Jean Talairach

Jean Talairach (* 15. Januar 1911 in Perpignan; † 15. März 2007 in Paris) war französischer Neurochirurg und Hirnforscher.

Leben

Für Talairach, den Sohn einer Pianistin, scheint sich zunächst eine musikalische Laufbahn abzuzeichnen. Seine Mutter lässt ihn das Cellospiel auf professionellem Niveau erlernen. Dann entwickelt er seine Leidenschaft für Geometrie und Architektur und interessiert sich insbesondere für die Hörsäle der mittelalterlichen medizinischen Hochschule in Montpellier. Dies wiederum weckt sein Interesse an der Medizin, besonders der Psychiatrie. 1938 begibt er sich nach Paris, um dort Medizin zu studieren.

Am Hôpital Sainte-Anne, einem der renommiertesten und ältesten Krankenhäuser Frankreichs, das bereits im 13. Jahrhundert gegründet wurde, promoviert er mit einer Arbeit über weibliche Psychosen. Während der deutschen Besatzungszeit schließt er sich der Résistance an. Für die Alliierten fertigt er einen detaillierten Plan der unterirdischen Stollen von Paris an. 1944 wird er in die Légion d'Honneur aufgenommen.

Entscheidend für seine berufliche Laufbahn wird eine Begegnung mit Marcel David, dem Leiter der 1939 gegründeten neurochirurgischen Abteilung des Hôpital Sainte-Anne. An dessen Institut ersinnt er die Grundlagen von Verfahren, die später unter dem Namen Stereotaxie bekannt werden sollen. Diese gestatten es, mit großer Genauigkeit funktionale Zonen des Hirns zu lokalisieren. Zu einer Zeit, wo bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie noch nicht verfügbar sind und Röntgenaufnahmen nur eine ungenaue Wiedergabe des Hirns liefern, schafft er eine nach ihm benannte genaue Kartierung des menschlichen Hirns.

Seine Arbeit ist die Grundlage für hirnanatomische Atlanten, die auch heute, 2007, noch maßgeblich sind. Die von ihm und seinen Teamkollegen Pierre Tournoux, Gabor Szikla und Jean Bancaud erarbeiteten Daten liefern die Grundlage für die bildgebende Software, die es bei neurochirurgischen Operationen ermöglicht, in genauer Kenntnis der Lage des Behandlungsziels und des Operationswerkzeuges zu arbeiten. Dadurch werden beispielsweise neurochirurgische Behandlungen von Hirntumoren, der Epilepsie oder von bestimmten Bewegungsanomalien ermöglicht.

Zur Fixierung des Kopfes während der Behandlung erfindet er 1947 den nach ihm benannten Talairach-Rahmen (cadre de Talairach), den er allerdings nicht zum Patent anmeldet.

Seine Arbeit trägt zu einem großen Teil zum heutigen Renommee des Hôpital Sainte-Anne bei. Sein Tod fällt zeitlich mit der Veröffentlichung seines letzten Werkes zusammen, das sich mit der Geschichte des Instituts für Neurochirurgie am Hôpital Sainte-Anne auseinandersetzt. Er stirbt in demselben Zimmer im Hôpital Sainte-Anne, das einst sein Arbeitszimmer gewesen war.

Schriften

  • Bertrand Devaux, Jean Talairach: Souvenirs des études stéréotaxiques du cerveau humain : Une vie, une équipe, une méthodologie : L'Ecole de Sainte-Anne, Éditions John Libbey Eurotext, Paris 2007, ISBN 978-2-7420-0653-3
  • Jean Talairach, Pierre Tournoux: Co-Planar Stereotaxic Atlas of the Human Brain. Thieme, Stuttgart 1988, ISBN 3-13-711701-1.

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