Stinkefinger

Die sogenannte Stinkefinger-Geste

Als Stinkefinger bezeichnet man eine obszöne Geste mit der Hand, bei der die geballte Faust mit ausgestrecktem Mittelfinger einem Individuum oder einer Gruppe entgegengestreckt wird. Sie kann als Beleidigung gemeint sein und/oder als solche aufgefasst werden.

Geschichte

Die Herkunft dieser Geste ist unklar; es ist wahrscheinlich, dass sie ein Phallussymbol darstellen soll, um den Gegner einzuschüchtern. Es existieren zwei Varianten; bei der südeuropäischen Version werden Zeige- und Ringfinger geknickt, bei der weiter verbreiteten nordeuropäischen und nordamerikanischen Variante werden die restlichen Finger zur Faust geballt.

Das Symbol war als digitus impudicus (lat.: digitus [der Finger]; impudens [schamlos, unverschämt]) schon im antiken Rom und Griechenland bekannt. Dort symbolisierte es ein erigiertes Glied (Phallus). In einem Gedicht des römischen Dichters Catull rät dieser Dieben, das Symbol als Gegenzauber gegen Hermeskopfstatuen zu benutzen. Diesen war die Aufgabe zugedacht, die Häuser reicher Römer vor Eindringlingen zu schützen.

Im mittelalterlichen England wurde Dieben und Wilderern der (zum Spannen eines Bogens für die Jagd benutzte) Mittelfinger abgetrennt. Die Geste des erhobenen Mittelfingers konnte eine Drohung sein, den anderen zu erschießen.

Einer anderen Theorie nach war es die Geste englischer Langbogenschützen gegenüber französischen Soldaten während des Hundertjährigen Krieges, allerdings zusätzlich mit Zeigefinger. Sie signalisierten somit, dass sie den Franzosen entkommen waren, da gefangenen Bogenschützen der Zeige- und Mittelfinger (zum Bogenschießen unbedingt notwendig, s.o.) abgetrennt wurden. Heute gelten Zeige- und Mittelfinger bei dem Körper zugewandter Handfläche in England als „Fuck You“.

In Deutschland war die Geste bis in die 1960er Jahre unbekannt. Die entsprechende Geste (etwa bei der Bundeswehr, als Zeichen für „ficken“) war ein zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmter Daumen. Diese obszöne Geste lässt sich schon in der Antike nachweisen (Feigenhand).

International

In englischsprachigen Ländern, besonders in Großbritannien, hat das umgedrehte Victory-Zeichen die gleiche Bedeutung wie der Stinkefinger. Beim korrekten Victory-Zeichen (steht für Sieg, Jubel, Freude) muss der Handballen vom eigenen Körper abgewandt sein. Dreht man die Hand um und hält sie wie beim Stinkefinger, so gilt das als schwere Beleidigung, was gelegentlich zu Missverständnissen mit Urlaubern führt (z. B. beim Bestellen von zwei Gläsern Bier per Handzeichen).

Sozialpsychologie

In der sozialpsychologischen Forschung konnte belegt werden, dass Personen, die die Stinkefinger-Geste zeigen, selbst davon beeinflusst werden. Sie neigen dazu, ambivalent aggressives Verhalten einer anderen Person als feindlich zu interpretieren.[1]

Rechtliche Beurteilung

Strafrecht

In Deutschland erfüllt das Zeigen des Stinkefingers regelmäßig den Tatbestand der Beleidigung nach § 185 StGB.[2] Ist ein Polizist auf diese Weise beleidigt worden, ist in der Regel mit einer Anklage zu rechnen.[3] Wird die Tat im Straßenverkehr begangen, können auch die für Verkehrsteilnehmer typischen Sanktionen zur Anwendung kommen. Möglich sind für Autofahrer beispielsweise 5-7 Punkte in Flensburg (Stand 2007).[4]

Zivilrecht

Grundsätzlich ist beim Vorliegen des Straftatbestandes der Beleidigung durch das Zeigen des Stinkefingers ein Anspruch auf Schmerzensgeld denkbar, allerdings muss dafür das Zeigen des Mittelfingers eine entsprechend schwerwiegende Verletzung des Persönlichkeitsrechts darstellen, was nach Rechtsprechung des AG Pinneberg zumindest im Straßenverkehr regelmäßig nicht erreicht wird.[5]

Im Arbeitsverhältnis kann das Zeigen des Stinkefingers als Beleidigung einen wichtigen Grund gemäß § 626 Abs. 1 BGB für eine außerordentliche verhaltensbedingte Kündigung darstellen.[6]

Das Bayerische Oberste Landesgericht entschied im Jahr 2000: Wer zum Beispiel den Mittelfinger in das Sichtfeld einer Videoüberwachungskamera hält (Stinkefinger), kann den Straftatbestand einer Beleidigung begehen, obwohl eine Kamera nicht in ihrem Ehrgefühl verletzt werden kann - wohl aber der dahinter sitzende Beamte, dem man also laut Gerichtsurteil auch in der technisch „verlängerten“ Form einer Kamera gebührenden Respekt erweisen soll. Dabei wird angenommen, dass die Geste dem Beamten und nicht etwa den als störend empfundenen Überwachungsmaßnahmen allgemein galt.[7]

Siehe auch

Literatur

  • Kai Jendrusch: Beleidigung durch ausgestreckten Mittelfinger gegen eine Radaranlage - Zugleich Anmerkung zu AG Melsungen, Urteil vom 4. Juli 2007 – 9012 Cs 44909/06, in: NZV 2007, 559-561.
  • Cornelia Jeske: Stinkefinger und Co. - Wer seine Mitmenschen beleidigt, muss mit den Konsequenzen rechnen, in: Berliner Zeitung vom 26. Mai 2006, Online im Archiv der BZ, abgerufen am 26. April 2011.

Quellen

  1. Chandler, J., & Schwarz, N. (2009). How extending your middle finger affects your perception of others: Learned movements influence concept accessibility. Journal of Experimental Social Psychology, 45(1), 123–128. doi:10.1016/j.jesp.2008.06.012
  2. Schönke/Schröder - Lenckner/Eisele, § 185 StGB, Rn. 13; Jendrusch, NZV 2007, 559, 559f.
  3. vgl. die Schilderungen in LG Heidelberg, Beschluss vom 12. Mai 2009, Az. 7 Cs 22 Js 2024/09.
  4. Hamburger Abendblatt 30. Januar 2007: Stinkefinger wird mit bis zu sieben Punkten bestraft
  5. AG Pinneberg, Urteil vom 30. Oktober 2002, Az. 63 C 124/02.
  6. ArbG Dortmund, Beschluss vom 8. September 2006, Az. 8 BV 110/06; LAG Schleswig-Holstein, Urteil vom 21. Oktober 2009, Az. 3 Sa 224/09; VG Ansbach, Beschluss vom 07.08.2012, Az. AN 8 P 12.00441.
  7. BayOLG Beschluss vom 23. Februar 2000, Az: 5St RR 30/00

Weblinks

 Commons: Stinkefinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference
Wiktionary Wiktionary: Stinkefinger – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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