Lumper und Splitter

Lumper und Splitter sind zwei Bezeichnungen für die Vertreter gegensätzlicher Vorgehensweisen bei der Klassifizierung von Einzelfällen, die nach streng definierten Kategorien zugeordnet werden müssen. Lumper gehen davon aus, dass die Unterschiede zwischen den zu klassifizierenden Entitäten nicht so groß und nicht so bedeutsam sind wie die Gemeinsamkeiten und dulden daher eine relativ große Variationsbreite. Splitter hingegen legen präzise Definitionen für ihre Kategorien fest und erstellen neue, zusätzliche Kategorien, wenn Einzelfälle den vorhandenen Definitionen nicht genügen.

Lumper ist abgeleitet vom englischen Verb to lump („zusammenlegen, in einen Topf werfen“), Splitter ist abgeleitet von to split („etwas unterteilen, aufspalten“). Die heutige Verwendung des Gegensatzpaars Lumper / Splitter geht zurück auf eine Veröffentlichung des US-amerikanischen Humangenetikers Victor Almon McKusick aus dem Jahr 1969.[1]

Lumper und Splitter sind aus zahlreichen Fachgebieten bekannt (siehe beispielsweise Amerindische Sprachen), werden aber im Deutschen nicht immer mit diesen Bezeichnungen benannt.

Paläoanthropologie

In der Paläoanthropologie bezeichnet Lumper oder Splitter Forscher mit gegensätzlichen Vorgehensweisen beim Aufstellen von Hypothesen über das Entstehen der Arten. Als Lumper werden jene Forscher bezeichnet, die den von ihnen definierten Chronospezies eine erdgeschichtlich lange Existenz zuschreiben und daher nur wenige Chronospezies definieren. Als Splitter werden jene Forscher bezeichnet, die eine Vielzahl aufeinander folgender Chronospezies definieren, welche folglich jeweils nur eine erdgeschichtlich kurze Zeitspanne existiert haben.

Beispielhaft für die Folgen der beiden unterschiedlichen Vorgehensweisen sind die zahlreichen, voneinander abweichenden Bezeichnungen für Fossilien der Gattung Homo aus der Epoche von vor rund zwei Millionen Jahren bis vor rund 150.000 Jahren. So werden bestimmte, in Spanien geborgene Fossilien – je nach Sichtweise der Forscher – zu Homo erectus gestellt (Lumper), zu Homo heidelbergensis oder zu Homo antecessor (Splitter). Andere Fossilien werden teils als archaischer Homo sapiens bezeichnet (Lumper), teils als Homo rhodesiensis (Splitter).

Ausbreitung und Fortentwicklung der Gattung Homo, Sichtweise 1 (Lumper): eine lange existierende Art mit diversen regionalen Varianten
Ausbreitung und Fortentwicklung der Gattung Homo, Sichtweise 2 (Splitter): regionale und zeitliche Varianten werden als eigenständige Chronospezies etabliert


Die unterschiedlichen Sichtweisen von Paläoanthropologen haben ihren Ursprung in den 1940er Jahren, als es üblich wurde, jedes neu entdeckte hominine Fossil mit einem eigenen Art- oder sogar Gattungsnamen zu bezeichnen.[2] Diese „verwirrende Namensvielfalt“ ordnete Ernst Mayr 1950 neu, indem er argumentierte, die Vorfahren des Homo sapiens hätten einen ähnlich variablen Körperbau besessen wie die Jetzt-Menschen[3] und es sei folglich unangebracht, die Unterschiede zwischen einzelnen Fossilien zu betonen. Daher bezeichnete er die ältesten, aus Südafrika stammenden Funde als Homo transvaalensis (heute: Australopithecus africanus); zwischen diese Art und Homo sapiens platzierte er nur eine einzige Art, Homo erectus, in der er Pithecanthropus erectus, Sinanthropus pekinensis und den Unterkiefer von Mauer (den Holotypus von Homo heidelbergensis) zusammenfasste. Seine Festlegungen, die unter anderem eine geradlinige Transformation der älteren Art zur nächst jüngeren unterstellten, wurden jedoch nicht von klaren Beschreibungen der diese drei Arten unterscheidenden Merkmale (Diagnosen) unterfüttert. Deshalb und in dem Maße, in dem sich später die Auffassung durchsetzte, dass es sehr wohl auch ausgestorbene „Seitenäste“ im Stammbaum des Menschen gab, neigten etliche Forscher wieder dazu, die Unterschiede der Fossilien zu betonen und in der Folge die Namensvielfalt erneut zu vergrößern.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Victor McKusick: On lumpers and splitters, or the nosology of genetic disease. In: Perspectives in Biology and Medicine. Band 12, 1969, S. 298-312; Volltext
  2. Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall: Fossil evidence for the origin of Homo sapiens. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 143, Supplement 51 (= Yearbook of Physical Anthropology), 2010, S. 94–121, doi:10.1002/ajpa.21443
  3. Ernst Mayr: Taxonomic categories in fossil hominids. In: Cold Spring Harbor Symposia on Quantitative Biology 1950. Band 15, 1950, S. 109–118, doi:10.1101/SQB.1950.015.01.013

