Antarktisfische

Antarktisfische
Chionodraco hamatus

Chionodraco hamatus

Systematik
Ctenosquamata
Acanthomorpha
Stachelflosser (Acanthopterygii)
Barschverwandte (Percomorpha)
Ordnung: Barschartige (Perciformes)
Unterordnung: Antarktisfische
Wissenschaftlicher Name
Notothenioidei
Jordan, 1923

Die Unterordnung der Antarktisfische (Notothenioidei) ist eine Gruppe der Barschartigen. Sie stellt 75 Prozent der in antarktischen Gewässern lebenden Fischarten. Von der äußeren Gestalt ähneln sie den Groppen (Cottidae) der Nördlichen Hemisphäre. Die meisten sind Grundfische, einige leben auch im freien Wasser.

Evolution

Die Antarktisfische sind ein Beispiel für die adaptive Radiation, die Entstehung unzähliger neuer Arten aus einer Stammart durch die Anpassung an spezielle Lebensbedingungen und die Ausnützung ökologischer Nischen. Geografische Isolation und fehlende natürliche Feinde begünstigen die Auffächerung.

Maßgeblich für ihre Anpassung an den unwirtlichen Lebensraum war vermutlich eine evolutionäre Schlüsselinnovation während einer Phase der globale Abkühlung und der zunehmenden Vergletscherung der Antarktis vor etwa 35 Millionen Jahren. Viele Fische, die zuvor im warmen südlichen Ozean gelebt hatten, starben aus. Sogenannte Anti-Frost-Proteine ermöglichten jedoch den Antarktisfischen ein Überleben bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt, entdeckt wurde dieses natürliche Frostschutzmittel in den 1950er Jahren. Die körperliche Besonderheit gilt als Ausgangspunkt der Auffächerung der Notothenioidei. Heute tragen die Tiere entscheidend zur Vielfalt des antarktischen Meereslebens bei, und Räubern wie Pinguinen, Zahnwalen oder Seehunden dienen sie als Nahrung.

Offensichtlich haben auch weitere Anpassungen die Fische für die Lebensbedingungen nahe dem antarktischen Eisschild besonders tauglich gemacht. Dazu zählt beispielsweise der variierende Auftrieb der Fische ohne Schwimmblasen. Nah verwandte Arten können daher unterschiedlichste Meeresregionen bis in die Tiefsee bewohnen. So eroberten die Fische immer neue ökologische Nischen, während potenzielle Konkurrenten in der eisigen Umgebung für immer verschwanden. Die heutige Verschiedenartigkeit ist demnach nicht nur die Folge einer einzigen Schlüsselinnovation, die Entstehung des Anti-Frost-Proteins ist nur einer von vielen Faktoren für die erstaunliche Auffächerung der Stammart.

Systematik

Als nächste Verwandte und Schwestergruppe der Antarktisfische galten lange Zeit die Aalmutterartigen (Zoarcoidei), die meist die nördlichen kalten Meere bewohnen, oder die Drachenfische (Trachinoidei). Heute wird immer deutlicher, dass die Schwestergruppe der Antarktisfische die Echten Barsche (Percidae) sind [1]. Die Antarktisfische werden in acht Familien, ca. 44 Gattungen und 125 Arten gegliedert. Zwei Familien, die Eleginopsidae und die Pseudaphritidae sind monotypisch.

Folgendes Kladogramm macht die verwandtschaftlichen Beziehungen deutlich [2]:

Riesen-Antarktisdorsch (Dissostichus mawsoni)


 Antarktisfische 

Eisfische (Bovichtidae)


     

Katadrome Eisfische (Pseudaphritidae)


     

Patagonien-Schleimfische (Eleginopsidae)


     

Antarktisdorsche (Nototheniidae)


     


Antarktisraubfische (Harpagiferidae)


     

Artedidraconidae



     

Antarktisdrachenfische (Bathydraconidae)


     

Krokodileisfische (Channichthyidae)








Die ersten drei Familien leben mit Ausnahme von einer Eisfischart nicht im Südpolarmeer, aber auf der Südhalbkugel der Erde. Von den 49 Arten der Antarktisdorsche sind 33 antarktisch, 16 nicht antarktisch. Alle Arten der letzten vier Familien sind antarktisch [2].

Literatur

  • Joseph S. Nelson: Fishes of the World. John Wiley & Sons, 2006, ISBN 0-471-25031-7.
  • J. T. Eastman, A. L. DeVries: Die Antarktisfische. in: Biologie der Meere. Spektrum Akad. Verl., 1991, ISBN 3-89330-753-2.
  • J. T. Eastman, R. R. Eakin: An updated species list for notothenioid fish (Perciformes; Notothenioidei), with comments on Antarctic species. PDF.
  • T. J. Near, J. J. Pesavento, Chi-Hing C. Cheng: Phylogenetic investigations of Antarctic notothenioid fishes (Perciformes: Notothenioidei) using complete gene sequences of the mitochondrial encoded 16S rRNA. PDF.
  • Thomas J. Near, Alex Dornburg, Kristen L. Kuhn, Joseph T. Eastman, Jillian N. Pennington, Tomaso Patarnello, Lorenzo Zane, Daniel A. Fernández, Christopher D. Jones: Ancient climate change, antifreeze, and the evolutionary diversification of Antarctic fishes. PNAS, 2012 doi:10.1073/pnas.1115169109.

Einzelnachweise

  1. Agnes Dettai & Guillaume Lecointre: In search of notothenioid (Teleostei) relatives. Antarctic Science 16 (1): 71–85 (2004) © Antarctic Science Ltd Printed in the UK doi:10.1017/S095410200400183X
  2. 2,0 2,1 Guido di Prisco, Joseph T. Eastman, Daniela Giordano, Elio Parisi, Cinzia Verde: Biogeography and adaptation of Notothenioid fish: Hemoglobin function and globin–gene evolution. Gene 398 (2007) Seite 143–155,

Weblinks

 Commons: Notothenioidei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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