Alpha-1-Fetoprotein

Alpha-1-Fetoprotein

Eigenschaften des menschlichen Proteins
Masse/Länge Primärstruktur 591 Aminosäuren
Sekundär- bis Quartärstruktur Monomer; selten Di-/Trimer
Bezeichner
Gen-Name AFP
Externe IDs OMIM: 104150 UniProtP02771
Vorkommen
Übergeordnetes Taxon Säugetiere[1]
Alpha-1-Fetoprotein (AFP), auch Alphafoetoprotein oder α1-Foetoprotein, ist ein Glykoprotein in Säugetieren, das während der menschlichen Embryonalentwicklung im Laufe der Schwangerschaft vom entodermalen Gewebe und der fetalen Leber, oder bei Erwachsenen insbesondere in Tumorzellen der Leber gebildet wird. Physiologisch hat das Alpha-1-Fetoprotein die Funktion eines fetalen Transportproteins, das insbesondere Kupfer, Nickel, Fettsäuren und Bilirubin im fetalen Blutplasma transportiert.[2]

AFP ist strukturell eng verwandt mit den Transportproteinen Albumin, Vitamin-D-bindendes Protein und Afamin. Die Produktion beginnt im vier Wochen alten Fetus, ist in der zwölften bis sechzehnten Woche am höchsten und stoppt nahezu vollständig nach der Geburt. Im Erwachsenen liegt der Plasmagehalt gewöhnlich bei weniger als 40 ng/ml.[3][2]

Anwendungen

Sehr hohe AFP-Konzentrationen im mütterlichen Blut oder im Fruchtwasser gelten als Hinweis auf Verschlussdefekte des ungeborenen Kindes. Dazu gehören Bauchwanddefekte wie die Omphalocele und die Gastroschisis sowie Neuralrohrdefekte, wie die Spina bifida aperta und die Anenzephalie. Bei Männern und nicht-schwangeren Frauen können hohe AFP-Konzentrationen auf eine aktive Hepatitis, Leberzirrhose und Leberzellkarzinom (Hepatozelluläres Carcinom, HCC) hinweisen. Niedrige AFP-Werte gelten zwischen der 14. und 20. Schwangerschaftswoche als Hinweis auf ein Down-Syndrom (Trisomie-21) beim ungeborenen Kind.

Labortests

Schwangerschaft

Im Serum

Die Messung der Serum-AFP-Konzentration in der Schwangerschaft kann als isolierte Untersuchung im Labor angefordert werden. Auch kann die Bestimmung des Serum-AFP-Wertes in Kombination mit anderen Serumwerten durchgeführt werden. Dann ist sie Bestandteil von vorgeburtlichen Screening-Untersuchungen wie dem so genannten Triple-Test oder dem Quadruple-Test.

Grenzwerte

In Deutschland wurden medizinische Leitlinien für Serum-AFP-Grenzwerte publiziert [4]. Nach ihnen gelten Werte über 2,5 MoM als Hinweis auf einen Verschlussdefekt. Als Empfehlung wird dann eine detaillierte Ultraschalluntersuchung und auf Wunsch der Patientin eine Amniozentese zur Untersuchung des AFP und der AChE im Fruchtwasser vorgeschlagen. Serum-AFP-Werte zwischen 2,0 und 2,5 MoM gelten als Normwerte im grenzwertigen Bereich, bei denen eine gezielte Ultraschalluntersuchung angeboten werden kann.

Fehlerquellen

Als Fehlerquellen bei der Interpretation der gemessenen AFP-Werte gelten: Fehleinschätzung des Schwangerschaftsalters, Nichtberücksichtigung des mütterlichen Körpergewichts, Nichtberücksichtigung des Raucherstatus und Nichtberücksichtigung der ethnischen Herkunft der untersuchten Patientin. So weisen insbesondere schwangere Frauen afrikanischer Herkunft deutlich höhere Serum-AFP-Werte auf als Frauen europäischer Herkunft. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die AFP-Konzentrationen bei Frauen mit Zwillingsschwangerschaft durchschnittlich doppelt erhöht sind, dass Verletzungen der Plazenta (Blutungen, Placentahämatome) zur AFP-Erhöhung im mütterlichen Serum führen können, und dass extrem hohe AFP-Werte bei Skandinavierinnen auf eine finnische Nephrose (syn.: nephrotisches Syndrom – finnischer Typ) hinweisen können.

