Die Fossilien von Quercy - Früheste Primaten in Europa

Die verkarsteten Kalkplateaus im Gebiet von Quercy im südlichen Frankreich bergen in ihren Höhlensedimenten reiche Fossilfunde aus einer langen Phase des Tertiärs. Dieses Fenster in die Vergangenheit zeigt Einblicke in einen wichtigen Evolutionsabschnitt vieler Säugetiergruppen. Damals lebten hier auch einige der frühesten Primaten.

Die zerbrechlichen, kleinen Schädel der frühesten europäischen Primaten sind erstaunlich gut erhalten. Schon der hervorragendste Paläontologe des 18. Jahrhunderts, Georges Cuvier, konnte anhand der Fossilien von Adapis erkennen, dass es sich bei den Knochen um einen Primaten handelte.

Um den guten Erhaltungszustand zu verstehen, muß man sich gedanklich in das Eozän vor 35 Millionen Jahren zurückversetzen, und zwar nach Südfrankrich in die Umgebung der heutigen Stadt Cahors. Vor unseren Augen entsteht eine Umwelt mit gemäßigtem bis warmen Klima. Der Untergrund der südfranzösichen Böden ist damals sehr kalkhaltig und voller Hohlräume, die im Laufe vieler hunderttausender Jahre allmählich durch Sickerwasser entstanden sind.

In der Gegend von Quercy gab es Spalten, Grotten und Kavernen, die ein dichtes, von unterirdischen Flüssen durchzogenes Netz bildeten. Viele der Höhlen hatten Schlote und Schächte zur Oberfläche hin, die zu natürlichen Fallen für so manche an der Oberfläche lebenden Tiere wurden.


Adapis parisiensis aus Quercy, Frankreich
Gut erhaltener Schädel von Adapis parisiens, der in der Quercy Region in Südfrankreich recht häufig vorkam.
Adapis parisiensis aus Quercy, Frankreich
Dieser sehr gut erhaltene Schädel eines Primaten gehörte Pronycticebus, einer Gattung aus der Unterfamilie Pronycticebinae innerhalb der Adapiformes. Pronycticebus war im Mittel- und Späteozän in Europa verbreitet.

Im Laufe der Zeit lagerten sich in den Schächten Tonsedimente ab, die von der Oberfläche oder von aufsteigendem Grundwasser eingeschwemmt wurden. An anderen Stellen entstanden immer wieder Löcher, die als natürliche Abflüsse dienten. Der Prozess der Füllung und Auswaschung dauerte etwa zehn Millionen Jahre an, lange genug, um eine interessante Epoche der Säugetierevolution für uns zu erhalten - und um den Artenreichtum der frühen Primaten zur Zeit ihrer ersten Blüte zu offenbaren.

Die Hochplateaus von Quercy bestehen meist aus marinem Kalk, der vor etwa 135 Millionen Jahren im Mesozoikum am Grund des Jurameeres abgelagert wurde. Nach dessen Rückzug haben Niederschlagswasser die Spalten, Stollen und Kamine dieser Karstlandschaft ausgehöhlt. Während des Tertiärs füllten sich die Hohlräume mit schweren, nässenden Tonen, die von der Hochfläche eingeschwemmt wurden - darunter die Körper unzähliger toter Tiere. Gleichzeitig lagerte sich Phosphorit ab, ein phosphathaltiges Mineral. Die ältesten mit Fossilien gefüllten Spalten kann man zurück bis ins mittlere Eozän datieren, die jüngsten reichen bis ins frühe Miozän.

Phoshorit war und ist ein wertvoller Dünger, so kam es auch Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Ansturm auf die südfranzösischen Kalkplateaus bei Cahors. Das mit primitiven Hilfsmitteln wie Spitzhacke, Schaufel und Schubkarre abgebaute Mineral, das unter anderem nach England exportiert wurde, enthielt unzählige Fossilien, von denen einige bemerkenswert gut erhalten waren. Sie weren heute in Museen auf der ganzen Welt ausgestellt. Mit der Entdeckung von wirtschaftlich rentableren Phosphoritvorkommen in Nordafrika wurde der Abbau am Rande des französischen Zentralmassivs eingestellt, jedoch nur bis Anfang der 1970er Jahre: Nun interressierten sich Paläontologen für die Sedimente.

Und die gingen wissenschaftlich professionell vor, anders als die Arbeiter in den Zeiten des kommerziellen Abbaus davor. Sie legten die Fossilien äußerst behutsam frei und bestimmten von jedem einzelnen Fund die genaue stratigraphische Lage. Die so zutage geförderten Fossilien brachten viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

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