. Nr. 26/2005
  17. ec.europa.eu abgerufen am 8. August 2014
  18. naturvardsverket.se ­(Seite nicht mehr abrufbar) [1] Vorlage:Toter Link/www.naturvardsverket.se
  19. Länsstyrelsen i Stockholms län - Riksintressen
  20. Europäische Kommission: Kommission verklagt Spanien wegen unterlassenen Schutzes der Feuchtgebiete von Doñana. 24. Januar 2019, abgerufen am 24. Januar 2019.
  21. WWF: EU-Kommission bringt Spanien vor den Europäischen Gerichtshof. 24. Januar 2019, abgerufen am 25. Januar 2019.

Ähnliche Artikel wie "Natura 2000"

20.05.2020
Ökologie | Biodiversität | Insektenkunde
Insekten werden von Schutzmaßnahmen zu wenig berücksichtigt
Das Netzwerk der Natura 2000-Schutzgebiete der Europäischen Union (EU) soll gefährdete Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräume schützen.
21.02.2019
Zoologie | Ökologie
Eine gute Nachricht: Schützenswerte Lebensräume in Deutschland sind geschützt
Das größte koordinierte Netz von Naturschutzgebieten weltweit liegt weder am Südpol noch in Australien, Afrika, Asien oder auf den amerikanischen Kontinenten – sondern in Europa.
05.12.2018
Vogelkunde | Biodiversität | Insektenkunde
Durchs Netz gefallen - Weniger Tagfalter auch in Schutzgebieten
Wie ein Rettungsnetz für die Artenvielfalt zieht sich das Schutzgebietssystem „Natura 2000“ quer durch die EU.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die letzten News

