Karl Überla

Karl Überla (* 29. Januar 1935 in Leitmeritz[1]) ist ein deutscher Epidemiologe. Er arbeitete bis zu seiner Emeritierung als Professor am Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE) an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.[2] Von 1974 bis 2004 war er Direktor des Institutes.

Wissenschaftliche Karriere

Von 1954 bis 1960 studierte er an den Universitäten Heidelberg, München (LMU), Innsbruck und Freiburg Medizin. An der Universität Freiburg studierte er von 1957 bis 1962 Psychologie. Dort legte er 1960 sein medizinisches Staatsexamen ab und wurde zum Dr. med. promoviert. Nach der Diplom-Hauptprüfung für Psychologen 1962 an der Universität Freiburg erhielt er 1963 seine Approbation als Arzt. Von 1962 bis 1963 war er Gastdozent am Laboratory for Personality Assessment and Group Behaviour der University of Illinois in den USA. Als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation der Universität Mainz war er von 1964 bis 1968 tätig. 1968 habilitierte er sich in Mainz für Medizinische Statistik und Dokumentation. 1968 und 1973 hatte er einen Lehrstuhl für Medizinische Statistik, Dokumentation und Datenverarbeitung der Universität Ulm inne. An der gleichen Universität war er 1971 bis 1972 Dekan der Fakultät für Theoretische Medizin und 1972 bis 1973 Prorektor. Von 1974 bis 2004 hatte er den Lehrstuhl für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Ludwigs-Maximilian-Universität München. 1979 wurde er mit dem Paul-Martini-Preis ausgezeichnet.

Von 1981 bis 1985 war Karl Überla Präsident des Bundesgesundheitsamtes (BGA). Für diese Zeit wurde er vom IBE teilbeurlaubt. Wegen Interessenskonflikten mit verschiedenen Beratertätigkeiten für die Pharmaindustrie und Zuwendungen des Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC) an ein von ihm geleitetes Unternehmen musste er sein Amt am 15. April 1985 niederlegen. Sein Nachfolger wurde Dieter Großklaus.

Publikationen

Überla kann auf mehr als 330 Publikationen aus den Bereichen Epidemiologie, Biometrie und Medizinische Informatik verweisen. Seine mittlerweile bekanntesten, allerdings auch umstrittensten Veröffentlichungen betreffen dabei das Passivrauchen. Beispielsweise:

  • K Überla: Lung cancer from passive smoking: hypothesis or convincing evidence? In: Arch. Occup. Environ. Health, 59/1987, S. 421–37.
  • Überla K, Ahlborn W, Passive smoking and lung cancer: A re-analysis of Hirayamas data. 1987. Bates No. 401031174/1180.
  • K Überla, W Ahlborn: Passive Smoking and Lung Cancer: Re-analyses of Hirayama’s Data. In: Indoor and Ambient Air Quality, Selper, London 1988, S. 169–78.
  • K Überla, W Ahlborn: Passive Smoking and Lung Cancer: A Reanalysis of Hirayama’s Data. In: Int. Archives Occ. & Environmental Health: Indoor Air Quality Supplement. Springer, Berlin / Heidelberg 1990, S. 333–41.

Einflussnahme des Verbandes der Cigarettenindustrie

Während seiner Zeit als Präsident des Bundesgesundheitsamts war Überla auch Leiter der GIS (Gesellschaft für Informationsverarbeitung und Statistik in der Medizin), einer privaten Forschungseinrichtung. 1982 beauftragte der Verband der Cigarettenindustrie die GIS mit einer Studie über Passivrauchen und Lungenkrebs. Dafür erhielt die GIS insgesamt etwa 2 Millionen DM vom VdC.[3] Nach einem Bericht des Center for Tobacco Control Research and Education in San Francisco war Überla vermutlich die wichtigste gesundheitspolitische Autorität, mit der die Tabakindustrie im Verlauf der 1980er-Jahre verbündet war.[4]

Als BGA-Präsident sorgte Überla zumindest einmal dafür, dass eine offizielle Stellungnahme des Bundesgesundheitsamtes der Tabakindustrie nicht zum Nachteil gereichte. Eine von seinen Mitarbeitern getroffene Beurteilung über Passivrauchen änderte er schriftlich zu Gunsten der Tabakindustrie ab.[5][6][4] Aus Schlussfolgerungen des BGA-Berichtes über Lungenkrebs bei Personen, die Passivrauch ausgesetzt waren, wurden so Hypothesen.[7][4] Aus „nachgewiesenen Ergebnissen“ wurden „beschriebene Ergebnisse“. Die begründete Annahme, dass Passivrauchen die Lungenfunktion negativ beeinflusst und chronisch schädigt, sowie das Lungenkrebsrisiko von Nichtrauchern erhöht, strich Überla. Nach seiner Bearbeitung wurde Passivrauch lediglich als „Belästigung“ bezeichnet, nicht als gefährliche Substanz.[5]

Auch in die sogenannte Cumarin-Affäre 1982 war Überla als BGA-Präsident verwickelt. Das unter anderem als Rattengift gebräuchliche Cumarin wurde als Zusatzstoff für Tabakprodukte verboten. Die Tabakindustrie wollte dagegen Cumarin als Geschmacksverstärker für „Light“-Zigaretten einsetzen. Der VdC argumentierte, dass bei den Versuchen am Max-von-Pettenkofer-Institut des BGA die Dosierung „unnatürlich hoch“ gewesen sei. Eine Ansicht, die auch Überla teilte.[8]

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Überla, Karl. uni-freiburg.de, abgerufen 19. Oktober 2007
  2. Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Karl Überla. Ludwig-Maximilians-Universität, abgerufen 20. Oktober 2007
  3. Forschungsvorhaben des VdC, 20. März 1985, Bates No. 2000511408/1436.
  4. 4,0 4,1 4,2 Bornhäuser A et al., Wie die Tabakindustrie in Deutschland durch die Erhaltung wissenschaftlicher sowie politischer Respektabilität Rechtsvorschriften zum Schutz vor Passivrauchen verhinderte, März 2006
  5. 5,0 5,1 K. Andresen, K. Schwagrzinna: Ein Fall für den Staatsanwalt. Skandal um den obersten Medikamenten-Kontrolleur.. In Stern, 14. März 1985, S. 38–44.
  6. Interview with Burkhard Junge conducted by Annette Bornhäuser on February 28, 2004 in Berlin, Germany
  7. U.S. Department of Health and Human Services Public Health Service. The health consequences of involuntary smoking: A report of the Surgeon General., Rockville MD: US Department of Health and Human Services, Public Health Service; 1986.
  8.  Udo Ludwig: Geheime Gesandte. In: Der Spiegel. Nr. 23, 2005, S. 156–158 (online).

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