Anatomie der Primaten: Wachstum, Entwicklung und Alterung



Im Vergleich zu den meisten anderen Säugetieren ähnlicher Größe zeichnen wir Primaten uns durch eine lange Periode des Wachstums und der Entwicklung aus - bei gleichzeitigen enormen Investitionen der Eltern in ihre unreifen Nachkommen.

Ein Extremfall in dieser Hinsicht sind große Menschenaffen und Menschen, bei denen der Nachwuchs erst nach zehn oder mehr Jahren des Wachstums geschlechtsreif wird.

Bei den meisten Arten findet ein rasches Wachstum während der Säuglingsphase statt, auf die eine lange Kindheit folgt und in der das Wachstum relativ langsam vonstatten geht; kurz vor der Geschlechtsreife gibt es eine Phase raschen Wachstums, die als pubertärer Wachstumsschub bezeichnet wird.

Verschieden alte Paviane
Der Zahn der Zeit: Verschieden alte Paviane.

Das langsame Wachstum und die Entwicklung der Primaten scheint im Vergleich mit anderen Säugetieren von ähnlicher Größe mit ihrem relativ langen Leben in Verbindung zu stehen. Diese Primatenmerkmale einer langen Periode des Wachstums, gekoppelt mit einer relativ langen Lebensdauer scheinen kausal mit einem anderen Schwerpunkt im Leben eines Primate verbunden zu sein, dem Lernen.

Systematisch erhobene Daten über das Wachstum der Primaten und ihrer Entwicklung stehen nur für einige wenige Arten zur Verfügung, und die meisten Erkenntnisse in diesem Bereich stammen aus einzelnen, anekdotischen Beobachtungen. Genauere Untersuchungen des Skelettwachstums wurden im Einzelnen nur an Menschen, Makaken, Schimpansen und Kapuzineraffen durchgeführt. Daher ist es fast unmöglich, artenübergreifende Vergleiche von Wachstumsraten anzustellen.

Ein Aspekt des Wachstums und der Entwicklung, der bei vielen Primaten untersucht wurde und eine wichtige Rolle bei Studien über die Evolution von Primaten und Menschen gespielt hat, ist die Reihenfolge und der Zeitpunkt des Durchbruchs von Zähnen. Es gibt eine Reihe signifikanter Unterschiede in der Abfolge, in der die bleibenden Zähne von Primaten im Kiefer erscheinen. Je größer ein Primat ist und je länger seine Lebenspanne, desto später brechen in der Regel die beiden letzten Backenzähne (Weisheitszähne) durch. Beim Menschen scheint der frühe Durchbruch der Eckzähne recht ungewöhnlich. Diese Unterschiede sind u. a. wichtig bei der Interpretation von Hinweisen auf die Lebensweise unserer eigenen frühen Vorfahren.

Wachstum, Entwicklung und Alterung werden oft gemeinsam als Lebensparameter erfasst und es besteht großes Interesse an der Frage, wie diese Reifungsprozesse und reproduktiven Eigenschaften mit ökologischen Unterschieden zwischen den Arten zusammenhängen. Die offensichtlichsten Zusammenhänge scheinen etwas mit der Körpergröße zu tun zu haben: größere Arten leben länger und brauchen länger, um heranzureifen. Es gibt aber bei Wachstum und Entwicklung auch einige detailliertere Unterschiede der Arten, die mit besonderen ökologischen Merkmalen in Zusammenhang gebracht werden können.

Literatur

Fleagle J. G. 1988. Primate Adaptation and Evolution. Academic Press, Inc. New York.

Watts E. S. 1986. Skeletal development. In: W. R. Dukelow and J. Erwin (eds.) Comparative Primate Biology: Reproduction and Development: 3, pp. 415-439. New York: Plenum Press.