Arzneimittelexanthem

Datei:Hautausschlag Oberschenkel fcm.jpg
Allergischer Hautausschlag auf einem Oberschenkel
Klassifikation nach ICD-10
L27.0 Generalisierte Hauteruption durch Drogen oder Arzneimittel
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Arzneimittelexantheme sind die äußeren Erscheinungen (Manifestationen) einer Arzneimittelallergie oder einer Pseudoallergie in Form von Haut- und Schleimhautveränderungen beziehungsweise -erkrankungen, die nach Einnahme oder lokaler Anwendung von Arzneimitteln als unerwünschte Arzneimittelwirkungen auftreten können. Mit einer Häufigkeit von etwa ein bis vier Prozent sind diese Exantheme die häufigsten Formen aller arzneimittelbedingten Hautreaktionen.

Krankheitsverlauf und Symptome

Beim erstmaligen Einnehmen eines Medikaments treten die Krankheitserscheinungen meist zwischen dem 7. und 12. Behandlungstag auf. Bei mehrmaliger Einnahme der allergieauslösenden Wirkstoffe beziehungsweise bei vorheriger Sensibilisierung erscheinen die Arzneimittelexantheme in der Regel innerhalb von 48 Stunden. Neben allergischen Reaktionen mit notwendiger Antikörperbildung kann auch eine direkte arzneivermittelte Freisetzung von Mediatoren (z. B. Histamin) eine Ursache von Arzneimittelexanthemen sein (Pseudoallergie); hierbei gibt es typischerweise keine Sensibilisierung - so ist also schon bei Erstgabe ein Exanthem möglich.

Das klinische Bild eines Arzneimittelexanthems kann vielgestaltig sein. Es können eine scharlachähnlichen Rötung der Haut, ein masernähnlicher Hautausschlag oder kleine Papeln beobachtet werden. Seltener treten Arzneimittelexantheme mit Erythemen, retikulären Effloreszenzen und großen Flecken auf. Die beschriebenen Exantheme treten oft an mehreren, aber individuell immer an denselben (identischen) Körperstellen auf und hinterlassen im Allgemeinen bei Abheilung eine schiefergraue Pigmentierung.

Differentialdiagnose

Differentialdiagnostisch sind Exantheme, die durch Scharlach ausgelöst werden, und durch Virusinfektionen wie Masern oder Röteln ausgelöste Ausschläge auszuschließen.[1]

Therapie

Wichtigste Maßnahme ist das sofortige Absetzen des angeschuldigten Medikaments, ggf. mit Ansetzen eines Mittels möglichst aus einer anderen Wirkstoffgruppe, um Kreuzreaktionen weitgehend auszuschließen. In generalisierenden Fällen mit Hinzukommen von systemischen Beschwerden kann eine symptomatische Therapie je nach klinisch vorherrschendem Symptom notwendig werden (z. B. Schockbekämpfung bei allergischem anaphylaktischem Schock oder pseudoallergischer anaphylaktoider Reaktion).

Komplikationen

Das durch Arzneimittel induzierte Lyell-Syndrom gilt dabei als die schwerste Form eines erythematobullösen Arzneimittelexanthems.

Auslöser

Im Prinzip kann jedes Arzneimittel, auch als "harmlos" angesehene Mittel wie Erkältungspräparate auf pflanzlicher Basis oder Nahrungsergänzungsstoffe wie Vitamine, ein Arzneimittelexanthem auslösen. Es gibt aber Arzneien, die besonders häufig oder typischerweise ein Arzneimittelexanthem auslösen. Beobachtet werden Arzneimittelexantheme vor allem nach Einnahme von Antibiotika, von Analgetika sowie Antiepileptika. Typische Auslöser sind auch z.B. Goldpräparate, wie sie noch selten in der Therapie von Rheumaerkrankungen zum Einsatz kommen, sowie neurere Arzneimittel wie Sorafenib.

Kreuzallergie

Chemisch verwandte Arzneimittel können bei bekannter Unverträglichkeit des einen Stoffes oft ebenfalls ein Arzneimittelexanthem auslösen, ähnlich wie man bei einer Allergie auf Gräserpollen auch meistens gegen Roggenpollen allergisch ist. Ein typisches Beispiel ist die Kreuzreaktivität von Penicillinen und Cephalosporinen.

