Lummen

Dieser Artikel behandelt die Vogelgattung. Für die Gemeinde in Belgien, siehe Lummen (Belgien).
Lummen
Trottellumme zwischen zwei Dickschnabellummen

Trottellumme zwischen zwei Dickschnabellummen

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Regenpfeiferartige (Charadriiformes)
Familie: Alkenvögel (Alcidae)
Gattung: Lummen
Wissenschaftlicher Name
Uria
Brisson, 1760

Die Lummen (Uria) sind eine zwei Arten umfassende Vogelgattung, die zu den Alkenvögeln (Alcidae) gehört.

Die Lummen sind Meeresvögel, die auf der Nordhalbkugel weit verbreitet sind. Nur zur Brutzeit halten sie sich an den Küsten auf.

Aussehen

Beide Arten, die Trottellumme (Uria aalge) und die Dickschnabellumme (Uria lomvia), sind 38–46 cm groß und etwa 1 kg schwer. Nach dem Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerotteten Riesenalk (Pinguinus impennis) sind sie die größten Alkenvögel.

Lummen sind oberseits schwarz und unterseits weiß gefärbt. Im Winterkleid dehnt sich die weiße Färbung auch auf die im Brutkleid schwarze Kehle aus. Der Schnabel ist einheitlich schwarz gefärbt. Bei der Trottellumme gibt es eine Farbvariante, die Ringellumme, mit einem weißen Augenring, von dem sich ein gebogener weißer Streifen ein Stück halsabwärts zieht.

Verbreitung

Das Brutgebiet der Trottellumme erstreckt sich über die Küsten des Nordatlantik und Nordpazifik sowie über die angrenzenden Eismeerküsten. Das Verbreitungsgebiet reicht nach Süden im atlantischen Gebiet bis zu den Britischen Inseln und nach Portugal, im Pazifik bis nach Korea, Nordjapan und Kalifornien[1]. Die Trottellumme brütet auch auf Helgoland, wo sie auf dem so genannten „Lummenfelsen“ lebt.

Dickschnabellummen brüten weiter nördlich in den arktischen Gewässern; ihre südlichsten Vorkommen liegen bei Island, Neufundland, Sachalin, bei den Kurilen und den Aleuten in Alaskas[2].

Fortpflanzung

Brutkolonie an der Steilküste Nordirlands

Lummen brüten kolonieweise auf Felssimsen und Klippen an unzugänglichen Steilküsten. Das Weibchen legt nur ein Ei direkt auf den Felsenuntergrund. Während der Bebrütung liegen die Eier auf den Schwimmhäuten der Altvögel. Die birnenförmigen, individuell gezeichneten Eier sind 8,1 x 5 cm groß. Aufgrund seiner Form rollt das Lummenei nur schlecht, was auf den oft schmalen Felsbändern vorteilhaft ist.

Noch im Daunenkleid wagen die flugunfähigen, drei Wochen alten Küken der Trottellumme den Sprung in das bis zu 40 Meter tief unter ihnen liegende Meer. Dort werden sie von den Eltern (meist dem Vater) weiter gefüttert, bis sie flugfähig sind.

Dieses ungewöhnliche Verhalten hat sich entwickelt, da die erwachsenen Tiere recht schwer sind und verhältnismäßig kleine Flügel haben. So können sie nicht viel Nahrung für die Jungvögel im Flug transportieren. Sobald die Jungvögel größer werden und mehr Nahrung brauchen als die Eltern fliegend heranschaffen können, kommt es zum so genannten Lummensprung. Diese Verhaltensanpassung gleicht also den physischen Nachteil aus, der sich durch die relativ schlechte Flugfähigkeit der Erwachsenen für die Jungen-Aufzucht ergibt.

Den Lummensprung kann man beispielsweise im Sommer auf Helgoland beobachten.

