futsch

Futsch, bairisch pfutsch,[1] ist ein im deutschen Sprachraum seit dem 18. Jahrhundert verbreitetes[2] (in der Regel undeklinierbares und nur prädikativ verwendetes) Adjektiv mit der Bedeutung „weg“, „verloren“, „zunichte“ oder schlicht „kaputt“.

Herkunft

Dem Deutschen Wörterbuch zufolge war es ursprünglich Imperativ des Verbs futschen, das in verschiedenen Schweizer Mundarten als Synonym für „gleiten, rutschen“ belegt ist, und hat sich später zum Adverb und schließlich zur Interjektion entwickelt. Damit war ein Bedeutungswandel verbunden: Von „in einem Rutsch“, „mit größter Schnelligkeit“ hin zu „schnell verloren“ und dann verallgemeinert „weg, verloren“. Seit mindestens 200 Jahren belegt sind auch die festen Wendungen futsch sein, futsch gehen und futsch werden.[3]

Demgegenüber sieht das Etymologische Wörterbuch der Deutschen Sprache die Herkunft aus einer Lautgebärde. Lautlich nahe steht französisch foutu ‚futsch‘ von foutre ursprünglich ‚beschlafen‘[4], vergleiche das ordinäre Wort Fut „Vagina“. Wolfgang Pfeifer sieht Mundartwörter wie pfutschen von pfutsch abgeleitet, nicht umgekehrt.[5] Die Weiterbildungen futschikato und futschikato perdutti weisen Nähe zu italienisch fuggito „geflohen“ auf.[6]

Außerdeutsche Vorkommen

Das Wort tritt auch in slawischen Nachbarsprachen auf. Im Tschechischen lautet es fuč, wozu das Verb fučet „sausen, blasen, pfeifen“ steht;[7] gleichbedeutend slowakisch fukať zu fuč.[8] In den Niederlanden bedeutet foetsie (IPA: ['fu:tsi]) „weg, verschwunden“.

Benennungen

Briefmarken

Echte Briefmarke (links) und Propagandafälschung der USA, 1944 (rechts)

Eine bekannte deklinierte und attributive Verwendung des Wortes findet sich in alliierten Propagandabriefmarken mit der Inschrift „Futsches Reich“ unter einem Hitlertotenkopf. Nach Angaben des Michel-Kataloges handelt es sich um zwei Kriegspostfälschungen der am 1. August 1941 begebenen Dauerserie Adolf Hitler, Michel-Nummern 785 (Wert 6 Pfennig, Farbe violett) und 788 (12 Pfennig, karmin). Sie wurden im Herbst 1944 von einer US-Felddruckerei des US-Geheimdienstes OSS in Rom hergestellt. Auf Falschbriefe mit verschiedenen Absenderangaben geklebt, mit Falschstempeln von Postämtern in Wien und Hannover versehen, wurden sie von Flugzeugen über Österreich und Bayern abgeworfen. Ein ganzer Postsack mit den so gefälschten Marken wurde in Berlin offiziell zugestellt. Die Marken (Michel-Nummern 785 PFä und 788 PFä) sind von Sammlern gesucht, Fälschungen der Fälschungen sind belegt.[9] Von einer Farbvariante des 6-Pfennig-Wertes ist auch ein Fehldruck DFUTSCHES bekannt (Michel-Nummer 785 b I), ebenso vom 4-Pfennig-Wert (Michel-Nummer 783 I).[10]

Protein

Bei der Fruchtfliege Drosophila melanogaster wurde ein Protein mit Futsch benannt. Diese Fliege ist in der biologischen Forschung ein wichtiger Modellorganismus. Bei Drosophila ist es üblich, dass Forscher einem neuen Protein einen bildlichen Namen geben, der aus ihrer eigenen Sprache entlehnt ist (z. B. Krüppel, Polycomb, Trithorax). Futsch erhielt seinen Namen um 1999 von einer deutschen Forschergruppe, die entdeckte, dass das Protein zum Verlust bestimmter Eigenschaften führte.[11] Ein künstlich hergestellter (monoklonaler) Antikörper gegen Futsch, mit dem sich das Protein nachweisen lässt, wird entsprechend als anti-Futsch bezeichnet.[12]

Einzelbelege

  1. Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage, Berlin 2002, S. 324
  2. Duden Herkunftswörterbuch - Etymologie der deutschen Sprache 3. Auflage, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2001, S. 244
  3. Jacob Grimm / Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig, Band 4, Lieferung 5 (1872), Spalte 1064
  4. Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage, Berlin 2002, S. 324
  5. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Auflage München 1999, S. 388
  6. zu futschikato vgl. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Auflage München 1999, S. 388
  7. Hugo Siebenschein: Tschechisch-deutsches Wörterbuch. 4. Aufl., Prag 1983, Band 1, S. 245
  8. Marta Juríková u.a.: Slowakisch-deutsches Wörterbuch. 1. Aufl., o.O. 1997, S. 102
  9. Michel Deutschland-Spezialkatalog 1989, S. 584
  10. Michel Deutschland-Spezialkatalog 1989, S. 241
  11. Stefanie Gögel: Analyse der Funktion des Mikrotubuli-assoziierten Proteins Futsch während der Entwicklung des neuronalen Cytoskeletts bei Drosophila melanogaster. Diss. Münster 2004, S. 6. Erstbeschreibung in: Roos, J., Hummel, T., Ng, N., Klämbt, C., and Davis, G.: The Drosophila MAP-B1 like protein FUTSCH directs synaptic branching. Neuron 26 (2000), S. 371-382, PMID 10839355
  12. Ulrich Kück, Astrid Bunse: Praktikum der Molekulargenetik. Berlin 2005, S. 342

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