Das Musikverständnis der Weißbüscheläffchen

Bio-News vom 19.12.2018

Beim Sprechen und Musizieren hängen die einzelnen Worte und Noten voneinander ab. Menschen können diese Zusammenhänge, das heißt die strukturellen Abhängigkeiten, ausgezeichnet wahrnehmen. Der evolutive Ursprung dieser Fähigkeit ist noch weitgehend ungeklärt. KognitionsbiologInnen der Universität Wien haben nun Playbackexperimente mit Weißbüscheläffchen durchgeführt und herausgefunden, dass die Sensibilität für strukturelle Abhängigkeiten bereits im gemeinsamen Vorfahren von Weißbüscheläffchen und Menschen existiert haben könnte. Die Ergebnisse der Studie erschienen kürzlich im Fachmagazin "Evolution and Human Behavior".

Alle Affenarten, Menschen und ihre Verwandten, produzieren eine Vielzahl an Lauten. Jedoch nur Menschen besitzen Sprache und Musik. Diese Fähigkeiten verlangen nach der Sensibilität für strukturelle Abhängigkeiten. Menschen erwarten, dass ein Satz ein Nomen und das zugehörige Verb enthält und dass eine Melodie aus aufeinander abgestimmten Tönen besteht. Ist diese "Abhängigkeits-Sensibilität" ebenfalls exklusiv menschlich oder existiert sie auch in anderen Primaten? Um diese Frage zu beantworten, haben Stephan Reber und Vedrana Šlipogor mit Kolleginnen und Kollegen vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien das Verhalten von Weißbüscheläffchen untersucht. Diese Art gehört zu den Neuweltaffen, die sich vor über 30 Millionen Jahren von den Altweltaffen (inklusive Menschen) abgespalten haben.

Die Forscher spielten den Äffchen Sequenzen aus Pieptönen vor, die mit einem tiefen Ton begannen und endeten – dazwischen fand sich eine variable Anzahl von hohen Tönen. Die tiefen Töne stellten die Abhängigkeit dar und genau wie in Sprache oder Musik war die Distanz zwischen diesen Elementen unterschiedlich lang. Nachdem die Weißbüscheläffchen hunderte dieser Sequenzen gehört hatten, wurden ihnen einzeln zwei neuartige Playbackkategorien vorgespielt: Sequenzen mit dem gleichen Aufbau wie zuvor (auch solche mit einer anderen als der vertrauten Anzahl von hohen Tönen zwischen den beiden tiefen) und Sequenzen bei denen der erste oder der letzte tiefe Ton fehlte. Bei Letzteren fehlte die strukturelle Abhängigkeit.