anticholinerg

Als anticholinerg bezeichnet man in der Medizin (Neben-)Wirkungen, die sich aus der Hemmung des Neurotransmitters Acetylcholin ergeben. Acetylcholin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der sowohl an vielen zentralen Nervenkernen im Gehirn wie auch in Teilen des peripheren Nervensystems, zum Beispiel des Parasympathikus, eine Rolle spielt.[1] Etwas vereinfacht ist der Parasympathikus der Antagonist des Sympathikus, welcher oft als Streßsystem bezeichnet wird. Häufig versorgen beide Systeme dasselbe Organ und wirken dort entgegengesetzt, zum Beispiel steigert der Sympathikus die Herzfrequenz, und der Parasympathikus senkt sie. Praktisch alle inneren Organe sind sympathisch wie auch parasympathisch innerviert: Herz, Bronchien, Blutgefäße, Darm, Blase, Schweißdrüsen, aber auch Teile der Sinnesorgane wie die Iris. Stoffe oder Arzneimittel, die die Wirkung des Acetylcholins hemmen, also anticholinerg wirken, führen deshalb zu einem charakteristischen Symptomkomplex (anticholinerges Syndrom):

  • Mundtrockenheit (gehemmte Speichelbildung)
  • Erweiterte Pupillen (Akkommodationsstörung, Engwinkelglaukom)
  • Harnverhalt/Blasenlähmung
  • Obstipation/Darmlähmung
  • Trockene, rote und warme Haut (verminderte Schweißbildung)
  • Tachykardie und Blutdruckfall (fehlende Bremswirkung auf das Herz, verminderter Gefäßtonus)

Zusätzlich können auch zentralnervöse Effekte bestehen:

  • Unruhe, Erregung
  • Angst
  • Halluzinationen
  • Krämpfe
  • Atemdepression
  • Bewusstseinstörung bis zum Koma

Das klassische Anticholinergikum ist das Atropin, ein Belladonna-Alkaloid aus der Tollkirsche (lat.: Atropa belladonna, dessen pupillenerweiternde Wirkung schon vor Jahrhunderten zu kosmetischen Zwecken genutzt wurde). Ähnliche Wirkstoffe finden sich im Stechapfel und im Bilsenkraut. Vergiftungen treten gelegentlich bei Kindern auf, die solche Pflanzen gegessen haben, aber auch bei Drogenexperimenten (Datura/Stechapfel).

Viele Medikamente wirken anticholinerg, zum Teil erwünscht, zum Teil als Nebenwirkung. In der Notfallmedizin wird Atropin häufig bei Blutdruckabfall und Bradykardie eingesetzt. Andere Medikamente sollen bei Morbus Parkinson gezielt das Neurotransmittergleichgewicht wiederherstellen, indem sie zentrale cholinerge Synapsen hemmen. Bei Antidepressiva, vor allem den klassischen trizyklischen, treten anticholinerge Effekte regelmäßig als Nebenwirkung auf.

Als Antidot können Cholinesterasehemmer eingesetzt werden. Cholinesterasen sind Enzyme, die im synaptischen Spalt Acetylcholin abbauen. Durch ihre Hemmung erhöht sich die lokale Konzentration von Acetylcholin, der anticholinerge Effekt wird gemindert. Ansonsten ist die Therapie beim ausgeprägten anticholinergen Syndrom symptomatisch: Kühlung, Abdunklung, Sauerstoff, eventuell Beatmung bei insuffizienter Atmung, Benzodiazepine bei Krämpfen.

Einzelnachweise

  1. Klingelhöfer J.: Klinikleitfaden Neurologie, Urban&FischerVerlag, 2009, S.249, ISBN 3437231421, hier online
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die News der letzten 7 Tage

