Vocal cord dysfunction

Klassifikation nach ICD-10
J38.7 Sonstige Krankheiten des Kehlkopfes
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Als Vocal Cord Dysfunction (VCD), von engl. vocal cord „Stimmband“ und dysfunction „Fehlfunktion“, wird eine Funktionsstörung der Stimmbänder bezeichnet, bei der sich diese plötzlich eng stellen und sich sogar für eine kurze Zeit verschließen können. Dieser Vorgang führt zu einer anfallsartigen Atemnot. Dem geht oftmals ein Hustenanfall voraus.

Eine VCD tritt auch in Kombination mit Asthma bronchiale auf, was die Erkennung der Krankheit zusätzlich erschwert. Forschungen lassen den Schluss zu, dass 5 % der vermeintlichen Asthmatiker eine VCD haben. Zudem leiden 20 bis 40 % der schwer bis nicht behandelbaren Asthmatiker begleitend zu ihrem Asthma an einer VCD.

Der (englische) Ausdruck Vocal Cord Dysfunction tauchte in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der pulmologischen Literatur als differentialdiagnostisch relevantes Krankheitsbild bei therapieresistentem Asthma auf. Dasselbe Krankheitsbild wird dort auch als paroxysmal (oder paradoxical) vocal cord movement/motion (PVCM), paroxysmal (oder paradoxical) vocal cord dysfunction (PVCD), episodic paroxysmal laryngospasm (EPL) und irritable larynx syndrome (ILS) bezeichnet.[1]

In der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde werden diese Krankheitsbilder seit dem 19. Jahrhundert unter – je nach Ausprägung der Symptomatik und auslösender Ursache – mehr oder weniger unterschiedlichen Namen beschrieben. Insbesondere das als „inspiratorischer Stimmritzenkrampf“ beschriebene Krankheitsbild ist wohl der Vocal Cord Dysfunction gleichzusetzen. Besonders krasse Fälle, bei denen die Atemnot zur Bewusstlosigkeit führt, werden als Ictus laryngis (Kehlkopfschlag, Kehlkopfohnmacht) bezeichnet.

Johann Schnitzler beschreibt den inspiratorischen Stimmritzenkrampf 1895: „Während beim phonischen Stimmritzenkrampf die Coordinationsstörung sich darin äussert, dass der Grad der motorischen Innervation viel intensiver als der Grad der intendirten Innervation ausfällt, also es sich nur um einen graduellen Unterschied handelt, haben wir es bei dem inspiratorischen Stimmritzenkrampf mit einer Coordinationsstörung qualitativer Art zu thun, indem statt der Abduction der Stimmbänder eine Annäherung derselben während der Inspiration erfolgt. Die Phonation geht normal von Statten, die Inspiration ist mit Dyspnoe verbunden, da während der Inspiration auch die Adductoren stärker innervirt werden. Im Schlafe verschwindet die Dyspnoe und der Stridor.“[2]

Auslöser von VCD

Die Auslöser bei VCD können ähnlich sein wie beim Asthma bronchiale, welches sich auch oft als anfallsartige Atemnot zeigt.

  • Stress, psychische Belastung
  • körperliche Belastung
  • kalte oder warme Luft
  • Düfte, Zigarettenrauch, Parfüms
  • allergene Einflüsse
  • reizende Speisen, wie z. B. Essig
  • Reflux von Magensäure

Anzeichen für VCD

Folgende Anzeichen erhärten den Verdacht auf VCD:

  • Plötzliches Auftreten heftiger, teils lebensbedrohlich erlebter Atemnot
  • Atemnot oft nach Hustenanfällen
  • spontanes Nachlassen der Atemnot
  • Kratzen im Hals, Kloßgefühl, Engegefühl im Hals, häufiges Räuspern, Heiserkeit
  • auffällig gute Lungenfunktionsbefunde
  • Asthmamedikamente helfen kaum oder gar nicht.