18.01.2021
Zytologie | Entwicklungsbiologie
Die ersten Löwen-Embryonen aus eingefrorenen Eizellen
E
18.01.2021
Mikrobiologie | Biochemie | Biotechnologie
Mikroorganismus baut Phenol unter extremen Bedingungen ab
Forschende vom Leibniz-Institut DSMZ in Braunschweig haben den Abbau von Phenol durch Saccharolobus solfataricus charakterisiert.
18.01.2021
Physiologie | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Methanausstoß von Milchkühen messen
Wissenschaftler des Instituts für Nutztierbiologie Dummerstorf haben ein neues Verfahren zur Vorhersage des Methanausstoßes einer Milchkuh entwickelt.
18.01.2021
Zoologie | Genetik | Ethologie
Berliner Igel bilden keine genetisch isolierten Bestände
Igel leben sowohl auf dem Lande als auch in größeren Städten.
16.01.2021
Botanik | Taxonomie
Die einzigartige Flora Neukaledoniens
Sieben neue Arten der Hundsgiftgewächse (Apocynaceae) haben Forscher*innen der Universität Bayreuth in Neukaledonien entdeckt. Auf den Spuren des britischen Entdeckers James Cook untersuchten sie im Frühjahr 2019 die Flora auf der Inselgruppe im Südwestpazifik.
16.01.2021
Taxonomie | Fischkunde
Neue Fischgattung aus Indien: Der Kiemenschlitzaal
Senckenberg-Wissenschaftler Ralf Britz hat gemeinsam mit internationalen Kolleg*innen eine neue Fischgattung beschrieben.
16.01.2021
Anthropologie
Wo man lebt, prägt das Verhalten
Je nachdem, wo auf der Welt sie leben, organisieren Menschen aus Jäger- und Sammlergesellschaften sich ihr Leben zum Beispiel bei der Nahrungssuche, Fortpflanzung, Betreuung des Nachwuchses und sogar hinsichtlich ihres sozialen Umfelds ähnlich wie Säugetier- und Vogelarten, mit denen sie ihren Lebensraum teilen.
16.01.2021
Ökologie | Biochemie
Wie Pflanzen Abwehrgifte bilden ohne sich selbst zu schaden
In einer neuen Studie klären Forschende des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie und der Universität Münster die Biosynthese und genaue Wirkungsweise von Diterpen-Glykosiden in wilden Tabakpflanzen auf.
13.01.2021
Zoologie | Ethologie | Meeresbiologie
Kegelrobben fressen Seehunde, Schweinswale – und ihre Artgenossen
Kegelrobben (Halichoerus grypus) sind Deutschlands größte freilebende Raubtiere. Viele Feriengäste kennen das Bild, wenn sie auf Helgoland am Strand oder in anderen Nordseeregionen auf Sandbänken liegen – friedlich nebeneinander oder neben Seehunden.
12.01.2021
Botanik | Ökologie | Insektenkunde
Schmetterling beweist: Karpaten waren in der Eiszeit teilweise bewaldet
Senckenberg-Wissenschaftler haben die Rückzugsorte des Tagfalters Erebia aethiops während der letzten Eiszeit in Europa untersucht.
12.01.2021
Mikrobiologie | Biochemie
Bakterium produziert pharmazeutische Allzweckwaffe
Ein Wirkstoff aus den Blättern einer Zierpflanze gilt seit einigen Jahren als möglicher Vorreiter einer neuen Gruppe potenter Medikamente.
11.01.2021
Zoologie | Physiologie | Video
Neon-grünes Leuchten beim Wüstengecko
Forschende der Zoologischen Staatssammlung München (SNSB-ZSM), der LMU und der Hochschule München haben entdeckt, dass der Wüstengecko Pachydactylus rangei aus Namibia unter UV-Licht stark neon-grün fluoreszierende Streifen an den Körperseiten und um die Augen zeigt.
11.01.2021
Ethologie | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Ziegen mögen Denksport
Wissenschaftler untersuchten in einem Deutsch-Schweizer Projekt die Lernfähigkeit von Ziegen.
09.01.2021
Ethologie | Neurobiologie
Schlaf für Erholung des Gehirns unersetzlich
Forscher*innen des Universitätsklinikums Freiburg weisen erstmals direkt nach, dass während des Schlafens im Gehirn aktive Erholungsprozesse ablaufen, die sich nicht durch Ruhe ersetzen lassen. Die Erkenntnisse sind relevant für optimale Leistung.
07.01.2021
Ökologie | Biodiversität
Starker Rückgang einer einst zahlreichen Tierart
Eine erneute Untersuchung der Puku-Antilopen im Kasanka Nationalpark in Sambia dokumentiert einen starken Rückgang.
07.01.2021
Ethologie | Video | Primatologie
Guineapaviane grunzen mit Akzent
Vokales Lernen führt zur Anpassung der Lautstruktur in einer mehrstufigen Pavian-Gesellschaft.
07.01.2021
Klimawandel | Meeresbiologie
Das neue Gesicht der Antarktis
Die Antarktis könnte künftig ergrünen und von neuen Arten besiedelt werden. Andererseits dürften Spezies verschwinden.
07.01.2021
Klimawandel | Meeresbiologie | Neobiota
Biodiversitäts-Kollaps im östlichen Mittelmeer
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Paolo G.
07.01.2021
Botanik | Klimawandel
Klimawandel verursachte Mangrovensterben in Oman
Vor rund 6.000 Jahren verschwanden die meisten Mangroven-Bestände an den Küsten Omans.
04.01.2021
Biodiversität | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Angepasste Konzepte für die Vielfalt der Waldbewirtschaftung
Europas Wälder müssen heute viele Funktionen gleichzeitig erfüllen. Wer Holz nutzt und die Biodiversität fördert, deckt zwei wichtige davon ab.
01.01.2021
Physiologie | Paläontologie
Früher Säuger mit erstaunlich präzisem Biss
Wissenschaftlern ist es gelungen, die Kaubewegung eines frühen Säugetiers zu rekonstruieren, das vor knapp 150 Millionen Jahren gelebt hat. Demnach arbeitete sein Gebiss äußerst präzise und mit erstaunlich hoher Effizienz.
29.12.2020
Klimawandel | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Klimakrise lässt Seen schrumpfen
Autoren plädieren in Fachartikel für mehr Aufmerksamkeit für Regionen, in denen der Wasserpegel sinkt.
28.12.2020
Zoologie | Physiologie | Ethologie
Globale Studie über Frequenzen von Vogelgesängen
Viele Tiere kommunizieren über akustische Signale.
25.12.2020
Zytologie | Neurobiologie
Stammzellen des Gehirns teilen sich über Monate
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Zürich konnten erstmals beobachten, wie sich Stammzellen im erwachsenen Gehirn der Maus über Monate hinweg teilen, um neue Nervenzellen zu bilden.
25.12.2020
Meeresbiologie
Zahlreiche Flohkrebse in den Korallenriffen südöstlich von Island entdeckt
Das Naturhistorische Museum Wien und das Centrum für Naturkunde (CeNak) der Universität Hamburg untersuchen gemeinsam Kaltwasserriffe südlich von Island und fanden unzählige kaum erforschte Flohkrebse, Amphipoda.