Tonkin-Langur (Trachypithecus francoisi)

Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) sind baumlebende, tagaktive Primaten aus der Teilordnung der Altweltaffen (Catarrhini). Sie leben im südlichen China in den Provinzen Chongqing, Guangxi, Guizhou, Chongqing und Sichuan sowie im Nordosten Vietnams [2].


Lebensraum

Ihr Lebensraum sind semi-tropische Monsunwälder, feuchte tropische und subtropische Regenwälder in karstigen Regionen. Die Affen nutzen Höhlenformationen und Überhänge in karstigem Gelände als Witterungsschutz und Zuflucht. Die Affen leben in Höhenlagen bis zu 1.500 m [6].

Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) wurde erstmals von M. Francois erwähnt, einem französischen Konsul in Lungchow, Provinz Guangxi, China, der die Primaten an den Klippen entlang des Flusses Longkiang beobachtete. Er beschrieb Schwärme von kleinen schwarzen Affen mit langen Schwänzen und schwarzem Kopf. Die Art wurde erstmals im Jahre 1898 offiziell von Eugène de Pousargues (1856-1901) anhand von Exemplaren aus Longzhou, südliche Provinz Guangxi, beschrieben [4].


Aussehen

Die Männchen der Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) sind mit durchschnittlich 57,0 cm Körperlänge (einschließlich Kopf) geringfügig größer als die Weibchen, die durchschnittlich 54,8 cm erreichen, hinzu kommt der Schwanz mit etwa 85 cm. Erwachsene Affen erreichen ein Gewicht von 5,9 kg [9].

Die Fellfarbe reicht von gleichmäßig braun bis schwarz oder dunkelgrau. Von den Mundwinkeln verläuft ein weißer Streifen bis zu den Ohren. Auf dem Kopf befindet sich ein etwas nach vorne geneigter Haarschopf. Der Nachwuchs ist goldgelb mit schwarzem Schwanz, ein Merkmal, das die Haubenlanguren (Trachypithecus) von den Mützenlanguren (Presbytis) unterscheidet.

Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) haben relativ kleine Köpfe, der Schwanz ist lang, gerade und schwarz mit einer weißen Spitze. Die Vorderbeine sind viel kürzer als Hinterbeine, Hände und Füße sind haarlos, was ihnen ein sicheres und kraftvolles Greifen von Ästen und Zweigen ermöglicht. Die Daumen sind gut entwickelt, opponierbar und deutlich kürzer als die Daumen der Gattung Presbytis.


Ernährung

Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) bewohnen Reviere von etwa 157 Hektar, innerhalb deren Grenzen bewegen sie sich bei der Nahrungssuche täglich etwa 1 km fort [8][10]. Sie ernähren sich wie alle Schlank- und Stummelaffen in erster Linie von Blättern, vor allem reife Blätter, aber auch von Früchten und gelegentlich Insekten. Diese Art der Ernährung liefert nur wenig Proteine und die Blätterfasern erfordern ein spezialisiertes Verdauungssystem. Die Mägen von Mitgliedern der Unterfamilie Colobinae sind groß und haben mehrere Kammern. In ihren Vormägen leben Bakterien, die die Cellulose der Blätter aufbrechen und dabei helfen, die faserige Nahrung zu verdauen [1][3][4][5].


Gruppenleben

Die Sozialstruktur der Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) bildet mit ihren Ein-Männchen-Gruppen eher die Ausnahme in der Gattung Trachypithecus, wo sonst Mehr-Männchen-Gruppen vorherrschen. Die Gruppen sind polygyn geprägt, d.h. das Männchen paart sich mit allen Weibchen der Gruppe. Obwohl bei Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) noch nicht beobachtet, bilden junge Männchen bei anderen Arten der Gattung sogenannte Junggesellengruppen, die gelegentlich Familiengruppen angreifen, um das dominante Männchen zu stürzen und seinen Platz einzunehmen [8][10].


Fortpflanzung

Paarungen erfolgen das ganze Jahr über und erreichten im Herbst und Winter ihren Höhepunkt. Der Ovarialzyklus der Weibchen dauert 24 Tage. Nach einer Tragzeit von 6 - 7 Monaten kommt ein einzelnes Junges zur Welt. Die Neugeborenen wiegen rund 457 g, sind voll behaart und bereits ziemlich aktiv. Die jungen Affen erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 4 - 5 Jahren. Da Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) noch nicht umfassend erforscht sind, ist die Zeit bis zur Entwöhnung und Unabhängigkeit unbekannt [8][10].

