Nominotypisches Taxon

Als nominotypisches Taxon[1] (früher Nominatform) wird in der zoologischen Nomenklatur ein Taxon bezeichnet, das innerhalb einer nomenklatorischen Ranggruppe durch denselben Typus eines anderen Taxons höheren Ranges definiert ist.

Ein Beispiel sind die sogenannten Großen Menschenaffen, deren sämtliche Gattungen zur Familie der Hominidae zählen. Dieses Taxon beruht auf 'dem Menschen', d. h. der Gattung Homo, als typischem Taxon dieser Familie. In der Terminologie des zoologischen Nomenklaturcodes bildet damit die Gattung Homo als Typus-Gattung den namenstragenden Typus[2] der Hominidae, einem Taxon im Rang einer Familie. Die Gattung Homo wiederum ist durch die Typus-Art ‘‘Homo sapiens‘‘ als namenstragender Typus definiert.

Nun kann es vorkommen, dass zur besseren Abbildung der systematischen Beziehungen in der Nomenklatur innerhalb einer Ranggruppe weitere Taxa unter- oder übergeordneter Ränge eingeführt werden, z. B. eine neue Unterfamilie. Eine solche Unterfamilie sind die Homininae, in der Menschen, Schimpansen und Gorillas nebst all ihren fossilen Vorfahren (u. a. Australopithecus) zusammengefasst sind. Auch dieses Taxon ist durch die Gattung Homo als namenstragender Typus definiert. Taxa solcher Ränge, die auf demselben namenstragenden Typus eines Taxons höheren Ranges, aber innerhalb derselben Ranggruppe definiert sind, nennt man nominotypische Taxa.

Dieses Konzept gilt ausschließlich für die durch den Nomenklaturcode geregelten Ranggruppen Familie, Gattung und Art. Das nominotypische Taxon erhält durch das Prinzip der Koordination immer den Autorennamen und das Publikationsdatum des übergeordneten Taxons.

Beispiele

Nominotypische Taxa innerhalb der Artgruppe

Gray führt 1855 die Pracht-Erdschildkröte Rhinoclemmys pulcherrima unter der ursprünglichen Namenskombination Emys pulcherrimus ein. Inzwischen wurde eine Vielzahl von Rhinoclemmys pulcherrima-Unterarten aufgestellt. Folglich existiert die Unterart Rhinoclemmys pulcherrima pulcherrima (Gray, 1855) als nominotypisches Taxon zu der Art Rhinoclemmys pulcherrima (Gray, 1855). Beide Taxa beruhen auf demselben namenstragenden Typus, in diesem Fall einem bestimmten Typusexemplar. Alle anderen pulcherrima-Unterarten beruhen auf einem jeweils eigenem, spezifischen Typusexemplar als namenstragenden Typus.

Nominotypische Taxa innerhalb der Gattungsgruppe

Hier seien nomenklatorische Handlungen an Taxa der Gattungsgruppe innerhalb der Trilobiten-Familie Phacopidae Hawle & Corda, 1847 erläutert:

Wolfgang Struve führt 1972[3] eine neue Untergattung unter dem Titel Phacops (Pedinopariops) n. sg. ein. Namenstragender Typus ist die hier in der ursprünglichen Namenskombination zitierte Art Phacops (Phacops) lentigifer Struve, 1970. Später erhebt Struve Pedinopariops in den Rang einer Gattung und führt als Untergattung Pedinopariops (Hypsipariops) Struve, 1982 ein[4]. Gemäß diesen nomenklatorischen Handlungen ergibt sich eine Nomenklatur mit der Gattung Pedinopariops Struve, 1972 und dessen nominotypischem Taxon Pedinopariops (Pedinopariops) Struve, 1972. Beide beruhen auf der Art Phacops (Phacops) lentigifer Struve, 1970 als namenstragenden Typus. Eine weitere subordinierte Untergattung der Gattung Pedinopariops ist Pedinopariops (Hypsipariops) Struve, 1982 mit der Art Pedinopariops (Hypsipariops) lyncops Struve, 1982 als namenstragenden Typus.

