Joseph Babinski

Joseph Jules François Félix Babinski (* 17. November 1857 in Paris, Frankreich; † 29. Oktober 1932 ebd.), polnisch auch Józef Franciszek Feliks Babiński, war ein bedeutender polnisch-französischer Neurologe. Sein Vater, ein Ingenieur, und seine Mutter flohen 1848 aus Warschau nach Paris. Sein Bruder war der Ingenieur und Kochbuchautor Henri Babinski.

Leben

Babinski wurde als Sohn polnischer Flüchtlinge geboren und studierte zunächst Medizin in Paris und spezialisierte sich anschließend auf die Neurologie. Während seines Studiums wurde Jean-Martin Charcot auf den jungen Babinski aufmerksam und bald wurde dieser zu seinem Lieblingsstudenten. Babinski erwarb 1884 seinen Doktortitel an der Universität Paris mit einer Schrift über die Multiple Sklerose, ein Thema das ihm Alfred Vulpian (1826–1887) vorschlug.

Entscheidend für das weitere Leben Babinskis war ein weiterer Schüler Charcots, Charles-Joseph Bouchard. Dieser erhielt recht bald eine Professur und verstritt sich mit seinem Mentor. Durch Bouchards Intrigen blieb Babinski eine akademische Karriere versagt. Daher ging er 1890 an das große Hôpital de la Salpêtrière in Paris. Das war ein Glücksfall für die französische Neurologie. Frei von Lehraufgaben widmete er sich der Symptomatologie neurologischer Erkrankungen und verfasste insgesamt 288 Publikationen.

Babinski-Zeichen

1896 präsentierte Babinski auf einer Tagung der Société de Biologie den Hintergrund eines pathologischen Reflexes, den zuvor bereits Vulpian und Ernst Julius Remak beschrieben hatten. Babinski erkannte, dass Verletzungen der Pyramidenbahn die Ursache waren. Bis 1903 veröffentlichte er mehrere umfassende Arbeiten zu diesem Thema. Das Phänomen wird heute als Babinski-Reflex oder Babinski-Zeichen bezeichnet.

Einfluss auf die Neurochirurgie

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Laminektomien und Operationen zur Entfernung von Tumoren des Rückenmarks durchgeführt. Babinski hatte einige Patienten an die damaligen Größen auf diesem Gebiet überwiesen, war aber mit den Ergebnissen unzufrieden. Er vermutete, dass die Operationen am falschen Wirbelsegment ausgeführt wurden, nämlich zu tief. Er tat sich mit Thierry de Martel (1875–1940) zusammen und ließ seinen nächsten Patienten durch ihn operieren. Aufgrund der exakten Vorhersage der Lokalisation durch Babinski war Thierry de Martel in der Lage, den Tumor erfolgreich zu entfernen, was als Wiedergeburt der französischen Neurochirurgie gesehen wird.

Weitere Arbeiten zur Neurologie

1900, ein Jahr vor Alfred Fröhlich, beschrieb Babinski die Dystrophia adiposogenitalis bei einem Tumor der Hypophyse, heute auch als Fröhlich-Syndrom oder Babinski-Fröhlich-Syndrom bezeichnet. 1902 beschrieb er mit Jean Nageotte (1866–1948) die klinischen Symptome bei einem ischämisch bedingten Ausfall des postero-lateralen Teils der Medulla oblongata, heute auch als Babinski-Nageotte-Syndrom bezeichnet. 1905 beschrieb er den neurophysiologischen Hintergrund der Tabes dorsalis. Er beschäftigte sich mit der Pathologie des Kleinhirns und führte die Begriffe Ataxie und Dysdiadochokinese als Leitsymptome von Kleinhirnläsionen ein.

Des Weiteren beschäftigte sich Babinski mit der Pathogenese der Hysterie und erarbeitete erstmals verlässliche differentialdiagnostische Kriterien, um diese von organischen Krankheiten abzugrenzen. Er widerlegte die These seines Lehrers Charcot, der glaubte eine neue Krankheit, „Hysteroepilepsie“, entdeckt zu haben.

In seinen letzten Lebensjahren litt Babinski an der Parkinson-Krankheit.

Weblinks

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die News der letzten 7 Tage

13.06.2021
Anthropologie | Virologie | Immunologie
Wie Viren Immunzellen zu Trojanischen Pferden machen
Zytomegalieviren programmieren Fresszellen der Lunge so um, dass sie selbst Viren produzieren und diese in der Lunge verbreiten.
13.06.2021
Bionik und Biotechnologie | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Zuckerhirse: Süßes Versprechen für die Umwelt
Zuckerhirse lässt sich zur Herstellung von Biogas, Biokraftstoffen und neuen Polymeren nutzen, zudem kann sie dazu beitragen, Phosphatdünger zu ersetzen.
13.06.2021
Botanik | Physiologie
Todesduft der Pfeifenwinde lockt Sargfliegen in die Blüten
Ein internationales Pflanzenforscherteam hat in einer neuen Studie eine ungewöhnliche und bisher unbekannte Fortpflanzungsstrategie bei Pflanzen entdeckt.
11.06.2021
Ökologie | Biodiversität | Meeresbiologie
Untermieter auf Manganknollen: Schwämme sorgen für Artenreichtum
Tief auf dem Meeresgrund lagern wertvolle Rohstoffe – beispielsweise Knollen aus Mangan, Eisen, Kobalt und Kupfer.
11.06.2021
Morphologie
Das Metallgebiss des Borstenwurms
Metallatome sind für die bemerkenswerte Stabilität von Borstenwurm-Kiefern verantwortlich, zeigen Experimente der TU Wien.
11.06.2021
Paläontologie | Entwicklungsbiologie
Versteinert: 99 Millionen Jahre alte Geburt
Einem Forschungsteam ein außergewöhnlicher Fund gelungen: Sie fanden eine fossile weibliche Landschnecke, die gemeinsam mit ihren fünf Jungtieren in einem 99 Millionen Jahre alten Bernstein eingeschlossen wurde.
09.06.2021
Genetik | Neurobiologie
Menschen-Gen macht Mäuse schlauer
Ein Gen, das nur beim Menschen vorkommt, führt bei Mäusen zu einem größeren Gehirn, erhöhter Flexibilität des Gedächtnisses und weniger Ängstlichkeit.
09.06.2021
Taxonomie
„Zombie-Frosch“ entdeckt
Senckenberg-Wissenschaftlerinnen haben mit einem internationalen Team drei neue Froscharten aus dem nördlichen Amazonasgebiet beschrieben.
09.06.2021
Klimawandel | Primatologie
Kein Platz für Menschenaffen
Der Klimawandel wird das Verbreitungsgebiet afrikanischer Menschenaffen in den nächsten 30 Jahren drastisch verkleinern.
07.06.2021
Ökologie | Klimawandel | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
Art der Waldnutzung beeinflusst Lebensrhythmus der Wildpflanzen
Durch die Klimaerwärmung verschieben sich bei vielen Pflanzen die jahreszeitlichen Rhythmen, zum Beispiel die Blütezeit.
07.06.2021
Ethologie | Vogelkunde
Junge Seeadler bleiben länger im elterlichen Revier
Seeadler reagieren sensibel auf Störungen durch den Menschen, weshalb in unmittelbarer Umgebung der Horste forst- und landwirtschaftliche Nutzungen beschränkt sind.
07.06.2021
Ethologie | Vogelkunde
Vertrauen bei Rabenvögeln
Rabenvögel benutzen soziale Informationen, um sich vor Täuschung durch Artgenossen aus Nachbarterritorien zu schützen.