Menschen (Homo sapiens)

Die Gattung Mensch (Homo) ist mit einer einzigen Art die am höchsten entwickelte Primaten-Gruppe. Trotzdem ist von einer einst artenreichen Gattung nur noch die Spezies Homo sapiens übrig.


Lebensraum

Menschen sind in fast allen terrestrischen Teilen der Erde anzutreffen. Ausnahmen sind extrem trockene Regionen, beispielsweise bestimmte Teile Australiens und das Innere der Sahara oder eisbedeckte Regionen, vor allem der größte Teil Grönlands und der Antarktis. Durch ihr Wissen und ihre technischen Fähigkeiten können Menschen vorübergehend aber auch solche unwirtlichen Gegenden bewohnen. Menschen bewegen sich frei auf und unter den meisten von Wasser bedeckten Teilen der Welt, fliegen durch die Atmosphäre und halten sich in einer Umlaufbahn um den Planeten Erde auf. Von Dezember 1968 bis Dezember 1972 hat eine Reihe von raketenbetriebenen Raumfahrzeugen Menschen in die Nähe des Mondes und zurück zur Erde gebracht. Bei drei dieser Expeditionen wurde der Mond lediglich umkreist, aber bei sechs Mondmissionen landeten Teams von jeweils zwei Männern auf der Mondoberfläche.


Taxonomie

Noch bis vor kurzem gab es unterschiedliche Ansichten, welche Primaten zur Familie Hominidae zu zählen sind. Während es heute gängige Praxis ist, Menschen und große Menschenaffen innerhalb dieser Familie zu platzieren, war in der Vergangenheit das einzige lebende Mitglied der Homo sapiens. Menschenaffen fasste man in der Familie Pongidae zusammen. Erst Groves (1986) teilte die Hominidae weiter in zwei Unterfamilien auf: Homininae mit den Gattungen Pan, Gorilla und Homo, und Ponginae mit Pongo. Bis etwa 1970 war man allgemein der Ansicht (in erster Linie auf der Grundlage fossiler Beweise), dass die Evolutionslinie, die zu Homo führt, sich von den Menschenaffen in der Mitte des Miozäns vor etwa 15 Millionen Jahren trennte. Es wurde ferner angenommen, dass Sivapithecus und Ramapithecus aus dem südlichen Asien und Afrika die ersten echten Hominiden waren. Heute gibt es einen großen Konsens, basierend größtenteils auf biochemischen Analysen von Menschenaffen und Menschen, dass Sivapithecus (zu dem man heute auch Ramapithecus zählt) in der Nähe der Ahnenreihe von Pongo anzusiedeln ist. Diese Linie scheint sich im mittleren Miozän von der Linie, die zu den Menschen und den beiden afrikanischen Menschenaffen führt, abgespalten zu haben, und zwar im späten Miozän vor rund 8 Millionen Jahren. Die Trennung der Vorfahren von Pan und Homo erfolgte schließlich im Pliozän vor vielleicht nur 4 - 5 Millionen Jahren. Eine Minderheit, gestützt durch bestimmte morphologische Beweise, ist der Ansicht, dass Pongo der nächste lebende Verwandte von Homo ist. Es wurden auch einige Vorschläge gemacht, Gigantopithecus, den riesigen Menschenaffen aus dem Plio- und Pleistozän Südostasiens, den man in der Regel als einen Verwandten von Pongo betrachtet, als einen abweichenden Zweig der Homo-Linie zu betrachten.


