Kainismus

Schreiadler (Aquila pomarina). Bei dieser Art ist Kainismus obligat
Der Ausdruck Kainismus bezeichnet in der Ornithologie die Tötung eines jüngeren Geschwisters durch ein älteres. Namengebend war die alttestamentliche Überlieferung des Brudermordes Kains an Abel.

Die Verwendung des Begriffes in der ornithologischen Literatur erfolgt nicht einheitlich. Viele Autoren bezeichnen jede Tötung von Geschwistern als Kainismus. In einem engeren Sinne wird der Begriff jedoch nur für jene Arten verwendet, bei denen die Tötung angeboren ist. Um letztere Arten von den übrigen abzugrenzen, wird daher oft auch der Begriff obligatorischer Kainismus verwendet.

Die Tötung geschieht durch Abdrängen vom Futter und/oder durch direkte Attacken. Gefressen wird das tote Junge in der Regel nicht, häufig wird es jedoch von den Altvögeln verfüttert. Während bei vielen Vogelarten die Tötung von Nestgeschwistern bei Nahrungsmangel häufig ist, erfolgt die Tötungshandlung bei Arten mit obligatorischem Kainismus unabhängig von der Nahrungssituation. Obligatorischer Kainismus ist also ähnlich wie das Nesträumverhalten beim Kuckuck angeboren und lässt sich auch experimentell auslösen, indem man dem Jungvogel z.B. einen weißen Stoffball präsentiert. Die Attacken des älteren auf das jüngere Geschwister beginnen meist am Tage des Schlupfes von Letzterem. Meist überlebt der jüngere Vogel nur wenige Tage. Die Altvögel behindern diese Attacken nicht, mehrfach wurde beobachtet, dass der ältere Jungvogel selbst dann seine Attacken fortsetzte, wenn ein Elternvogel ihn füttern wollte. Die Rollenverteilung von „Kain“ und „Abel“ ist ausschließlich durch die Reihenfolge des Schlupfes bestimmt, bei experimentellen Umsetzungen von „Abel“ zu einem jüngeren Geschwister übernahm dieser „Abel“ sofort die Rolle von „Kain“ und attackierte den jüngeren Nestling. Bei weiteren experimentellen Untersuchungen an Kaffernadlern hielt die Aggressivität der Geschwister mindestens bis zum Abschluss des Großgefiederwachstums an. Das Gelege der Arten mit obligatorischem Kainismus besteht meist aus zwei Eiern. Falls beide Eier schlüpfen, überlebt daher immer nur das ältere Junge.

Vorkommen

Kainismus wird bei einer Reihe von Vogelarten, insbesondere Greifvögeln, beobachtet. Obligatorischen Kainismus zeigen u. a. Schreiadler (Aquila pomarina), Kaffernadler (A. verreauxii), Kronenadler (Stephanoaetus coronatus) und der Bartgeier (Gypaetus barbatus).

Literatur

  • Valerie Gargett: The Black Eagle. A Study. Acorn Books and Russel Friedman Books in association with the Trustees of the John Voelcker Bird Book Fund, Randburg 1990, ISBN 0-620-11915-2.

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