Ökosystemleistungen kennen keine Grenzen / Studie bewertet und quantifiziert Ökosystemleistungs-Ströme

Bio-News vom 30.03.2020


Was haben Kakao, Zugvögel, Hochwasserschutz und Pandas gemeinsam? Viele Länder profitieren von Ökosystemleistungen, die zuvor in anderen Ländern erbracht wurden. Wo und wie Ökosystemleistungs-Ströme verlaufen, ist jedoch kaum bekannt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) konnten nun in einer im Fachjournal Global Environmental Change veröffentlichten Studie zeigen, wie interregionale Ökosystemleistungs-Ströme aufgedeckt und quantifiziert werden können.

„Ökosystemleistungen kennen keine Grenzen“, sagt Prof. Aletta Bonn, die sich an UFZ und iDiv mit dem Thema Ökosystemleistungen befasst. „So profitiert etwa ein Land von landwirtschaftlichen Produkten aus anderen Erdteilen oder dem Schutz vor Hochwasser, den Auengebiete eines Nachbarlandes erbringen.“ Diese engen Verflechtungen zwischen weit entfernten Regionen durch Ökosystemleistungen werden auch als Telecoupling bezeichnet.


Kakaoplantage in Afrika.

Publikation:


Janina Kleemann, Matthias Schröter, Kenneth J. Bagstad, Christian Kuhlicke, Thomas Kastner, Dor Fridman, Catharina J. E .Schulp, Sarah Wolff, Javier Martínez-López, Thomas Koellner, Sebastian Arnhold, Berta Martín-López, Alexandra Marques, Laura Lopez-Hoffman, Jianguo Liu, Meidad Kissinger, Carlos Antonio Guerra, Aletta Bonn
Quantifying interregional flows of multiple ecosystem services – A case study for Germany
Global Environmental Change 61, 102051

DOI: 10.1016/j.gloenvcha.2020.102051



Ihr Verständnis kann dazu beitragen, den Wert von intakter Natur zu erkennen, globale Treiber für den Verlust der biologischen Vielfalt oder Bodenerosion zu identifizieren und daraus Maßnahmen für nachhaltigeres Handeln zu entwickeln. „Es wäre äußerst sinnvoll, die durch heimischen Konsum in anderen Ländern entstandenen Schäden und Umweltkosten zu erfassen“, sagt Aletta Bonn. „Diese Informationen könnten dann in politische Entscheidungen einfließen, wie etwa faire Handelsstandards, umwelt- und sozialverträgliche Zertifizierung oder finanzielle Ausgleichsmaßnahmen.“ Doch wie können Ökosystemleistungs-Ströme identifiziert, quantifiziert und letztlich zwischen einzelnen Ländern ausgeglichen werden? Diesen Fragen sind die Forscherinnen und Forscher in ihrer aktuellen Studie nachgegangen. Darin untersuchten sie, in welchem Ausmaß Deutschland Ökosystemleistungen nutzt, die in anderen Ländern erbracht werden.

„In vorherigen Arbeiten hatten wir bereits einen konzeptionellen Rahmen zur Quantifizierung interregionaler Ökosystemleistungs-Ströme entwickelt“, sagt Aletta Bonn. „Darin sind diese Ströme in vier Kategorien eingeteilt, aus denen wir jeweils ein ausgewähltes Fallbeispiel für Deutschland genauer beleuchtet haben.“ So untersuchten die Wissenschaftler Handelsströme am Beispiel von Kakaoimporten und ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in den produzierenden Ländern. „Es zeigte sich, dass rund 85 Prozent des importierten Kakaos aus nur fünf Ländern überwiegend Westafrikas stammen – der Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria, Kamerun und Togo.

Erhebliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt sind vor allem in Kamerun und Ecuador durch den Kakaoexport nach Deutschland zu verzeichnen “, sagt Dr. Janina Kleemann, Autorin der Studie und ehemalige UFZ-Forscherin, die mittlerweile an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig ist. In der Kategorie „Wandernde Arten“ untersuchten sie die Bedeutung von Zugvögeln für die deutsche Landwirtschaft. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass Afrikas tropische und subtropische Klimazonen der Mehrheit von Zugvogelarten einen Lebensraum bieten, die einen wichtigen Beitrag zur Schädlingsbekämpfung in deutschen Agrarlandschaften leisten“, erklärt Kleemann.

Ökosystemleistungen in Hinblick auf den Hochwasserschutz sind der Kategorie „Passive biophysikalische Ströme“ zugeordnet. Hier kamen die Forscherinnen und Forscher zu dem Ergebnis, dass Deutschland zu zwei Drittel von der Hochwasserregulierung in Auen anderer Länder profitiert, im Gegenzug aber auch rund 40 Prozent in nachgelagerte Nachbarländer wie zum Beispiel die Niederlande exportiert. In der Kategorie „Informationsflüsse“ diente das chinesische Riesenpanda-Darlehen an den Zoo Berlin als Fallbeispiel. Hier konnte das Forscherteam politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche sowie kulturelle Aspekte dieses Austauschs für die Beziehung zwischen Deutschland und China herausstellen.