Die Australopithecinen

Eine weitere Unterfamilie innerhalb der Hominidae nennt man Australopithecinae (umgangssprachlich als Australopithecinen bezeichnet), deren Mitglieder allesamt ausgestorben sind und die erwiesenermaßen einen ähnlichen aufrechten Gang wie der Mensch praktizierten. Diese wichtige Entwicklung, wie alle wichtigen Schritte in der Evolution des Menschen, scheinen in Afrika stattgefunden zu haben. Versteinerte Knochen und Fußabdrücke der zweibeinigen Australopithecinen deuten darauf hin, dass sie vor 3 bis 4 Millionen Jahren in Afrika entstanden sind. Das älteste und gleichzeitig relativ vollständigste Exemplar kennt man als "Lucy", ein weiblicher Australopithecus afarensis, der in Äthiopien gefunden wurde. Lucy war schätzungsweise etwa 1 Meter groß und wog 30 kg. Die Gehirnkapazität von 400 cm³ ist etwa gleich groß wie die eines modernen Schimpansen. Die Männchen ihrer Art können bis zu 1,5 Meter groß und 68 kg schwer gewesen sein. Späteres fossiles Material aus dem östlichen und südlichen Afrika deutet darauf hin, dass aus A. afarensis zwei weitere Entwicklungslinien entspringen. Eine Linie, die durch die Art A. africanus vertreten ist, scheint relativ leicht gebaute Wesen hervorgebracht zu haben, die wiederum die Vorfahren von Homo gewesen sein könnten. Die andere Linie wird durch ein Exemplar vertreten, das als "black skull" Einzug in die wissenschaftliche Literatur hielt und aus 2,5 Millionen Jahre alten Schichten in Kenia stammt. Dieser als Australopithecus aethiopicus bezeichnete Hominine war offenbar Ausgangspunkt für zwei weitere, sehr robust gebaute Spezies: A. robustus und A. boisei. Diese beiden Arten lebten zeitgleich mit dem frühesten bekannten Homo, dem H. habilis, der zwischen etwa 2,2 und 1,6 Millionen Jahren in Afrika lebte, aber schließlich starben sie aus. Die Überreste von Australopithecus und H. habilis sind aus den untersten Schichten der Olduvai-Schlucht in Tansania ergraben worden, so dass man getrost davon ausgehen darf, dass beide Arten zeitgleich nebeneinander existierten. Zumindest eine Art, der H. habilis, hat zu diesem frühen Zeitpunkt bereits Steinwerkzeuge hergestellt, da einige dieser Artefakte zusammen mit Skelettresten ausgegraben wurden.


Die frühesten Menschen

H. habilis hatte eine Gehirnkapazität von etwa 700 cm³, das ist deutlich mehr, als jeder moderne Menschenaffe aufweisen kann. Auch er ist verschwunden, aber aus ihm entwickelte sich wohl der Homo erectus, das erste Wesen, das man mit Sicherheit als Mensch bezeichnen kann. Fortschrittliche Merkmale, wie sie der H. erectus besitzt, tauchen erstmals in etwa 1,6 Millionen Jahre alten Schichten in Ostafrika auf, dazu gehören z.B. ein auf rund 900 cm³ vergrößertes Gehirn und ein dem Homo sapiens schon sehr ähnlicher Körperbau. Schon kurz nach seiner Entstehung scheint H. erectus sogleich seinen Heimatkontinent Afrika verlassen zu haben, davon zeugen eindrucksvoll die etwa 1,7 - 1,8 Millionen Jahre alten Funde aus Dmanisi in Georgien und die über eine Million Jahre alten Funde in Südostasien (Java-Mensch, Peking-Mensch). Aus den Populationen des weit verbreiteten H. erectus scheint sich allmählich eine archaische Form des Homo sapiens oder der Homo heidelbergensis entwickelt zu haben, und dann, zumindest in Europa und Südwestasien, der Neandertaler (Homo neanterthalensis). Einige genetische Studien deuten darauf hin, dass der moderne H. sapiens vor etwa 200.000 Jahren in Afrika entstand, bevor er sich schließlich wie sein Vorgänger H. erectus über den Erdball ausgebreitete und andere Menschenpopulation verdrängte. Es gibt auch deutliche Hinweise darauf, dass H. sapiens den Neandertaler vor 30.000 bis 40.000 Jahren aus seiner angestammten Heimat verdrängte und ihn schließlich weiträumig ersetzte. Wann und wo H. sapiens erstmals amerikanischen Boden betrat, ist bis heute ungeklärt. Immer wieder tauchen widersprüchliche Funde auf, die die Theorie, wonach die ersten Amerikaner vor etwa 12.000 Jahren über die Beringstraße kamen, über den Haufen werfen. Gesichert hingegen scheint, dass in Australien die ersten anatomisch modernen Menschen bereits vor 50 - 60.000 Jahren anwesend waren.


