Epigenese

Dieser Artikel bezieht sich auf die Epigenese in der Biologie. Für Epigenese in der Geologie siehe Epigenese (Geologie).

Epigenese oder Epigenesis (griech. epigenesis nachträgliche Entstehung) bezeichnet in der Biologie die erstmals schon von Aristoteles vertretene Ansicht, dass sich bei der Entwicklung eines Organismus neue Strukturen herausbilden, die nicht bereits im Ei oder im Samen vorgebildet waren. Im Gegensatz hierzu stand zeitweilig die Präformationslehre, die in der Antike von Anaxagoras vertreten wurde und in der Neuzeit im 17. Jahrhundert wieder auftrat.

Aristoteles fragte: “Warum entwickelt sich ein Organismus von einem befruchteten Ei zur vollkommenen erwachsenen Form?“ Er nahm an, dass der Embryo aus einer formlosen Masse hervorgeht, argumentierte aber, dass der rohen Materie die Fähigkeit fehle, einen komplexen Organismus hervorzubringen. Um die Ordnung der Natur, ihre Tendenz zur Komplexität und ihre zielgerichtete Entwicklung zu erklären, müsse ein höheres formbildendes Prinzip vorliegen, welches er “eidos“ nannte. Diese Ansicht herrschte, vermittelt über die mittelalterliche Scholastik, bis in die Neuzeit vor.

Im 17. Jahrhundert machte sich dem gegenüber das aufklärerische Bestreben geltend, derartige alte Dogmen zu überwinden und die Welt mittels der eigenen Vernunft zu begreifen. Ein metaphysischer Eidos hatte da keinen Platz. Stattdessen etablierte sich die Präformationslehre als einzig plausible Sichtweise. Die wenigen Verfechter der Epigenese wie René Descartes und William Harvey im 17. Jahrhundert und Caspar Friedrich Wolff im 18. Jahrhundert gerieten daher schnell ins Abseits. Harvey (1651) und Wolff (1759 und 1768/69) legten zwar detaillierte embryologische Untersuchungen vor, konnten ihre Zeitgenossen jedoch nicht überzeugen.

Erst im 19. Jahrhundert gelang es den Embryologen Christian Heinrich Pander (1817) und Karl Ernst von Baer (1828), die Präformationslehre zu überwinden und dem epigenetischen Charakter der Embryonalentwicklung allgemeine Anerkennung zu verschaffen.

Ein etymologisch verwandter biologischer Begriff, der erst im 20. Jahrhundert geprägt wurde, ist Epigenetik. Das Adjektiv „epigenetisch“ kann sich je nach Kontext auf beide Substantive beziehen.

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