Aktualgenese

Aktualgenese (spätlat. actualis „tätig“, „wirksam“ und -genese) ist die im aktuellen Lebensvollzug eines Individuums in Erscheinung tretende stufenweise Entwicklung einer Gegebenheit, etwa eines Wahrnehmungserlebnisses, im Gegensatz zur Ontogenese, der Entwicklung beispielsweise von Wahrnehmungsleistungen im Laufe des individuellen Lebens vor und nach der Geburt und zur Phylogenese, also einer stammesgeschichtliche Entwicklung wie beispielsweise des Wirbeltierauges.

Es gibt geschichtlich gesehen eine spezifischere Bedeutung des Begriffes Aktualgenese aus dem Bereich der Wahrnehmungspsychologie. Beschrieben und erstmals systematisch untersucht wurden die Fakten der („hologenen“) Aktualgenese auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung von Erich Wohlfahrt (1925/32), Schüler von Friedrich Sander, dem Mitbegründer der Leipziger Schule der Gestaltpsychologie („Genetische Ganzheitspsychologie“). Wohlfahrt ließ leuchtende Strichmuster in zunächst kleinem Maßstab auf die Retina seiner Versuchspersonen projizieren, so dass diese meist nur einen kleinen, hellen, diffusen, undifferenzierten „Flecken“ sahen. Mit systematischer Vergrößerung des Reizmusters sahen sie das Objekt stufenweise immer etwas differenzierter, bis es ihnen schließlich als ein so volldifferenziertes Perzept (Wahrnehmungserlebnis) erschien, wie es dem Normalsichtigen möglich ist, der das Objekt in genügender Größe und ausreichender Reizstärke und mit genügender Aufmerksamkeit betrachtet. Statt mit der Methode der optischen Vergrößerung ließen sich auch mit der Vergrößerung von zunächst kleinsten Reizdauern sowie durch Verminderung des peripheren Abstands des Reizes von der Fovea, der Stelle mit dem schärfsten Sehvermögen, aktualgenetische Differenzierungsreihen über mehrere „Vorgestalten“ bis hin zur „Endgestalt“ erzeugen. Durch kontinuierliche Verminderung der Reizstärke lässt sich auch der Gegenprozess erzeugen, die „Aktuallyse“, das heißt eine Reihe stufenweiser Entdifferenzierung des Perzepts. Da die damaligen Gestaltpsychologen mit den aktualgenetischen Fakten theoretisch nichts anfangen konnten, gerieten diese in Vergessenheit, allerdings auch als Folge von Fälschungen Sanders und zweier seiner Schüler.

Siehe auch

  • Gestalt, Gestaltfaktor, Ganzheit
  • Betrug und Fälschung in der Wissenschaft

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