Unterscheidungsmerkmale

Die Gattungen Australopithecus und Homo unterscheiden sich von den anderen Mitgliedern der Familie Hominidae durch Modifikationen im Skelett, die den gewohnheitsmäßigen, aufrechten Gang ermöglichen; das Skelett eines Menschenaffen ist in erster Linie darauf ausgerichtet, eine aufrechte Haltung in den Bäumen einzunehmen und sich mittels Brachiation (Schwinghangeln) dort auch fortzubewegen. Bei Homo und Australopithecus ist eine proportionale Verlängerung der unteren Extremitäten augenscheinlich, genau wie die Änderungen des Beckens, des Femurs und der Muskulatur, was eine sichere, aufrechte Haltung auf dem Boden gewährleistet. Bei heutigen Menschenaffen ist - im Gegensatz zu deren ausgestorbenen Verwandten aus dem Miozän - der Körper mit seiner Verlängerung der oberen Extremitäten und der Modifikation von morphologischen Details ganz auf Brachiation ausgerichtet. Menschen einschließlich Australopithecus unterscheiden sich von den Menschenaffen auch in einer Reihe von anderen, weniger augenfälligen Skelett- und Gebissmerkmalen.

Die Gattung Australopithecus wird mit folgenden (und anderen) Merkmalen beschrieben:

  1. ein mächtiger Kauapparat als Anpassung an schwer zu zerkleinernde Nahrung
  2. ein kleines Gehirn mit 350 - 530 cm³ Volumen
  3. große Überaugenwülste
  4. ein niedriger Sagittalkamm
  5. ein menschenähnliches Skelett mit kleineren Abweichungen (z.B. eine nach vorne gerichtete Verlängerung der vorderen oberen Wirbelsäule im Bereich des Darmbeins und eine relativ kleine Oberfläche des Iliosakralgelenks)
  6. große Hände mit langen Fingern
  7. in Relation kürzere Arme zur Länge des Torsos als bei Menschenaffen von vergleichbarer Größe

Die Hauptmerkmale der Gattung Homo werden wie folgt beschrieben:

  1. keine Spezialisierung der Zähne in Bezug auf schwer zu kauende Nahrung
  2. ein für den ständigen aufrechten Gang modifiziertes Skelett
  3. ein großes Gehirn von 700 bis fast 2.000 cm³ Volumen

Ernst Mayr beschreibt die Gattung Homo als durch fortschreitende Gehirnvergrößerung mit zunehmenden kulturellen Fähigkeiten charakterisiert. Nach Mayr zeigt die Art H. sapiens ultimative Tendenzen in Richtung Gehirnexpansion und Reduktion des mächtigen Kausystems, ein Merkmal von früheren Formen der Hominiden.


Aussehen

Die Individuen der Gattung Homo weisen erhebliche Unterschiede in der Körpergröße auf. Anfang 1988 wurde über den Tod des kleinsten Mannes der Welt mit gerade mal 74 cm berichtet. Der größte Mann der Welt soll 243 cm groß gewesen und im Januar 1990 verstorben sein. Nach Thornigton und Anderson (1984) beträgt die Standhöhe von erwachsenen Männern rund 163 bis 172 cm bei einem Gewicht von ca. 75 kg. Frauen sind mit durchnittlich 52 kg Körpergewicht deutlich leichter gebaut. Die Körperbehaarung ist spärlich, meist einfarbig schwarz, blong oder rötlich. Die Zahnformel lautet $\tfrac {2.1.2.3} {2.1.2.3}$ (i 2/2, C 1/1, PM 2/2, m 3/3) x 2 = 32.


Phänotypen

Heutige Populationen von H. sapiens unterscheiden sich untereinander nur in kleinen Details, etwa in der Farbe der Haut, der Struktur und Farbe der Haare, in den Gesichtszügen usw. Setzt man Standardkriterien wie bei anderen Säugetieren an, so können vier oder fünf mögliche, geographische Phänotypen von Menschen (mit einer Reihe kleinerer Variationen) beschrieben werden (Die Einteilung des Menschen in "Rassen", ein Begriff aus der Tierzucht, entspricht nicht mehr dem Stand der Wissenschaft):