Im Fruchtwasser

Der Fruchtwasser-AFP-Wert wird in Deutschland üblicherweise in jeder Fruchtwasserprobe zur Suche nach Neuralrohrdefekten mitgemessen, auch bei anders lautender Indikation zur Amniozentese. Ein erhöhter AFP-Wert im Fruchtwasser gilt ebenso wie im Serum nicht als beweisend für das Vorliegen eines Neuralrohrdefektes oder anderer Verschlussdefekte. Als beweisend gilt nur der Nachweis des Defektes im Ultraschall. In Kombination mit dem AFP-Wert wird häufig auch die Acetyl-Cholinesterase (AChE) im Fruchtwasser untersucht. Ein positiver AChE-Wert gilt in Verbindung mit einem erhöhten AFP-Wert als deutlicher Hinweis auf einen Neuralrohrdefekt beim Fetus.

Grenzwerte

In Deutschland bestehen keine allgemein gültigen Grenzwerte für das AFP im Fruchtwasser. Üblicherweise definiert jedes Labor diesen Grenzwert selbst, wobei es sich auf entsprechende Literaturstellen aus Publikationen beruft, die solche Grenzwerte vorschlagen. Als eine der in diesem Zusammenhang bedeutendsten Publikationen gilt die U.K. Collaborative Study on Alpha-fetoprotein in Relation to Neural-tube Defects [5]. Nach dieser Studie verändert sich der Grenzwert für erhöhte AFP-Konzentrationen im Laufe der Schwangerschaft stufenartig. Zwischen der 13. und 15. Woche sollte die Grenze bei 2,5 MoM liegen, zwischen der 16. und 18. Woche bei 3,0 MoM, zwischen der 19. und 21. Woche bei 3,5 MoM, und zwischen der 22. und 24. Woche bei 4 MoM.

Fehlerquellen

Als Fehlerquellen bei der Interpretation der gemessenen AFP-Werte gelten: Blutiges Fruchtwasser (Kontamination mit fetalen Erythrozyten) führt häufig zu erhöhten AFP-Werten, Punktion nach Fruchtwasserauffüllung führt zu extrem niedrigen AFP-Werten

Tumormarker

AFP dient als Tumormarker bei folgenden Tumoren:

Siehe auch

  • Teratom

Literatur

  • Klaus Dörner (Hrsg.): Klinische Chemie und Hämatologie, 4. Aufl., Stuttgart 2001, S. 118.

Einzelnachweise

  1. Homologe von P02771 bei OMA
  2. 2,0 2,1 UniProt P02771
  3. INTERPRO: Alpha-fetoprotein
  4. Pauer, H.-U. und Rauskolb, R. (1999) Blutuntersuchung bei Schwangeren zur pränatalen Risikopräzisierung für Chromosomenanomalien und Neuralrohrdefekte (Triple-Test). (Kommentar: Zusammenfassender Bericht über die 4. Konsensustagung), medgen 11, 36-39
  5. Amniotic-fluid alpha-fetoprotein measurement in antenatal diagnosis of anencephaly and open spina bifida in early pregnancy. Second report of the U.K. Collaborative Study on Alpha-fetoprotein in Relation to Neural-tube Defects. Lancet. 1979, Sep 29;2(8144):651-62
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die News der letzten 7 Tage