Allomothering ist auch bei den Weibchen der Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) dokumentiert worden und ist ein häufiges Merkmal bei asiatischen Schlankaffen (Colobinae). Dabei gibt die säugende Mutter ihre Kleinkinder kurzfristig zur Pflege an andere Weibchen der Gruppe ab, um ungestört nach Nahrung suchen zu können. Weiterhin vermutet man, dass diese Form der Pflege die mütterlichen Kompetenzen jugendlicher Weibchen verbessert, dass die neuen Kinder besser in die Gruppe integriert werden und dass es die Chancen von Adoption erhöht, falls ein Weibchen mit Nachwuchs getötet wird.

Andere Aspekte der elterlichen Fürsorge sind unbekannt, jedoch bei den meisten anderen Primaten mit ähnlichen sozialen Strukturen liegt die Aufzucht des Nachwuchses in der Verantwortung der Weibchen. Sie pflegen, ernähren und schützen ihre Jungen. Allerdings kann es vorkommen, dass Männchen die Jungen herumtragen und beim Schutz eine Rolle spielen, besonders dann, wenn sich rivalisierende, zum Infantizid neigende Junggesellengruppen in der Nähe befinden [10].

Als tagaktive Baumbewohner sind Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) extrem wendig und können von Baum zu Baum springend große Distanzen überwinden. Die Gruppengröße beträgt 3 - 10 Individuen. Die Männchen der Gattung Trachypithecus halten Artgenossen von ihren Territorien in der Regel durch laute Vokalisationen und Posen fern, obwohl dies bei Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) bisher nicht explizit beobachtet wurde.

Beobachtungen zufolge gibt es unter Dominanzhierarchien unter den Weibchen, jedoch wurden ihre Beziehungen untereinander aufgrund der schlechten Beobachtbarkeit in freier Wildbahn noch nicht gut dokumentiert. Man weiß jedoch, dass Weibchen oft dicht beieinander sitzen und sich gegenseitig das Fell pflegen (Grooming) [5][8][10].


Kommunikation

Vokalisierung und visuelle Displays sind bei anderen Mitgliedern der Gattung Trachypithecus gut dokumentiert, jedoch ist über die Kommunikation bei Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) wenig bekannt. Es ist anzunehmen, dass es wie bei anderen Primaten visuelle, taktile, akustische und chemische Kommunikation gibt [10].


Bedrohungen

In Vietnam ist die größte Bedrohung für Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) die Jagd, obwohl einige Populationen auch durch Bergbau und Rohstoffgewinnung in den Karstgebirgen sowie deren Folgen bedroht sind [7]. Jagd findet überwiegend für die Verwendung als "traditionelles Arzneimittel" statt, in geringerem Maße wegen ihres Fleisches (überwiegend für chinesische Restaurants). Die Isolation und Zersplitterung von Populationen aufgrund der landwirtschaftlichen Expansion (Reisfelder, Mais) bedroht zudem die genetische Lebensfähigkeit der kleinen vietnamesischen Populationen [7]. In der Provinz Guangxi, China, ist die Bedrohung durch Jagd besonders hoch, da dort illegal "schwarzer Affenwein" hergestellt wird, für den speziell Tonkin-Languren (Trachypithecus francoisi) verwendet werden. Die Tiere werden für diesen Zweck sogar illegal aus Vietnam eingeführt. Außerdem sind die Populationen in ganz China durch Verlust von Lebensraum aufgrund lokaler Bodenkultivierung und Brennholzentnahme aus den Wäldern akut bedroht. Unkontrollierte Brände, die sich bis in die Karstregionen ausbreiten, tun ihr übriges.

Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft die Art als stark gefährdet (Endangered) ein, da die Populationen in den vergangenen 36 Jahren (drei Affengenerationen) schätzungsweise um mindestens 50% zurückgegangen sind, vor allem durch Verlust von Lebensraum und durch die Jagd [2].


Systematik


Literatur

[1] Becher et al., 2001; [2] Bleisch, B., Manh Ha, N., Khat Quyet, L. & Yongcheng, L. 2008. Trachypithecus francoisi. In: IUCN 2010. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2010.2. <www.iucnredlist.org>. Downloaded on 08 August 2010; [3] Davies, 1994; [4] Glover, 1938; [5] Helin et al., 1999; [6] Marsh, 1987; [7] Nadler et al., 2003; [8] Nowak, R. 1997; [9] Rowe, 1996; [10] Yeager und Kool, 2000

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