  1. Dunkelhäutige, afrikanische Völker - ursprünglich im tropischen Afrika und Südostasien verbreitet, findet man diesen Menschentyp heute auch in weiten Teilen von Nord-, Mittel- und Südamerika sowie in der Karibik. Zu diesem Typ gehören einige der kleinsten Völker (Ituri Wald-Pygmäen in der Demokratischen Republik Kongo mit unter 1,4 Meter Körpergröße) als auch Völker mit sehr großen Menschen (die Tutsi in Burundi und Ruanda mit einer Körpergröße von fast zwei Metern oder darüber). Negroide Völker sind durch dunkle Hautfärbung und lockig-steife Haare gekennzeichnet, die sich nur spärlich über den Körper verteilen.
  2. Hellhäutige, europäische Völker - ursprünglich ansässig in Europa, Nordafrika und Westasien, heute weit über die ganze Welt verstreut. Caucasoide Völker sind durch helle oder dunkle Haut charakterisiert. Das Haar ist wellig und weich, bei Männern bildet sich mit Erreichen der Geschlechtsreife ein dichter Gesichtsbart aus. Das Haar ist in der Regel dicht und über den ganzen Körper verteilt.
  3. Asiatische, arktische, amerikanische und einige pazifische Völker - ursprünglich in Ostasien verbreitet. Ostasiatische Völker breiteten sich im späten Pleistozän vermutlich über die Bering-Landbrücke (oder eine andere Route) nach Nordamerika aus. Sie sind nach allgemeiner Auffassung die Vorfahren der heutigen Ureinwohner des amerikanischen Doppelkontinents. Die Völker stehen in Bezug auf die Hautfarbe im Allgemeinen zwischen afrikanischen und europäischen Völkern, einige sind aber auch sehr blass. Asiatische Völker haben gerade, sehr dunkle und dünne Haare, die über den ganzen Körper verteilt sind. Das Gesicht ist flach und hat hervorstehende Wangenknochen. Bei vielen mongolischen Völkern weist das Augenlid die typischen mongolische Falte auf.
  4. Frau aus dem Volk der San
    Frau aus dem Volk der San mit typischem "Pfefferkornhaar"
  5. Australier und Khoisan - diese Völker unterscheiden sich deutlich von den oben genannten Hauptgruppen. Die australischen Völker werden von den australischen Aborigines (und vielleicht von den Ainu in Japan, aber auch anderen) repräsentiert. Diese Menschen haben sehr allgemein eine dunkle Haut und welliges, dickes Haar, das sich über Körper und Gesicht verteilt. Australische Völker haben außerdem einen leichten Überaugenwulst, den andere Völker nicht aufweisen. Die ursprünglichen Khoisan sind heute nur noch durch wenige Buschmann-Gesellschaften vertreten, die in den Halbwüsten des südlichen Afrika leben. Früher war dieser Menschentyp wohl über den ganzen afrikanischen Kontinent verteilt. Die Khoisan-Völker haben in der Regel eine gelbliche Hautfärbung und drahtige Haare, die in Klumpen über den Kopf verteilt sind ("eng: peppercorn hair"). Khoisan-Völker sind klein mit zarten Gesichtszügen und kaum ausgeprägten Überaugenwülsten. Sowohl australoide als auch Khoisan-Völker sind durch die Verfolgung anderer Völker zahlen- und verbreitungsmäßig stark reduziert.

Es muss betont werden, dass sich Homo sapiens zumindest in den letzten 10.000 Jahren von allen anderen Säugetieren weit abgehoben hat. Die extreme Mobilität unserer Art hat die ursprünglichen Völker gründlich vermischt und zumindest die drei großen Phänotypen haben sich in der ganzen Welt ausgebreitet. Schon bevor moderne Transportmittel zur Verfügung standen, waren Menschen die am weitesten verbreiteten Säugetiere. Wegen dieser großen Verbreitung gab es unzählige Kreuzungen zwischen Individuen unterschiedlicher Herkunft. Aufgrund der räumlichen Bewegungen der menschlichen Populationen gab es daher schon immer große Gebiete, in denen sich die Völker vermischten. Dies verkompliziert das Gesamtbild der Spezies Homo sapiens noch weiter.