Arten

Stammesgeschichte

Morphologische[3] wie auch genetische[4] Untersuchungen ergaben eine enge Verwandtschaft der Lummen (Uria) mit der Gattung Alca, deren einziger heute lebende Vertreter der Tordalk ist. Während es zahlreiche fossile Funde der Gattung Alca im Bereich des Atlantiks gibt, sind nur zwei fossile Belege für Lummen, nämlich Uria affinis aus dem Pleistozän von Maine und Uria ausonii aus dem Pliozän Italiens bekannt. (Letztere Art wird von einigen Autoren allerdings der Gattung Alca zugeordnet.) Ferner gibt es lediglich zwei weitere fossile Uria-Funde, nämlich: Uria brodkorbi und Uria paleohesperis aus dem Miozän bzw. der Miozän/Pleistozän-Grenze Kaliforniens[5]. Nach Warheit[6] führt die geographische Verteilung dieser Funde auf die Hypothese, dass sich die Gattung Uria im Pazifik entwickelte und sich zwischen dem frühen Pliozän und dem Pleistozän über die Arktische See in den Atlantik ausbreitete. Olsen und Rasmussen[7] führen die Abwesenheit von Uria im Atlantik bis zum späten Pleistozän auf eine Wettbewerbssituation mit Alca zurück. Uria-Vertreter konnten erst dann im Atlantik Fuß fassen als entsprechende Nischen entstanden.

Einzelnachweise

  1. Verbreitungskarte der Trottellumme
  2. Verbreitungskarte der Dickschnabellumme
  3. Strauch, 1985
  4. Friesen u.a., 1996
  5. Mlíkovský und Kovar,1987
  6. K.I.Warheit: The Seabird Fossil Record and the Role of Paleontology in Understanding Seabird Community Structure. In Schreiber and Burger, Kapitel 2, Seite 17-56.
  7. S. Olson und P. Rasmussen: Miocene and Pliocene Birds from the Lee Creek Mine, North Carolina. In: Smithsonian Contributions to Paleobiology 2001, Nr. 90

Literatur

  • V.L.Friesen, A.J. Baker und J.F. Piatt: Phylogenetic Relationships Within the Alcidae (Charadriiformes: Aves) Inferred from Total Molecular Evidence. In: Molecular Biology and Evolution Band 13(2), 1996, Seite 359-367. PDF Volltext
  • Peter Harrison. Seabirds (2nd ed.). Christopher Helm, London 1988. ISBN 0-7470-1410-8
  • Hermann Heinzel, Richard Fitter und John Parslow. Pareys Vogelbuch. Alle Vögel Europas, Nordafrikas und des Mittleren Ostens. Verlag Paul Parey. Hamburg, Berlin 1988. ISBN 3-490-22018-8
  • Josep del Hoyo, Andrew Elliott und Jordi Sargatal (Hrsg.). Handbook of Birds of the World. Volume 3 (Hoatzin to Auks). Lynx Ediciones, Barcelona 1996. ISBN 84-87334-20-2
  • Jiří Mlíkovský und Johanna Kovar. Eine neue Alkenart (Aves:Alcidae) aus dem Ober-Oligozän Österreichs. In: Annalen des Naturhistorischen Museums Wien. Band 88, 1987, Seite 131-147. PDF Volltext
  • Elizabeth Anne Schreiber und Joanna Burger (Hrsg.): Biology of Marine Birds. CRC Press Boca Raton (FL) 2001. ISBN 9780849398827
  • J.G. Strauch Jr.: The phylogeny of the Alcidae. In Auk Band 102(3), 1985, Seite 520-539. PDF Volltext

Weblinks

 Commons: Uria aalge – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Uria lomvia – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Diese Artikel könnten dir auch gefallen

