Eilmarsch

Ein Eilmarsch (veraltet auch Gewaltmarsch genannt) ist ein militärischer Marsch mit hoher Geschwindigkeit, bei dem die Ruhezeiten teilweise bis ganz ausfallen. Die Durchführung eines Eilmarsches erfordert eine überdurchschnittliche physische Leistungsfähigkeit der Mannschaften. Für größere Abteilungen sind solche Märsche sehr anstrengend, wenn die tägliche Leistung für die Infanterie über 30 km, bei den anderen Waffengattungen über 40 km gesteigert wird. Die aus einem Eilmarsch resultierende Schwächung der Truppen kann aus militärischer Sicht durch den Nutzen aus dem schnellstmöglichen Erreichen des Zielpunktes gerechtfertigt sein.

Vergleichbare militärische Effekte lassen sich durch einen längeren Nachtmarsch erzielen.

Historische Anwendung des Eilmarsches

Unter einem Eilmarsch wird im militärhistorischen Sinn ein Marsch unter Einsatz von Muskelkraft verstanden - entweder ein Fußmarsch der Infanterie oder ein Gewaltritt der Kavallerie. Die Schwächung der Truppen bei einem Eilmarsch resultierte dabei aus:

  • verringerter physischer Kraft von Soldaten und Pferden durch Erschöpfung,
  • verringertem Leistungsvermögen durch Schlafmangel bei anhaltenden Tag- und Nachtmärschen,
  • Verringerung der Truppenstärke durch zurückbleibende Kranke und Nachzügler,
  • frühzeitige Abnützung des Materials, wie Schuhwerk und Hufeisen.

Durch unzweckmäßig geleitete und übertriebene Eilmärsche konnten Heeresteile vollständig kampfunfähig werden.

Bekannte historische Eilmärsche

  • 1914 im Ersten Weltkrieg: Das VII. Reserve-Korps unter General Johann von Zwehl marschierte 64 km in 24 Stunden, wobei ein Viertel der Infanterie vor Erschöpfung ausfiel, und erreichte damit den strategisch wichtigen Höhenzug Chemin des Dames zwei Stunden vor dem britischen I. Corps unter Haig. Teile des Höhenzuges wurden bis Frühjahr 1918 vom deutschen Heer gehalten.[1]
  • 1870 im Deutsch-Französischen Krieg: Heranführung des IX. Armeekorps unter General von Manstein zur Teilnahme an der Schlacht von Orléans. Dabei wurden auf sehr schlechten Wegen 11 deutsche Meilen in 36 Stunden zurückgelegt.[2] 11 deutsche Meilen sind fast 83 km, somit entspricht dies einer durchschnittlichen Marschgeschwindigkeit von 2,3 km/h.
  • 1862 im Amerikanischen Bürgerkrieg: Marsch des II. Korps der Südstaaten unter Generalmajor Stonewall Jackson zur Zweiten Schlacht am Bull Run. Dabei wurden 54 Meilen (87 km) in zwei Tagen zurückgelegt. Die Truppen unter Führung von Jackson waren ob ihrer Marschgeschwindigkeit auch unter dem Oxymoron Foot cavalry bekannt, also als Kavallerie zu Fuß.
  • 1805 in den Napoleonischen Kriegen: Das III. Korps der Grande Armée unter Führung von Marschall Davout marschierte in 50 Stunden von Wien zur Schlacht bei Austerlitz, eine Entfernung von 120 km.[3]

Eilmärsche im Militär der Gegenwart

Als Beispiel für die Gegenwart -- wo Landkriege mit Eilmärschen der Fußtruppen nur mehr relativ selten vorkommen -- seien die Übungsmärsche in der modernen Schweizer Armee und der US-Army angeführt.

Die Schweizer Armee gibt gegenwärtig für bestimmte Truppenteile folgende Richtwerte vor:

  • 8 km-Eilmarsch im Tarnanzug mit Feldschuhen und 15 kg Gepäck in max. 58 Minuten
  • 25 km-Eilmarsch im Tarnanzug mit Feldschuhen und 25 kg Gepäck (Richtzeit: 3,5 h).

Der erstgenannte Marsch entspricht einem um etwa 60 % höheren Tempo als bei raschem Wandern, muss also mindestens zur Hälfte im Laufschritt durchgeführt werden. Der 25-km-Ausdauermarsch bedeutet eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,1 km/h und damit etwa 50 % schneller als bei einer 6-stündigen, sehr raschen Wanderung mit nur kurzen Pausen.

Die US Army führt zur Auswahl von Kandidaten für die Ausbildung am JFK Special Warfare Center das Programm Special Forces Assessment and Selection (SFAS) durch. Teil der Prüfung bilden Eilmärsche, u.a.:

  • 4 mi-Eilmarsch (6,43 km) im Tarnanzug mit Kampfstiefeln, M16, Tragegestell und 20 kg Gepäck

Von den Anwärtern, die diesen Marsch in maximal 54 Minuten absolvierten, wurden 1990 vier Fünftel zur Ausbildung zugelassen.[4]

Andere Begriffsverwendungen

Daneben wird „Eilmarsch“ auch im übertragenen Sinne für eine schnelle – und meist überhastete – gesellschaftliche Entwicklung gebraucht, z. B. in der Metapher „Eilmarsch in den Überwachungsstaat“.

Einzelnachweise

  1. Peter Simkins: The First World War: The Western Front, 1914-1916. Osprey Publishing, 2002. In: The race to the sea, S. 34.
  2. In: Deutsche Rundschau, Jahrgang 37, Januar - Juni 1911. S. 146-147.
  3. Philip J Haythornthwaite: Napoleon's Commanders (1): C. 1792-1809. Osprey Publishing, 2001.
  4. Preparing for SFAS auf der Website von des United States Army Recruiting Command (USAREC) in Fort Knox, KY. (Abgerufen am 18. März 2012.)

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