Fortpflanzung

Die Tragzeit bei Homo sapiens reicht von 243 bis 298 Tage, in der Regel sind es etwa 280 Tage. In der Regel kommt ein einzelnes Baby zur Welt. Zwillinge treten durchschnittlich alle 88 Geburten auf, Drillinge einmal bei allen 7.600 Geburten und Vierlinge einmal bei 670.000 Geburten. Sehr selten gibt es fünf , sechs oder mehr Nachkommen. Das Geburtsgewicht von kleinen Homo sapiens liegt bei durchschnittlich 3.250 Gramm, wobei die Werte von 2,5 bis 6 kg reichen. Bei Menschen dauert die Zeit der Entwicklung ab der Geburt unter allen Tieren am längsten Menschen-Weibchen sind etwa vom 13 bis zum 49 Lebensjahr fruchtbar. Ein Mensch kann heute 100 und mehr Jahre alt werden, wobei der Durchnitt der Lebenserwartung aber viel niedriger ist. Die Lebenserwartung unterscheidet sich von Population zu Population, abhängig von Faktoren wie der Verfügbarkeit von modernen, medizinischen Einrichtungen, von der Verfügbarkeit von Medikamenten und offenbar auch von der Lebensweise der einzelnen Individuen. In einigen Entwicklungsländern kann die durchschnittliche Lebenserwartung v bei nur 30 Jahren liegen, vor allem wegen der hohen Kindersterblichkeit. In entwickelten Staaten liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei weit über 70 Jahre.


Gesellschaftsformen

Jäger- und Sammlervölker

In vielen Regionen der Welt gibt es Populationen, die auch heute noch einfache Jäger/Sammler, Bauern oder Hirten sind. Aus solchen Populationen gingen in prähistorischer Zeit schließlich fortschrittliche Zivilisationen hervor, das heißt, sie besaßen eine Schriftsprache, hoch entwickelte Künste und Wissenschaften sowie komplexe soziale und kulturelle Entwicklungen. Jäger und Sammler stellen vielleicht die Grundform der menschlichen Gesellschaft dar. Ihre Lebensweise kommt den frühen Menschen wohl am nächsten. Auch heute noch besetzen Jäger- und Sammler-Gesellschaften viele Lebensräume, einschließlich tropische Wälder, Halbwüsten, gemäßigte Wälder und arktische Tundra. Die Ernährung kann man als "omnivor" bezeichnen, obwohl sie mehr Fleisch enthalten kann, als man allgemein denkt. Die Bevölkerungsdichte von Jäger- und Sammler-Gesellschaften reicht von etwa 0.4/km² bis 75.0/km². Die Gruppengröße variiert von 9 bis 1.500 Menschen, aber in der Regel liegt sie bei etwa 25 bis 50. Beim Sammeln von Nahrung legen die Mitglieder solcher Gruppen bis zu 8 km pro Tag zurück und brauchen dafür 2 bis 5 Stunden. Bei der Jagd nach Fleisch werden Entfernungen zwischen 16 und 24 km zurückgelegt. Das Gebiet, das Gruppen durchstreifen, die über keine Transportmittel verfügen, umfaßt jährlich rund 2.500 km².

Die Mbuti Pygmäen im Ituri-Regenwald in der Demokratischen Republik Kongo sind ein Beispiel für eine Jäger- und Sammler-Gesellschaft. Sie wurden von Anthropologen gut untersucht. Nach Turnbull (1976) erfordert ihre Wirtschaftsform eine minimale Technologie, die immer noch auf dem Niveau der Steinzeit ist, obwohl Harako (1981) erklärt, dass sie bereits weitgehend durch den Kontakt mit dörflichen Gesellschaften beeinflusst werden. Die Mbuti Pygmäen domestizieren weder Pflanzen noch Tiere. Sie sammeln Pilze, Wurzeln, Früchte, Beeren und Nüsse, doch die Jagd ist die primäre Grundlage der Ernährung und hat großen Einfluß auf das Gemeinschaftsleben. Die Menschen leben in kleinen Gruppen, die aus 2 - 14 Familien bestehen. Die Gruppen sind territorial und in der Mitte des Ituri-Waldes gibt es ein großes Niemandsland. Harako (1981) konnte zeigen, dass jede Gruppe ursprünglich ein exklusives Jagdgebiet von 100 bis 200 km² beanspruchte. Wenn eine Gruppe zu einer Größe von mehr als 30 Personen anwächst, teilt sie sich auf, da die lokalen Ressourcen an Pflanzen und Tieren größere Gruppen nicht ernähren können. Um eine übermäßige Ausbeutung der natürlichen Resourchen in einem Gebiet zu verhindern, wandern die Gruppen der Mbuti Pygmäen von Lager zu Lager und bleiben nie länger als einen Monat an einem Ort.