Die News der letzten 7 Tage

23.06.2021
Botanik | Physiologie | Biochemie
Wie kleine Moleküle Pflanzen bei ihrer Stressbewältigung helfen
Ein Team von Wissenschaftlerinnen hat in einer aktuellen Studie ein neuartiges regulatorisches kleines Molekül untersucht und beschrieben.
23.06.2021
Zytologie | Genetik | Biochemie
Flashmob im Zellkern
Der Zellkern ist weit mehr als eine Art Aufbewahrungs-Behälter für Chromosomen: In ihm sitzt auch die komplexe Maschinerie, die Abschriften der gerade benötigten Gene herstellt und in die Zelle entlässt.
23.06.2021
Anthropologie | Primatologie
Dem Affen in die Augen geschaut
Das Weiße in unserem Auge ist etwas Besonderes, denn die Lederhaut ist nicht pigmentiert, weshalb wir gut verfolgen können, wohin unser Gegenüber schaut.
23.06.2021
Physiologie | Ökologie | Biodiversität
Der Duft macht’s
Pflanzliche Inzucht mindert die Attraktivität für Bestäuber, das zeigt ein Forschungsteam am Beispiel der Weißen Lichtnelke.
23.06.2021
Anthropologie | Physiologie | Primatologie
Das Alter lässt sich nicht betrügen
Die Lebenserwartung in Primatenpopulationen wird durch die Überlebensrate der Jüngeren bestimmt.
23.06.2021
Botanik | Physiologie | Klimawandel
Warum Bäume nachts wachsen
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Bäume mehrheitlich tagsüber wachsen.
21.06.2021
Neurobiologie
Wählerische Nervenzellen
Der visuelle Thalamus ist klassischerweise dafür bekannt, die von der Netzhaut kommenden visuellen Reize an die Großhirnrinde weiterzuleiten.
21.06.2021
Botanik | Genetik | Klimawandel
Gene für Dürreresistenz in Buchen: Hitzesommer überleben oder austrocknen?
Forscherinnen identifizieren Gene für Dürreresistenz in Buchen, aber nicht jeder Baum hat das genetische Rüstzeug für einen Klimawandel.
21.06.2021
Anthropologie | Neurobiologie
Mimik-Erkennung: Warum das Gehirn dem Computer (noch) überlegen ist
Die Corona-Maskenpflicht macht uns derzeit bewusst: Mimik ist eines unserer wichtigsten Kommunikationssignale.
20.06.2021
Physiologie | Paläontologie
Kleiner Elefant hörte tiefe Töne
Der ausgestorbene Zwergelefant Palaeoloxodon tiliensis von der griechischen Insel Tilos besaß offenbar ein ähnliches Hörspektrum wie seine großen, heute lebenden Verwandten.
20.06.2021
Biodiversität | Insektenkunde
In Deutschland Gewinner und Verlierer: Libellen
In den letzten 35 Jahres hat sich die Verteilung der Libellenarten in Deutschland stark verändert.
18.06.2021
Ethologie | Insektenkunde
Die komplexe Organisation einer Ameisenkolonie
Eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie über räuberische Ameisen erklärt, wie kleine Unterschiede zwischen Einzeltieren die kollektive Organisation der Kolonie verändern.
18.06.2021
Ethologie | Primatologie
Schimpansen-Waisen erholen sich vom Verlust der Mutter
Chronischer Stress könnte ein Grund dafür sein, warum manche Tierwaisen eine kürzere Lebenserwartung haben und weniger Nachkommen bekommen.
18.06.2021
Ökologie | Insektenkunde
Stickstoffüberschuss gefährdet Schmetterlinge
Stickstoff aus Landwirtschaft, Verkehrsabgasen und Industrie bringt Schmetterlinge in der Schweiz in Bedrängnis.
18.06.2021
Insektenkunde | Entwicklungsbiologie
Steinfliegen: Jugend beeinflusst Erwachsenenleben
Die Metamorphose führt bei Insekten meist zu völlig verschieden aussehenden Larven- und Erwachsenenstadien: Schmetterlinge unterscheiden sich etwa drastisch von ihren Jungstadien, den Raupen.
18.06.2021
Ökologie | Vogelkunde
Dramatische Veränderung der Brutvogelgemeinschaft
Im Bonner Stadtteil Dottendorf hat die Zahl der Brutvogelarten in den vergangenen 50 Jahren deutlich abgenommen.