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die News der letzten 7 Tage

23.06.2021
Botanik | Physiologie | Biochemie
Wie kleine Moleküle Pflanzen bei ihrer Stressbewältigung helfen
Ein Team von Wissenschaftlerinnen hat in einer aktuellen Studie ein neuartiges regulatorisches kleines Molekül untersucht und beschrieben.
23.06.2021
Zytologie | Genetik | Biochemie
Flashmob im Zellkern
Der Zellkern ist weit mehr als eine Art Aufbewahrungs-Behälter für Chromosomen: In ihm sitzt auch die komplexe Maschinerie, die Abschriften der gerade benötigten Gene herstellt und in die Zelle entlässt.
23.06.2021
Anthropologie | Primatologie
Dem Affen in die Augen geschaut
Das Weiße in unserem Auge ist etwas Besonderes, denn die Lederhaut ist nicht pigmentiert, weshalb wir gut verfolgen können, wohin unser Gegenüber schaut.
23.06.2021
Physiologie | Ökologie | Biodiversität
Der Duft macht’s
Pflanzliche Inzucht mindert die Attraktivität für Bestäuber, das zeigt ein Forschungsteam am Beispiel der Weißen Lichtnelke.
23.06.2021
Anthropologie | Physiologie | Primatologie
Das Alter lässt sich nicht betrügen
Die Lebenserwartung in Primatenpopulationen wird durch die Überlebensrate der Jüngeren bestimmt.
23.06.2021
Botanik | Physiologie | Klimawandel
Warum Bäume nachts wachsen
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Bäume mehrheitlich tagsüber wachsen.
21.06.2021
Neurobiologie
Wählerische Nervenzellen
Der visuelle Thalamus ist klassischerweise dafür bekannt, die von der Netzhaut kommenden visuellen Reize an die Großhirnrinde weiterzuleiten.
21.06.2021
Botanik | Genetik | Klimawandel
Gene für Dürreresistenz in Buchen: Hitzesommer überleben oder austrocknen?
Forscherinnen identifizieren Gene für Dürreresistenz in Buchen, aber nicht jeder Baum hat das genetische Rüstzeug für einen Klimawandel.
21.06.2021
Anthropologie | Neurobiologie
Mimik-Erkennung: Warum das Gehirn dem Computer (noch) überlegen ist
Die Corona-Maskenpflicht macht uns derzeit bewusst: Mimik ist eines unserer wichtigsten Kommunikationssignale.
20.06.2021
Physiologie | Paläontologie
Kleiner Elefant hörte tiefe Töne
Der ausgestorbene Zwergelefant Palaeoloxodon tiliensis von der griechischen Insel Tilos besaß offenbar ein ähnliches Hörspektrum wie seine großen, heute lebenden Verwandten.
20.06.2021
Biodiversität | Insektenkunde
In Deutschland Gewinner und Verlierer: Libellen
In den letzten 35 Jahres hat sich die Verteilung der Libellenarten in Deutschland stark verändert.
18.06.2021
Ethologie | Insektenkunde
Die komplexe Organisation einer Ameisenkolonie
Eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie über räuberische Ameisen erklärt, wie kleine Unterschiede zwischen Einzeltieren die kollektive Organisation der Kolonie verändern.
18.06.2021
Ethologie | Primatologie
Schimpansen-Waisen erholen sich vom Verlust der Mutter
Chronischer Stress könnte ein Grund dafür sein, warum manche Tierwaisen eine kürzere Lebenserwartung haben und weniger Nachkommen bekommen.
18.06.2021
Ökologie | Insektenkunde
Stickstoffüberschuss gefährdet Schmetterlinge
Stickstoff aus Landwirtschaft, Verkehrsabgasen und Industrie bringt Schmetterlinge in der Schweiz in Bedrängnis.
18.06.2021
Insektenkunde | Entwicklungsbiologie
Steinfliegen: Jugend beeinflusst Erwachsenenleben
Die Metamorphose führt bei Insekten meist zu völlig verschieden aussehenden Larven- und Erwachsenenstadien: Schmetterlinge unterscheiden sich etwa drastisch von ihren Jungstadien, den Raupen.
18.06.2021
Ökologie | Vogelkunde
Dramatische Veränderung der Brutvogelgemeinschaft
Im Bonner Stadtteil Dottendorf hat die Zahl der Brutvogelarten in den vergangenen 50 Jahren deutlich abgenommen.