Bei den Mbuti ist die Familie die Basiseinheit der Gruppe, aber in einem gewissen Sinne versteht sich die gesamte Gruppe als eine einzige große Familie. Eine Gruppe muss nicht unbedingt aus solchen Familien bestehen, die in der einen oder anderen Linie miteinander verwandt sind und die Zusammensetzung kann sich mit jedem monatlichen Ortswechsel verändern. Die Familien innerhalb einer Gruppe sind in der Regel extrem kooperativ und die Menschen zeigen untereinander eine große Zuneigung und Intimität. Alle Gruppenmitglieder beteiligen sich an der Jagd. Die Männer, bewaffnet mit Speeren, werfen und bewachen die Netze, Jugendliche stehen etwas weiter hinten, um mit Pfeil und Bogen jedes flüchtende Tier zu erlegen, Frauen und Kinder bilden in einem gewissen Abstand vor den Netzen einen Halbkreis, um das Wild hinein zu treiben. In der Regel erbeutet die Gruppe schon mit wenigen Netzwürfen mehr als genug Wild, um ins Lager zurückkehren zu können. Bis zum Mittag kocht jede Familie ihr Essen über dem offenen Feuer vor der kleinen Blätterhütte, in der sie lebt. Jedes Mitglied, auch die Kinder, spielen eine Rolle in dieser Art von Gesellschaft.

Die Pygmäen glauben offenbar an einen Gott als universellen Schöpfer. Obwohl sie Fleisch als Lebensmittel genußvoll verzehren, halten sie es für falsch, das Leben zu nehmen. Schon in einem frühen Alter wird den Kindern beigebracht, sich als Teil des Waldes zu verstehen, von dem sie abhängig sind. Sie personalisieren den Wald und bezeichnen ihn als Vater und Mutter. Sie sagen, dass er ihnen alles gibt, was sie benötigen, sogar das Leben selbst. Somit passen sie sich an ihre Umwelt an, anstatt zu versuchen, sie zu kontrollieren.

Da die Pygmäen sehr mobil sind, darf ihre soziale Organisation nicht starr sein, sondern muß fließend sein. Da sich die Gruppen in ihrer Größe und Zusammensetzung ständig ändern, kann es keine Häuptlinge oder einzelne Führer geben. Allerdings fungieren die Ältesten als Schlichter und sie entscheiden über wichtige Fragen mit Blick auf die Gruppe, und sie werden von allen respektiert. Bei den Mbuti gibt es keine großen Rollenunterschiede zwischen den Geschlechtern.

Die Technologie der Pygmäen ist einfach, aber mehr als ausreichend für ihre Bedürfnisse. Ihre Kleidung besteht nur aus einem Rindentuch zur Schambedeckung und ihre Behausungen und Möbel können innerhalb von wenigen Minuten aus Stäuchern und Blättern hergestellt werden. Macheten und Messer aus Metall stellen sie nicht selbst her, sondern erhalten sie von benachbarten dörflichen Gesellschaften. Sie stellen sich ganz unter den Schutz des Waldes und in Zeiten der Not singen sie Lieder, um den "Wald zu erwecken" und seine Aufmerksamkeit auf die Not der Kinder zu lenken - dann wird alles gut.

Die Mbuti sind eine Gesellschaft von Menschen, die in Harmonie mit ihrer Umwelt leben. Die Lebensweise dieser Menschen könnte so nah am frühen Homo sapiens sein, wie es sie in der Welt von heute nicht mehr gibt. Sie und andere Jäger- und Sammlergesellschaften stehen seit Jahren unter großem Druck, da riesige Waldgebiete neuen landwirtschaftlichen Nutzflächen weichen mußten, dennoch existieren solche Kulturen immer noch.