Medizinischer Hintergrund

VCD ist eine überempfindliche Reaktion des Kehlkopfes. Auch anatomische Veränderungen sind beschrieben.[3] Die Ursachen können physischer und/oder psychischer Natur sein. Zurzeit ist die Pathogenese nicht geklärt. Eine VCD kann als paradoxer Schutzreflex gedeutet werden. Kommt es zu einer Atemnot durch eine VCD, sind meist mehrere Faktoren auszumachen:

  • Organische Gründe: Der Rückfluss der Magenflüssigkeit (Reflux) oder eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis). Der Säurerückfluss aus dem Magen oder das Sekret aus der Nasennebenhöhle führen zu einer Reizung des Kehlkopfes.
  • Neurologische Ursachen: Ein hypersensibler Kehlkopfbereich oder eine krankhafte Veränderung der Großhirnrinde (Cortex).
  • Psychische Ursachen: Emotionaler Stress ausgelöst durch Verlust, einschneidende Veränderung, verbale und körperliche Verletzungen und hohes Leistungs- und Anspruchsdenken sowie Krankheitsgewinn

Besonders in Lebensphasen, in denen sich die Stressfaktoren häufen, reagiert der Körper bzw. die Stimmlippen auf diese Anspannung. Andererseits macht die Tatsache an anfallsartiger, unklarer Atemnot zu leiden, schon erheblichen Stress. Deshalb ist oft nicht auszumachen, ob der Körper auf seelische Befindlichkeiten reagiert oder die Psyche auf das Soma.

Die Atemnotanfälle können ohne erkennbaren Grund in unregelmäßigen Abständen auftreten.

Diagnostik

Die Diagnostik ist oftmals problematisch, weil die Attacken unvorhergesehen auftreten und es dann nur selten gelingt, eine Laryngoskopie durchzuführen. Es gibt VCD-Formen, die nicht zu einer ausgeprägten Atemnot durch krampfartigen Glottisschluss führen, dafür aber häufiger im Tagesverlauf aufzutreten scheinen. In solchen Fällen gelingt es leichter, mit einer flexiblen Laryngoskopie eine paradoxe Stimmlippenbewegung zu erkennen: Es kommt bei Inspiration zu einer Adduktionsbewegung, wie zur Phonation, und bei Exspiration zur Glottiserweiterung. Dabei ist meist ein inspiratorisches Atemgeräusch zu hören.

Behandlung

Unter sorgfältiger medizinischer Diagnostik sollte gleichzeitig die Angst vor einem Anfall abgebaut werden. Das Bedrohungsgefühl ist weit größer als die wirkliche Bedrohung, da der typische VCD-Anfall von selbst aufhört. Wenn die VCD ein Ausdruck dafür ist, dass der Mensch ein psychisches Problem (Somatisierung) hat, muss er selbst oder mit kompetenter Hilfe daran arbeiten. Sind die Gründe eingegrenzt oder erkannt, kann ein individuelles Therapiekonzept erstellt werden. In einigen Fällen können Protonenpumpenhemmer gut helfen.

Durch Sport und Bewegung kann das Vertrauen in den eigenen Körper und die eigene Leistungsfähigkeit wiedererlangt werden. Die Bearbeitung der seelischen Probleme und das Erlernen und Ausüben von Entspannungstechniken helfen, die Stimmbandfehlfunktion zu bessern. Eine große Rolle spielt die richtige Atem- und Stimmtherapie und deren Umsetzung im Alltag.

Für viele Betroffene ist jedoch die Therapie schwierig, da eine somatische Ursache nicht gefunden wird, Begleiterkrankungen erschwerend dazu kommen und der Patient trotz Hilfe die Aufarbeitung der psychischen Faktoren nicht schafft.

Literatur

  •  Klaus Kenn: Differentialdiagnosen des therapieresistenten Asthma bronchiale. In: Internistische Praxis. Hans Marseille Verlag, München 2001, S. 253-265, DNB http://d-nb.info/011209097.
  •  Klaus Kenn, Markus M. Hess: Vocal cord Dysfunction.. In: Deutsches Ärzteblatt. 105, Nr. 41, 2008, S. 699–704.
  •  Klaus Kenn, Ron Balkissoon: Vocal Cord Dysfunction - what do we know. In: European Respiratory Journal. 2011, Nr 37, S. 194-200.

Einzelnachweise

  1. MV Andrianopoulos, GJ Gallivan, KH Gallivan: PVCM, PVCD, EPL, and irritable larynx syndrome: what are we talking about and how do we treat it? J Voice. 2000 Dec;14(4):607-18 PMID 11130117
  2. Joh. Schnitzler: Klinischer Atlas der Laryngologie W. Braumüller, Wien und Leipzig 1895
  3. K Low : Abnormal Vocal Cord Funktion, Am J Respir Crit Care Med 2011; 184:50-56
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