Sexsomnia

Sexsomnia ist die Bezeichnung für eine Schlafstörung, die wie das Schlafwandeln (Somnambulismus) zum Bereich der Parasomnien und zur Gruppe der nichtorganischen Schlafstörungen gehört. Diese Störung ist ein Zustand, in dem der Betroffene scheinbar wach ist, sexuelle Handlungen wie Masturbation oder bei Anwesenheit einer weiteren Person auch Geschlechtsverkehr vollführt, aus dem Non-REM-Schlaf jedoch nicht zu Bewusstsein kommt und sich nach dem Aufwachen oft an seine Handlungen nicht mehr erinnern kann.

Vorkommen und Häufigkeit

Mit 11 % der Männer mit Schlafstörungen sind diese ungefähr dreimal so häufig betroffen wie Frauen mit Schlafstörungen.[1]

Begriffsabgrenzung

Die Abgrenzung von Sexsomnia zur absichtlichen Vergewaltigung ist problematisch, da von Sexsomnia Betroffene durchaus gegenüber anderen anwesenden Personen auch gewaltsam handeln können und eine eindeutige Aufklärung über ihren dabei vorhandenen tatsächlichen Bewusstseinsgrad im Nachhinein schwierig ist. Aus demselben Grund sind Forschungen über Sexsomnia auch schwierig, weil die Patienten oft Angst haben, über ihre Krankheit zu reden, da man ihnen nicht glauben könnte, dass sie die Übergriffe nicht steuern können.[2]

Symptome

Die Schlafstörung Sexsomnia ist bei Abwesenheit einer weiteren Person in der Regel harmlos, sie kann aber auch in manchen Fällen zu eigenen Verletzungen führen. Bei nächtlicher Anwesenheit von anderen Personen können diese jedoch von beiden Seiten ungewollt mehr oder minder gravierend in Mitleidenschaft gezogen werden, denn das Bewusstsein des von Sexsomnia Betroffenen ist eingeschränkt und eine Orientierung äußerst mangelhaft.

In einer Analyse der bisherigen Veröffentlichungen nannte der Schlafforscher Carlos Schenck im Fachmagazin Sleep typische Verhaltensmuster. So können Betroffene erotische Sprache verwenden, masturbieren oder den Partner zum mehr oder weniger erzwungenen Geschlechtsverkehr bringen. In der Phase zwischen Schlaf und Aufwachen zeigen andere in diesem Zustand sexuelles Verhalten sowie Symptome von Schlafanfällen oder langer Schlaflosigkeit. Bei Menschen mit Narkolepsie (Schlafdrang), mit Restless-Legs-Syndrom oder schmerzhaften nächtlichen Erektionen tritt diese Störung häufiger auf. Beobachtungen zeigen, dass ein Drittel der Betroffenen weiblich ist, was in etwa den geschlechtsspezifischen Quoten für Schlafwandeln entspricht.

Geschichte

1996 veröffentlichte Colin Shapiro, langjähriger leitender Doktor und Forscher an der Schlafklinik des Toronto Western Hospital in Kanada, die ersten derartigen Fälle. 1999 startete Michael Mangan, ein Psychologe an der Universität of New Hampshire in Durham, die Webseite www.sleepsex.org. Diese Seite benutzte er, um anonym mit Patienten in Kontakt zu kommen, und stieß damit auf unerwartet großes Echo. [2] 2003 publizierte Colin Shapiro auf einer Internetseite einen Überblick seiner Forschungsergebnisse.[3] 2007 haben Schlafforscher der Universitäten in Stanford, Minnesota und Minneapolis (USA) versucht, eine Klassifikation dieser auch als „Sexsomnien“ bezeichneten Parasomien zu erstellen.[4] Sie gehören demnach zu den „Parasomnien mit sexuellen Auffälligkeiten“. Weitere Kategorien sind „sexuelle epileptische Anfälle im Schlaf“ sowie schmerzhafte Erektionen, die beim Aufwachen verschwinden. Eine weitere Erkrankung ist das Kleine-Levin-Syndrom, in der eine übermäßige sexuelle Aktivität in den Wachphasen nach übermäßigem Schlaf verschoben ist.

Zitate

Der Schlafforscher Jürgen Zulley der Universität Regensburg sagte: „Obwohl oder gerade weil diese Phänomene so selten sind, finde ich solche Klassifikationsversuche sinnvoll. Das kann dazu beitragen, ein solches Tabuthema bekannter zu machen.“

Trivia

In der Serie Desperate Housewives wird in Folge 2 der Staffel 7 die Sexsomnia thematisiert. Gabrielle Solis will ihrem Ehemann Carlos Solis weismachen, dass sie Sexsomnia hat, um eine eventuelle neun Jahre zurückliegende Affaire mit einem Franzosen zu rechtfertigen.

Auch in der Serie Dr. House, Staffel 1 Folge 17, wird das Thema Sexsomnia behandelt. In der Nebenhandlung wird eine Patientin mit Ihren Symptomen konfrontiert und anschließend diagnostiziert. House spricht dabei von einer anerkannten Funktionsstörung.

Literatur

  •  C. H. Schenck, M. W. Mahowald: Parasomnias associated with sleep-disordered breathing and its therapy, including sexsomnia as a recently recognized parasomnia. In: Somnologie – Schlafforschung und Schlafmedizin. 12, Nr. 1, 1. März 2008, S. 38-49, doi:10.1007/s11818-008-0332-1.
  • Michael Mangan: Sleepsex: Uncovered. Xlibris Corp, Dezember 2001, ISBN 978-1-4010-3766-6. Englisch, auch als E-Book verfügbar
  • Michael Mangan, U.-D. Reips: Sleep, sex, and the Web: Surveying the difficult-to-reach clinical population suffering from sexsomnia. In: Behavior Research Methods. Band 39, 2007, S. 233-236.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. SLEEP 2010, San Antonio/Texas, 7. Juni 2010
  2. 2,0 2,1 Wolf-Dieter Roth: : Miteinander im Schlaf schlafen. Telepolis-Artikel vom 27. Oktober 2006. Abgerufen am 12. März 2009
  3. Colin Shapiro et al.: Sexsomnia – a new parasomnia? In: Canadian Journal of Psychiatry. Band 48, Juni 2003. S. 311. Englisch. Abgerufen am 12. März 2009
  4. Sleep and Sex: What Can Go Wrong? In: Sleep. Band 30, Juni 2007. Englisch. Abgerufen am 12. März 2009
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