Agrar- und Hirtenvölker

Agrar- und Hirtenvölker sind der nächste Schritt auf dem Weg zu den "technologisch fortgeschrittenen" Gesellschaften, die heute den größten Teil der Welt kontrollieren. Es war ein revolutionärer Schritt, als die Menschen erstmals lernten, dass man Pflanzen anbauen und von Jahr zu Jahr ernten kann und dass man somit nicht mehr von der Verfügbarkeit von wilden Früchten, Nüssen und Wurzeln abhängt. Es war auch ein großer Erfolg, als die Menschen gelernt hatten, den eigenen Fleischbedarf in Form von Rindern, Schweinen und Schafen zu sichern, so dass sie nicht mehr umherziehen mußten, ständig auf der Suche nach Jagdwild. Schließlich kam es zu der dramatische Entwicklung der heutigen Zivilisation. Trotz des Trends zur Industrialisierung haben sich Agrar- und Hirtenvölker in den meisten menschlichen Gesellschaften behaupten können und in vielen Regionen der Welt prägen sie Landschaft und Kultur.

Heutige Gesellschaften

Mit dem Vieh und der Ernte hatten die Leute zuverlässige Nahrungsquellen und man war in der Lage, mehr Zeit und Energie in andere Angelegenheiten zu investieren. So begann der Mensch die Natur zu kontrollieren, anstatt nur einfach in Harmonie mit ihr zu leben. Als bessere Methoden für den Ackerbau und die Viehzucht entwickelt wurden, konnten immer weniger Menschen Nahrung für immer mehr Menschen produzieren, so dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr eng an Grund und Boden gebunden war. Städte entstanden und die Menschen wandten sich Themen wie Kunst, Literatur, Medizin und Wissenschaft zu. Große Technologien wurden entwickelt, die den Menschen mehr und mehr ermöglichten, ihre Umwelt zu verändern und zu kontrollieren. Schnelle Transportmittel wurden entwickelt, Straßen gebaut und Krankheiten besiegt und die Bevölkerung wuchs und breitete sich aus. Abgesehen von einigen sozialen Insekten hat kein anderes Tier so komplexe und vielfältige Gesellschaften entwickelt, und keines ist in der Lage, eine solche Kontrolle über die Umwelt auszuüben.

Neben diesen Verbesserungen sind ernsthafte Probleme entstanden, nicht nur für den Menschen, sondern für die Erde als Ganzes. Die Weltbevölkerung besteht heute aus über 7 Milliarden Menschen und es wird erwartet, dass die 10-Milliarden-Marke im Jahr 2025 erreicht wird. Bis vor kurzem wuchs die Bevölkerung nur langsam. Es wird vermutet, dass es im Jahr 1 n. Chr. nur 250 Millionen Menschen auf der Erde gab, um 1830 waren es 1 Milliarde. Es dauerte ein Jahrhundert, um die zweite Milliarde zu erreichen, doch weitere 30 Jahre später waren es schon 3 Milliarden und weitere 15 Jahre später 4 Milliarden. Um auf die Bedürfnisse dieser Menschenmassen zu befriedigen werden Wälder vernichtet, Kohle und anderen Mineralien aus der Erde gerissen, Ölvorkommen bis zur Erschöpfung ausgebeutet, Industrialisierung und Entwicklung bis in entlegendsten Regionen der Welt gebracht, die Meere überfischt und andere Tiere und Pflanzen mit einer beispiellosen Geschwindigkeit ausgerottet. Die Abfälle und Nebenprodukte der menschlichen Zivilisation vergiften Flüsse, Seen und sogar die Meere, zerstören die natürliche und kulturelle Umwelt durch Verschmutzung und sauren Regen und bedrohen die Integrität der Atmosphäre und das Klima.

Noch nie hat ein Säugetier so zerstörerisch auf den Lebensraum eingewirkt, von dem sein Überleben abhängt.


Systematik


Literatur

[1] Thorington, R. W., Jr., and S. Anderson. 1984; [2] Groves, C. P. 1986; [3] Turnbull, C. M. 1976; [4] Harako, R. 1981

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