Tiotropiumbromid

Strukturformel
Br-.svg Tiotropium.svg
Allgemeines
Freiname Tiotropiumbromid
Andere Namen
  • IUPAC: (1α,2β,4β,7β)-
    7-((Hydroxybis(2-thienyl)acetyl)oxy)- 9,9-dimethyl-3-oxa-9- azoniatricyclo[3.3.1.0(2,4)]nonanbromid
  • Tiotropium
Summenformel C19H22BrNO4S2
CAS-Nummer 136310-93-5
PubChem 5487426
ATC-Code

R03BB04

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Anticholinergikum

Verschreibungspflichtig: ja
Eigenschaften
Molare Masse 472,42 g·mol−1
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
keine Einstufung verfügbar

H- und P-Sätze H: siehe oben
P: siehe oben
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
Keine Einstufung verfügbar
R- und S-Sätze R: nicht bekannt
S: nicht bekannt
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden


Tiotropiumbromid ist eine polycyclische quartäre Ammoniumverbindung, die als Anticholinergikum (Antimuskarinikum) und Bronchospasmolytikum für Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) eingesetzt wird. Die Kurzbezeichnung lautet Tiotropium.

Klinische Angaben

Tiotropiumbromid leitet sich strukturell vom Scopolamin ab und liegt wie Ipratropiumbromid als quartäres Ammoniumsalz vor. Hierdurch ergibt sich eine verringerte Blut-Hirn-Schranken-Gängigkeit, wodurch die typischen zentralen Nebenwirkungen anticholinerger Wirkstoffe reduziert werden. Im Vergleich zu Ipratropiumbromid besitzt Tiotropiumbromid eine längere Halbwertszeit, wodurch eine einmalige tägliche Gabe möglich ist. Die Wirkung tritt etwa 30 Minuten nach der Inhalation ein. Tiotropiumbromid wird zu 20 bis 25 % metabolisiert; 75 bis 80 % werden unverändert renal ausgeschieden.[2]

Entwicklung

Tiotropiumbromid wurde 1991 von Boehringer Ingelheim entwickelt. 2005 erhielt es den Robert-Koch-Award.

Nebenwirkungen

Typische Nebenwirkungen leiten von der anticholinergen Wirkung her. Häufig tritt Mundtrockenheit auf, deutlich seltener sind Glaukom, Verdauungsstörungen und Harnverhalt.

Im Jahr 2008 wurde aufgrund von Beobachtungen, die darauf hindeuten, dass durch die Einnahme von tiotropiumbromid-haltigen Medikamenten die Entstehung von Herzinfarkten und Schlaganfällen begünstigen könnte, eine Metaanalyse erstellt. Die Autoren dieser Untersuchung zogen die Schlussfolgerung, dass das relative Risiko für derartige Nebenwirkungen um 50 % erhöht würde.[3] Die Ergebnisse der Metaanalyse wurden in der Fachwelt teilweise angezweifelt unter Hinweis auf angebliche methodische Mängel.[4] Eine Woche nach Veröffentlichung dieser retrospektiven Beobachtung wurden die Ergebnisse durch die bislang größte prospektive Studie zu Tiotropium relativiert.[5] In der insgesamt 4 Jahre dauernden UPLIFT-Studie (Understanding Potential Long-term Impacts on Function with Tiotropium) wurde der primäre Endpunkt nicht erreicht, eine Verlangsamung der Krankheitsprogression unter Tiotropium nachzuweisen. Unter regelmäßiger Anwendung des Medikamentes gab hier aber keine vermehrten kardiovaskulären Ereignisse. Diese Studie wurde jedoch ausschließlich von Angestellten der Herstellerfirma durchgeführt, die statistische Auswertung lag allein bei der Herstellerfirma. Ein Interessenkonflikt ist deshalb wahrscheinlich. 2011 wurde erneut eine Metaanlyse publiziert, die eine erhöhte kardiovaskuläre Mortalität bei Inhalation über Respimat zeigte. Eine Überdosierung mit dieser Inhalationstechnik wurde als Ursache der erhöhten Mortalität vermutet, da eine höhere Wirkstoffkonzentration sowohl in den Atemwegen als auch im Blut erreicht wurde.[6][7]

Nutzenbewertung

Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sieht als belegt an, dass Tiotropium gegenüber der Gruppe der langwirksamen β-Adrenozeptoragonisten einen Zusatznutzen aufweist sowohl hinsichtlich der Häufigkeit von Exazerbationen als auch der Notwendigkeit von durch Exazerbationen verursachten Krankenhausaufenthalten.[8]

Handelsnamen

Spiriva (D)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 In Bezug auf ihre Gefährlichkeit wurde die Substanz von der EU noch nicht eingestuft, eine verlässliche und zitierfähige Quelle hierzu wurde noch nicht gefunden.
  2. J. C. Frölich: Praktische Arzneitherapie. Springer, 2003, ISBN 978-3-540-01025-8.
  3. http://jama.ama-assn.org/cgi/content/short/300/12/1439.
  4. PMC 2653069.
  5. D.P. Tashkin, B. Celli, S. Senn, D. Burkhart, S. Kesten, S. Menjoge, M. Decramer: A 4-Year Trial of Tiotropium in Chronic Obstructive Pulmonary Disease in New Engl. J. Med. 359 (2008) 1543–1554, doi:10.1056/NEJMoa0805800, pdf
  6. S. Singh, Y. K. Loke u. a.: Mortality associated with tiotropium mist inhaler in patients with chronic obstructive pulmonary disease: systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 342, 2011, S. d3215, ISSN 1756-1833. PMID 21672999. PMC 3114950. (Review).
  7. Kardiale Risiken der COPD-Therapie mit Respimat-Inhalator. In: aerzteblatt.de. 15. Juni 2011. Abgerufen am 23. August 2012.
  8. Tiotropium hat Vorteile für Patientinnen und Patienten mit COPD, 22. August 2012
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