Diagnostik

Geht es im Nachhinein darum, das auslösende Medikament eines Exanthems auszumachen, stößt man oft auf diagnostische Probleme: Oft wurden mehrere neue Arzneimittel zur selben Zeit eingenommen, und wenn dies noch zudem im Rahmen einer Erkältungserkrankung auftrat, muss man sogar überlegen, ob es sich wirklich um ein Arzneimittelexanthem oder nicht doch um ein Virusexanthem, dem die Erkältung vorausging, handelt. Diagnostische Hauttests wie der Pricktest oder Epikutantest können ebenso wie Blutuntersuchungen nur bedingt weiterhelfen, da es sich oft auch um eine Pseudoallergie gehandelt hat. Eine Reexposition wird nur erwogen, wenn die Symptomatik des Exanthems nicht zu gravierend war und eine Therapie mit dem evtl. auslösenden Medikament nicht zu vermeiden ist, da vor allem bei wiederholten Auftreten die Reaktion noch ausgeprägter sein kann. Im Zweifelsfall wird ein Allergiepass ausgestellt, der alle in Frage kommenden Präparate auflistet.

Siehe auch

Literatur

  • Kaspar Zürcher, Alfred Krebs: Cutaneous Drug Reactions - An Integral Synopsis of Today's Systemic Drugs -, 2nd. Edition, Karger, Basel, Freiburg, Paris u.a., 1992, ISBN 3-8055-4939-3

Einzelnachweise

Die News der letzten Tage

06.12.2022
Biodiversität | Ökologie
Es geht ums Ganze beim Erhalt der biologischen Vielfalt
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Forschungsnetzwerks Biodiversität sowie Kolleginnen und Kollegen haben eine Liste konkreter Handlungen zum aktiven Schutz der biologischen Vielfalt vorgelegt.
05.12.2022
Botanik | Ökologie
Wie das Mikrobiom der Pflanzen mit dem Samen vererbt wird
Erst kürzlich konnten Forschende experimentell nachweisen, dass über den Samen Mikroorganismen von einer Pflanzengeneration zur nächsten vererbt werden.
05.12.2022
Biochemie | Bioinformatik | Mikrobiologie
Wie man zwei Milliarden Jahre zurückgeht und ein altes Enzym rekonstruiert
Forscher:innen der Universität Leipzig haben ein Rätsel in der Evolution von bakteriellen Enzymen gelöst.
02.12.2022
Ethologie | Säugetierkunde
Markierungsbäume von Geparden sind Hotspots der Kommunikation – auch für andere Tierarten
Markierungsbäume sind für Geparde wichtige Hotspots der Kommunikation: Dort tauschen sie über Duftmarken, Urin und Kot Informationen mit anderen und über andere Geparde aus.
02.12.2022
Land-, Forst-, Fisch- und Viehwirtschaft | Ökologie
DBU: Weltbodentag am 5. Dezember
Mittlerweile leben acht Milliarden Menschen auf der Welt und Ernährungssicherung wird zu einer dringendsten Herausforderungen unserer Zeit.
01.12.2022
Physiologie
Altern Frauen anders als Männer?
Studien an Fruchtfliegen zeigen, wie das biologische Geschlecht die Wirkung des derzeit vielversprechendsten Anti-Aging-Medikaments Rapamycin beeinflusst.
29.11.2022
Ethologie | Zoologie
Geschlechterrollen im Tierreich hängen vom Verhältnis von Weibchen und Männchen ab
Wie wählerisch sollten Weibchen und Männchen sein, wenn sie einen Partner auswählen?
28.11.2022
Ökologie | Paläontologie | Säugetierkunde
Fossil aus dem Allgäu: Biber leben seit mehr als 11 Millionen Jahren im Familen-Clan
Die Hammerschmiede im Allgäu, Fundstelle des Menschenaffen Danuvius, ist eine einmalige Fundgrube für Paläontologen: Bereits über 140 fossile Wirbeltierarten konnten hier geborgen werden.
28.11.2022
Anthropologie | Neurobiologie
Arbeitsgedächtnis: Vorbereitung auf das Unbekannte
Beim Arbeitsgedächtnis, oder auch Kurzeitgedächtnis genannt, galt lange die Theorie, dass seine Kernaufgabe die aktive Speicherung von Informationen über einen kurzen Zeitraum ist.
28.11.2022
Meeresbiologie | Ökologie
Offshore-Windparks verändern marine Ökosysteme
Der Ausbau von Offshore-Windparks in der Nordsee geht voran, doch die Konsequenzen für die marine Umwelt, in der sie errichtet werden, sind noch nicht vollständig erforscht.
25.11.2022
Evolution | Genetik | Neurobiologie
Was haben Oktopus und Mensch gemeinsam?
Kopffüßler sind hochintelligente Tiere mit komplexem Nervensystem, dessen Evolution mit der Entwicklung von auffällig viel neuer microRNA verbunden ist.