03.08.2021
Mikrobiologie | Evolution | Video
Zunehmend längere Tage: Wie der Sauerstoff auf die Erde kam
Das heutige Leben auf der Erde ist ohne Sauerstoff unvorstellbar.
03.08.2021
Bionik, Biotechnologie, Biophysik | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Eine Alternative zum Fischfang
Schon heute gelten rund 90 Prozent aller Fischbestände als maximal befischt oder überfischt, doch angesichts der wachsenden Weltbevölkerung sind immer mehr Menschen auf Fisch als Proteinquelle angewiesen.
03.08.2021
Evolution | Insektenkunde
Die Evolution der Wandelnden Blätter
Ein internationales Forschungsteam hat die Evolution der Wandelnden Blätter untersucht: Wandelnde Blätter gehören zu den Stab- und Gespenstschrecken, die anders als ihre etwa 3000 astförmigen Verwandten keine Zweige imitieren.
02.08.2021
Biodiversität | Insektenkunde
Verlust der Gefleckten Schnarrschrecke
Eine Senckenberg-Wissenschaftlerin hat mit einem internationalen Team das Verschwinden der Gefleckten Schnarrschrecke in Europa untersucht.
02.08.2021
Mikrobiologie | Ökologie | Virologie
Nahrungskette in der Dunkelheit
Die Entdeckung ist bahnbrechend: Im Untergrund unseres Planeten leben bisher unbekannte Viren, sie befallen einzellige Mikroorganismen, die sogenannten Altiarchaeen.
02.08.2021
Bionik, Biotechnologie und Biophysik | Entwicklungsbiologie | Video
Drei weitere Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns
In einem weiteren Schritt zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns hat das BMBF-geförderte BioRescue-Konsortium von internationalen Organisationen aus Wissenschaft und Artenschutz drei weitere Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns erzeugt.
02.08.2021
Physiologie | Neurobiologie | Biochemie
Energie für eine ungestörte Ruhe
Ein Hormon sorgt bei der Taufliege Drosophila für ein Gleichgewicht zwischen Ruhe und Aktivität.
02.08.2021
Physiologie | Ökologie | Vogelkunde | Insektenkunde
Viel Licht, wenig Orientierung
Lichtverschmutzung erschwert Mistkäfern die Orientierung im Gelände. Das dürfte auch auf andere nachtaktive Insekten und Vögel zutreffen, vermutet ein internationales Forschungsteam.
02.08.2021
Physiologie | Neurobiologie
Die komplexe Aufgabe Kurs zu halten
Mit verbundenen Augen geradeaus zu laufen, ist ein schwieriges Unterfangen: Meist endet es darin, dass wir im Kreis laufen.
31.07.2021
Ökologie | Neobiota
Teure Invasoren
Wissenschaftlerinnen haben die durch invasive Arten entstandenen Kosten in Europa und Deutschland untersucht.
31.07.2021
Anthropologie | Neurobiologie
Lernpausen sind gut fürs Gedächtnis
Wir können uns Dinge länger merken, wenn wir während des Lernens Pausen einlegen.
31.07.2021
Botanik | Immunologie | Parasitologie
Eichenwälder widerstandsfähiger machen
Kahlgefressene Eichen sind ein Bild, das in den letzten Jahren immer wieder zu sehen war. Verursacher sind häufig die massenhaft auftretenden Raupen des Eichenwicklers.
29.07.2021
Ökologie | Toxikologie
Wasser blau – Badestrand grün
Viele klare Seen der Welt sind von einem neuen Phänomen betroffen: In Ufernähe, wo Menschen spielen oder schwimmen, ist der Seeboden mit grünen Algenteppichen bedeckt.
29.07.2021
Anatomie | Paläontologie
Patagonischer Langhalssaurier neu beleuchtet
Ein Team der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) untersuchte im Rahmen einer Neubeschreibung die Überreste des Langhalssauriers Patagosaurus fariasi (175 Mio Jahre) aus Argentinien.
29.07.2021
Anthropologie | Virologie | Bionik, Biotechnologie, Biophysik
Hochwirksame und stabile Nanobodies stoppen SARS-CoV-2
Ein Forscherteam hat Mini-Antikörper entwickelt, die das Coronavirus SARS-CoV-2 und dessen gefährliche neue Varianten effizient ausschalten.
29.07.2021
Zytologie | Biochemie
Pflanzen haben ein molekulares „Gedächtnis“
Wie eine Pflanze wächst, hängt einerseits von ihrem genetischen Bauplan ab, zum anderen aber davon, wie die Umwelt molekulare und physiologische Prozesse beeinflusst.
29.07.2021
Ökologie | Bionik, Biotechnologie, Biophysik | Meeresbiologie
Forschungsfahrt: Hydrothermale Wolken in der Nähe der Azoren
Sie entstehen, wenn von glühendem Magma aufgeheizte Lösungen aus der Erdkruste in der Tiefsee austreten und auf kaltes Meerwasser treffen: Hydrothermale Wolken stecken voller Leben, sie versorgen die Ozeane mit Nährstoffen und Metallen.
28.07.2021
Physiologie | Bionik, Biotechnologie und Biophysik
Spurensuche im Kurzzeitgedächtnis des Auges
Was wir sehen, hinterlässt Spuren: Mit schnellen Bewegungen, sogenannten Sakkaden, springt unser Blick zwischen verschiedenen Orten hin und her, um möglichst scharf abzubilden, was sich vor unseren Augen abspielt.
27.07.2021
Bionik, Biotechnologie und Biophysik
Neue Möglichkeiten: Topologie in der biologischen Forschung
Ein aus Quantensystemen bekanntes Phänomen wurde nun auch im Zusammenhang mit biologischen Systemen beschrieben: In einer neuen Studie zeigen Forscher dass der Begriff des topologischen Schutzes auch für biochemische Netzwerke gelten kann.
27.07.2021
Anthropologie | Neurobiologie
Viel mehr als Gehen
Jahrzehntelang dachte man, dass ein Schlüsselbereich des Gehirns lediglich das Gehen reguliert.