31.07.2021
Ökologie | Neobiota
Teure Invasoren
Wissenschaftlerinnen haben die durch invasive Arten entstandenen Kosten in Europa und Deutschland untersucht.
31.07.2021
Anthropologie | Neurobiologie
Lernpausen sind gut fürs Gedächtnis
Wir können uns Dinge länger merken, wenn wir während des Lernens Pausen einlegen.
31.07.2021
Botanik | Immunologie | Parasitologie
Eichenwälder widerstandsfähiger machen
Kahlgefressene Eichen sind ein Bild, das in den letzten Jahren immer wieder zu sehen war. Verursacher sind häufig die massenhaft auftretenden Raupen des Eichenwicklers.
29.07.2021
Ökologie | Toxikologie
Wasser blau – Badestrand grün
Viele klare Seen der Welt sind von einem neuen Phänomen betroffen: In Ufernähe, wo Menschen spielen oder schwimmen, ist der Seeboden mit grünen Algenteppichen bedeckt.
29.07.2021
Anatomie | Paläontologie
Patagonischer Langhalssaurier neu beleuchtet
Ein Team der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) untersuchte im Rahmen einer Neubeschreibung die Überreste des Langhalssauriers Patagosaurus fariasi (175 Mio Jahre) aus Argentinien.
29.07.2021
Anthropologie | Virologie | Bionik, Biotechnologie, Biophysik
Hochwirksame und stabile Nanobodies stoppen SARS-CoV-2
Ein Forscherteam hat Mini-Antikörper entwickelt, die das Coronavirus SARS-CoV-2 und dessen gefährliche neue Varianten effizient ausschalten.
29.07.2021
Zytologie | Biochemie
Pflanzen haben ein molekulares „Gedächtnis“
Wie eine Pflanze wächst, hängt einerseits von ihrem genetischen Bauplan ab, zum anderen aber davon, wie die Umwelt molekulare und physiologische Prozesse beeinflusst.
29.07.2021
Ökologie | Bionik, Biotechnologie, Biophysik | Meeresbiologie
Forschungsfahrt: Hydrothermale Wolken in der Nähe der Azoren
Sie entstehen, wenn von glühendem Magma aufgeheizte Lösungen aus der Erdkruste in der Tiefsee austreten und auf kaltes Meerwasser treffen: Hydrothermale Wolken stecken voller Leben, sie versorgen die Ozeane mit Nährstoffen und Metallen.
28.07.2021
Physiologie | Bionik, Biotechnologie und Biophysik
Spurensuche im Kurzzeitgedächtnis des Auges
Was wir sehen, hinterlässt Spuren: Mit schnellen Bewegungen, sogenannten Sakkaden, springt unser Blick zwischen verschiedenen Orten hin und her, um möglichst scharf abzubilden, was sich vor unseren Augen abspielt.
27.07.2021
Bionik, Biotechnologie und Biophysik
Neue Möglichkeiten: Topologie in der biologischen Forschung
Ein aus Quantensystemen bekanntes Phänomen wurde nun auch im Zusammenhang mit biologischen Systemen beschrieben: In einer neuen Studie zeigen Forscher dass der Begriff des topologischen Schutzes auch für biochemische Netzwerke gelten kann.
27.07.2021
Anthropologie | Neurobiologie
Viel mehr als Gehen
Jahrzehntelang dachte man, dass ein Schlüsselbereich des Gehirns lediglich das Gehen reguliert.
26.07.2021
Ökologie | Paläontologie
Uralte Haizähne geben Hinweis auf eine globale Klimakrise
Die stete Drift der Kontinente formt nicht nur Gebirgszüge, sondern hat auch großen Einfluss auf die Tierwelt im Meer.
26.07.2021
Anatomie | Bionik, Biotechnologie und Biophysik | Bioinformatik
Wie tierische Sprinter enorme Spitzengeschwindigkeiten erreichen
Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe hat ein physikalisches Modell entwickelt, um zu erforschen, von welchen Eigenschaften die maximale Laufgeschwindigkeit bei Tieren abhängig ist.
26.07.2021
Anthropologie | Zoologie | Ethologie
Hunde als „Gedankenleser“
Dass Hunde vielfach als der „beste Freund des Menschen“ bezeichnet werden, ist bekannt.
26.07.2021
Mikrobiologie | Genetik | Biochemie
RNA kontrolliert die Schutzhülle von Bakterien
Der Magenkeim Helicobacter pylori weiß, wie er sich gegen Angriffe des Immunsystems oder durch Antibiotika schützen kann.