Die ersten echten Primaten



Die Evolution der ersten echten Primaten begann vor etwa 55 Millionen Jahren am Anfang des Eozäns, vielleicht auch schon etwas früher.

Ihre Fossilien sind in Nordamerika, Europa und Asien gefunden worden. Sie sahen den heutigen Primaten noch nicht sehr ähnlich. In Größe und Erscheinungsform erinnerten sie eher an Eichhörnchen, aber anscheinend waren die Hände und Füße leistungsfähiger, was das Fassen und Manipulieren von Gegenständen sowie das Klettern in Bäumen angeht. Die Position ihrer Augen deutet außerdem an, dass diese frühen Primaten ein wirkungsvolleres, räumliches Sehen entwickelten.

Steckbrief

Der Beginn des Eozäns vor 55,8 Millionen Jahren markiert das Auftreten der meisten plazentaren Säugetiere, wie wir sie heute kennen. Die Fossilien aus dieser Zeit zeigen auch, dass sich immer größere Arten mit immer größeren Gehirnen entwickelten. Einige Forscher sehen die Ursache dafür in direktem Zusammenhang mit der Tatsache, dass sich der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre vor 50 Millionen Jahren nahezu verdoppelt hat. Größere Säugetiere haben verhältnismäßig wenig Kapillaren für den Transport des Sauerstoffs zu den Zellen ihrer Körper. Folglich müssen sie Luft atmen, die viel Sauerstoff enthält. Große Gehirne brauchen besonders hohe Sauerstoffmengen und zusätzlich müssen trächtige Weibchen einen erheblichen Teil des Sauerstoffs in ihrem Blut ihren Föten bereitstellen.

Mit der Zunahme des atmosphärischen Sauerstoffes zu Beginn des Eozäns ging eine verhältnismäßig plötzliche, mindestens 200 000 Jahre andauernde globale Erwärmung von 5-9° C einher. Auch das könnte neben anderem einer der Hauptfaktoren sein, die im Eozän zu dieser schnellen Evolution der Tiere und Pflanzen führte.

Unter den neuen Säugetiearten des Eozäns waren auch Primaten, die bereits ein wenig an moderne Strepsirrhini (Feuchtnasenaffen) wie Lemuren, Loris und vielleicht auch Koboldmakis erinnern. Das Eozän war die Epoche, in der sich die zuvor weniger spezialisierten Arten durch Ausbildung spezifischer Anpassungen in viele Arten auffächerten. Es gab mindestens 60 Klassen von Primaten, die in den meisten Fällen zu zwei Familien gehören:

  1. Adapidae (Primaten ähnlich den Lemuren und Loris) und
  2. Omomyidae (Primaten, die möglicherweise wie Galagos und Tarsier aussahen)

Unterm Strich lebten damals fast viermal soviele Primatenarten als heute. Die Primaten des Eozäns waren in Nordamerika, Europa, Afrika und Asien beheimatet. Während dieser Epoche erreichten sie auch die Insel Madagaskar vor der ostafrikanischen Küste. Die große Vielfalt der eozänen Feuchtnasenaffen war vermutlich eine Konsequenz aus der Tatsache, dass sie noch keine Konkurrenz von den Haplorhini (Trockennasenaffen) zu fürchten hatten, da sich diese erst säter entwickelten.

Einige evolutionäre Veränderungen in Größe und Gestalt bei manchen eozänen Primaten deuten schon jene Arten an, die noch nachfolgen sollten.  Ihre Gehirne und Augen wurden größer, während ihre Schnauzen sich verkleinerten. An der Unterseite des Schädels gibt es ein Loch, durch das das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden ist. Diese Öffnung nennt man Foramen magnum (lat. für „das große Loch oder die Öffnung“). Die Position des Foramen magnum ist ein guter Anhaltspunkt, um den Winkel der Wirbelsäule zum Schädel zu bestimmen, und ob die gewohnheitsmäßige Körperhaltung eines Tieres eher horizontal (wie bei den Pferden) oder eher vertikal (wie bei den Affen) ist. Während des Eozäns entwickelten sich einige Primaten, bei denen das Foramen magnum von der Rückseite des Schädels zu dessen Mitte hin verlagert ist. Dies deutet darauf hin, dass diese Primaten eine mehr aufrechte Haltung beim Springen und Sitzen hatten, etwa so wie moderne Lemuren, Galagos und Koboldmakis.

Gegen Ende des Eozäns waren viele der frühen Primaten bereits wieder ausgestorben. Dies hängt möglicherweise mit einem Klimawandel hin zu kühleren Temperaturen sowie mit dem Auftauchen der Trockennasenaffen (Haplorhini) während des Überganges zur nachfolgenden geologischen Epoche, dem Oligozän (vor ungefähr 34 Millionen Jahren) zusammen.

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