Fossile Larven - Zeitzeugen in Bernstein



Bio-News vom 18.02.2021

Eine ungewöhnliche Schmetterlingslarve und eine große Vielfalt an Fliegenlarven. LMU-Zoologen haben in Bernstein fossile Bewohner Jahrmillionen alter Wälder entdeckt.

Bernstein ist mineralogisch gesehen gar kein Stein, sondern Millionen Jahre altes fossiles Baumharz. Ursprünglich tropfte es klebrig von Bäumen – unvorsichtige Insekten, aber auch andere Tier- und Pflanzenreste, konnten eingeschlossen und bis in filigrane Details konserviert werden. Heute ermöglichen diese Einschlüsse faszinierende Einblicke in die Lebenswelt lange vergangener Erdzeitalter. Wissenschaftler um die LMU-Zoologen Viktor Baranov und Joachim Haug haben nun in Baltischem Bernstein und in Bernstein aus Myanmar seltene Funde gemacht, die Einblicke in die Ökologie der Bernsteinwälder erlauben.


Modell der Schmetterlingslarve aus der Kreidezeit.

Publikation:


Joachim T. Haug, Carolin Haug
A 100 million-year-old armoured caterpillar supports the early diversification of moths and butterflies

Gondwana Research 2021

DOI: 10.1016/j.gr.2021.01.009

Homepage von Carolin und Joachim Haug

Im Eozän – vor rund 56 bis 33,9 Millionen Jahren – bedeckte (vermutlich vor etwa 38 Millionen Jahren) der baltische Bernsteinwald große Flächen im nördlichen heutigen Europa. Das Harz dieses Waldes ist die Quelle der meisten Bernsteinvorkommen in Europa. In einem baltischen Bernstein haben die Wissenschaftler nun eine bisher unerreichte Vielfalt an Fliegenlarven entdeckt – insgesamt 56 Larven, die offensichtlich auf einem Stück Säugetierkot sitzen.

„Dieses Fossil ist besonders interessant, weil der Kot voller Pflanzenreste ist, was die Existenz mindestens mittelgroßer Pflanzenfresser nahelegt“, sagt Baranov. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass es offene Flächen mit Grasland gab, was frühere Hypothesen unterstützt. „Der baltische Bernsteinwald war höchstwahrscheinlich kein dampfend dichter Dschungel, wie er oft dargestellt wurde, sondern ein viel offenerer, warm-temperierter Lebensraum“, so Baranov.


Der Fund von Fliegenlarven auf einem Stück Kot legt die Existenz mindestens mittelgroßer Pflanzenfresser nahe.

Publikation:


Viktor A. Baranov, Michael S. Engel, Jörg Hammel, Marie K. Hörnig, Thomas van de Kamp, Marcus Zuber, and Joachim T. Haug
Synchrotron-radiation computed tomography uncovers ecosystem functions of fly larvae in an Eocene forest
Palaeontologia Electronica 2021

DOI: 10.26879/1129

In anderen Bernsteinstücken fanden die Forscher Larven, deren heutige Nachfahren vor allem auf Pflanzen vorkommen, die unter Stress stehen. „Es wird schon länger diskutiert, ob Wälder, die sehr viel Bernstein produzierten, nicht ganz grundsätzlich Wälder waren, die unter ökologischem Stress stehen“, sagt Haug. „Das würde zu dem Vorkommen dieser Larven gut passen.“ Die Wissenschaftler vermuten, dass hohe Temperaturen und trockene Bedingungen diesen Stress verursachten.

Noch deutlich älter ist eine ungewöhnliche Schmetterlingslarve, die Haug in Bernstein aus Myanmar entdeckte: Das Tier lebte in der Kreidezeit, vor mehr als 100 Millionen Jahren, als die Dinosaurier die Erde beherrschten. Bisher wurden nur vier Raupen aus der Kreidezeit gefunden, und der neue Fund unterscheidet sich von diesen deutlich: „Alle bisherigen Raupen waren relativ nackt“, sagt Haug.


Flügel einer 2017 beschriebenen Kleinlibelle in kreidezeitlichem Bernstein aus Myanmar.

„Unsere neue Raupe ist die erste, die auf dem Rücken stachelige Strukturen hat.“ Das neue Exemplar bestätigt eine frühe Diversifizierung der Schmetterlinge und lässt auch Rückschlüsse auf die Ökologie zu: Heutige Raupen tragen solche Stacheln, um Fressfeinde abzuwehren, vor allem Singvögel. „Die große Diversifikation der Vögel fängt zwar erst nach dem Aussterben der großen Dinosaurier an, aber es gibt auch in der Kreide schon kleine Vögel, die möglicherweise die Raupen gefressen haben“, sagt Haug.


Diese Newsmeldung wurde mit Material der Ludwig-Maximilians-Universität München via Informationsdienst Wissenschaft erstellt.

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