Dismigration

Dismigration oder Ansiedlungsstreuung ist vor allem ein vogelkundlicher Fachbegriff. Darunter sind Zerstreuungswanderungen von Vögeln, insbesondere, aber nicht ausschließlich von Jungvögeln, zu verstehen, die sie von ihrem Geburtsort, beziehungsweise vom Ort der letzten Brut wegführen. Diese Wanderungen sind ein wichtiger Faktor der Populationsökologie. Sie dienen vor allem der Lebensraumexploration und Lebensraumausweitung, der Erhaltung der Populationsdichte sowie der genetischen Diversifikation. Dismigration ist ein in der Verbreitungsrichtung beliebig streuendes und aktives Wanderverhalten, das im engeren Sinn einzelbrütende Vogelarten zeigen. Bei Koloniebrütern ist die Dismigration vor allem vom Angebot geeigneter Koloniestandorte abhängig.

Die Dismigration führt zur Dispersion, zur möglichst optimalen Verteilung einer Vogelart in geeigneten Lebensräumen. Die Dispersion ist also der Zustand nach erfolgter Dismigration und nicht der Vorgang selbst.

Ist die Zerstreuungswanderung einer Vogelart endogen bestimmt, wird auch der Begriff Dispersal verwendet, unterliegt sie exogenen Einflüssen, wie zum Beispiel Wetterverhältnissen oder der Nahrungsverfügbarkeit, spricht man von Spacing. Bei Jungvögeln folgen Dispersal und Spacing häufig aufeinander: Zuerst entfernt sich der Jungvogel von seinem Geburtsort und wählt danach erst seinen neuen Lebensraum nach den Kriterien der Habitatqualität aus. Das Dismigrationsverhalten ist sowohl von Art zu Art, als auch innerhalb einer Art und sogar innerhalb einer Population verschieden. Innerhalb von Populationen können einzelne Individuen eine große Brutortstreue (Philopatrie) zeigen, während andere zu vergleichsweise weiten Dismigrationen neigen. Dieser häufig zu beobachtende Verhaltenspolymorphismus stellt eine besondere Anpassung an eine dynamische Umwelt dar.

Die Distanzen der Dismigrationsflüge sind sehr unterschiedlich und hängen stark mit den Anforderungen zusammen, die die Art an ihren Lebensraum stellt. Auch der Grad der artspezifischen Territorialität spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Die Entfernung vom Brutort kann je nach Spezies dabei nur wenige 100 Meter aber auch einige 100 Kilometer betragen. Generell zeigen größere Arten weitere Dismigrationsflüge als kleinere.

Literatur

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die News der letzten 7 Tage

06.05.2021
Anthropologie | Ethologie
Ältestes menschliches Begräbnis in Afrika
Eine neue Studie berichtet über die älteste bekannte Bestattung eines modernen Menschen in Afrika.
05.05.2021
Ethologie | Evolution
Verhaltensänderungen beim Eis-Essen
Wie Lernen und Evolution zusammenhängen, erforschen die Verhaltenswissenschaften seit über 100 Jahren. Bisher ohne allgemeingültige Antwort.
04.05.2021
Botanik | Klimawandel | Biodiversität
Klimawandel: Weniger Niederschläge, weniger Pflanzenvielfalt
Wasser ist in vielen Ökosystemen der Erde ein knappes Gut und dieser Mangel dürfte sich im Zuge des Klimawandels weiter verschärfen.
04.05.2021
Biodiversität | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Auf der Kippe: Brasiliens Küstenregenwald
Wissenschaftler haben den Einfluss der aktuellen Landnutzung auf die Vogel- und Amphibienwelt des Atlantischen Regenwalds im südöstlichen Brasilien untersucht.
01.05.2021
Mykologie | Genetik | Taxonomie
Millionen winziger Pilzarten bisher ohne Namen
Millionen kleiner Pilzarten haben noch keine Namen, darunter auch Krankheitserreger für Menschen, Tiere und Pflanzen.
01.05.2021
Biodiversität | Meeresbiologie
Enorme Artenvielfalt in der Tiefsee
Die Tiefseebecken im Atlantischen und Pazifischen Ozean weisen einzigartige Artengemeinschaften auf, die durch wirtschaftliche Nutzung bedroht sind. Ein neues Forschungsverfahren kombiniert unterschiedliche Datentypen.
01.05.2021
Klimawandel | Biodiversität | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Baumplantagen tragen nur bedingt zum Schutz der Biodiversität bei
Künstlich angelegte Baumplantagen sollen helfen, den Verlust naturbelassener Wälder auszugleichen, tragen aber nur bedingt zum Schutz der Biodiversität bei.
01.05.2021
Ökologie | Klimawandel | Biodiversität
Verlust der Tierwelt in tropischen Wäldern
Eine neue Untersuchung betrachtet den Zusammenhang zwischen zunehmend tierleeren Tropenwäldern und den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung.
01.05.2021
Anatomie | Meeresbiologie
Die faszinierende Innenwelt des Meereswurms
Der Meereswurm Ramisyllis multicaudata lebt in den inneren Kanälen eines Schwammes.