Nominotypische Taxa innerhalb der Familiengruppe

Das ausführliche, aber komplexe Beispiel zeigt das Prinzip der Koordination im Zusammenwirken mit dem Prioritätsprinzip:

Georges Ubaghs führt 1953[5] mit der Überfamilie "Melocriniticea Ubaghs nov." ein neues nominelles Crinoidentaxon mit den Familien Melocrinitidae Zittel, 1878 und Scyphocrinitidae Jaekel, 1918 ein. Aufgrund der Nomenklaturregeln interpretiert und korrigiert Ubaghs diese nomenklatorische Handlung später[6] wie folgt: Die Familie Melocrinitidae Zittel, 1878 tritt in Synonymie mit der Familie Melocrinitidae d'Orbigny, 1852 (pro Melocrinidae d'Orbigny 1852). Durch das Prioritätsprinzip wird die Familie Melocrinitidae d'Orbigny, 1852 zum gültigen Namen. Gemäß dem Prinzip der Koordination wird dadurch gleichzeitig eine als latent von d'Orbigny 1852 eingeführte Überfamilie Melocrinitacea verfügbar. Dieses Taxon erlangt als älteres Synonym gegenüber Melocriniticea Ubaghs, 1958 Gültigkeit. Nach den hier dargestellten nomenklatorischen Handlungen ergibt sich als gültige Nomenklatur die Überfamilie Melocrinitacea d'Orbigny, 1852 mit der Familie Melocrinitidae d'Orbigny, 1852 als nominotypisches Taxon. Beide beruhen auf der Gattung Melocrinites Goldfuß, 1824 als namenstragender Typus. Es existiert innerhalb der Überfamilie die weitere Familie Scyphocrinitidae Jaekel, 1918 mit der Gattung Scyphocrintes Zenker, 1833 als namenstragenden Typus.

Verwendung in der Botanik

In der Botanik wird der Begriff des nominotypischen Taxons von manchen Wissenschaftlern ebenfalls verwendet, auch wenn er im Code der botanischen Nomenklatur nicht vorkommt.[7]

Literatur

  • Gerhard Becker (2001): Kompendium der zoologischen Nomenklatur. Termini und Zeichen erläutert durch deutsche offizielle Texte. -- Senckenbergiana lethaea, 81 (1): 3-16; Frankfurt am Main.
  • Otto Kraus (Bearb.), International Commission on Zoological Nomenclature (Hrsg.): Internationale Regeln für die Zoologische Nomenklatur. Angenommen von International Union of Biological Sciences. Offizieller deutscher Text. 4. Auflage. Goecke und Evers, Keltern 2000, ISBN 3-931374-36-X.

Einzelnachweise

  1. IRZN 2000: S. 168
  2. Namenstragender Typus: „Die Typusgattung, Typusart, der Holotypus, Lectotypus, die Serie von Syntypen (diese gelten insgesamt als namenstragender Typus) oder der Neotypus; sie alle gewährleisten die objektive Bezugsgrundlage, aufgrund deren die Anwendung eines Namens für ein nominelles Taxon bestimmt werden kann.“ IRZN 2000: 169 [Glossar].
  3. W. Struve (1972): Phacops Arten aus dem Rheinischen Devon. 2. Untergattungs-Zuweisung. -- Senckenbergiana lethaea, 53 (2): 395; Frankfurt am Main.
  4. W. Struve (1982): Neue Untersuchungen über Geesops (Phacopinae; Unter- und Mittel-Devon. -- Senckenbergiana lethaea, 63 (5/6): 488; Frankfurt am Main
  5. G. Ubaghs (1953): Classe des Crinoides. -- In: J. Piveteau [Hrsg.], Traite de Paleontologie, 3: S. 741-742; Paris.
  6. G. Ubaghs (1978): Camerata. -- In: R. C. Moore [Hrsg.], Treatise on Invertebrate Paleontology, Part T (Echinodermata 2), Volume 2: T491-T492; Lawrence/Kansas.
  7. Gerhard Wagenitz: Wörterbuch der Botanik. 2. Auflage. Nikol, Hamburg 2008, ISBN 978-3-937872-94-0.

Weblinks

Die News der letzten Tage

02.12.2022
Ethologie | Säugetierkunde
Markierungsbäume von Geparden sind Hotspots der Kommunikation – auch für andere Tierarten
Markierungsbäume sind für Geparde wichtige Hotspots der Kommunikation: Dort tauschen sie über Duftmarken, Urin und Kot Informationen mit anderen und über andere Geparde aus.
02.12.2022
Land-, Forst-, Fisch- und Viehwirtschaft | Ökologie
DBU: Weltbodentag am 5. Dezember
Mittlerweile leben acht Milliarden Menschen auf der Welt und Ernährungssicherung wird zu einer dringendsten Herausforderungen unserer Zeit.
01.12.2022
Physiologie
Altern Frauen anders als Männer?
Studien an Fruchtfliegen zeigen, wie das biologische Geschlecht die Wirkung des derzeit vielversprechendsten Anti-Aging-Medikaments Rapamycin beeinflusst.
29.11.2022
Ethologie | Zoologie
Geschlechterrollen im Tierreich hängen vom Verhältnis von Weibchen und Männchen ab
Wie wählerisch sollten Weibchen und Männchen sein, wenn sie einen Partner auswählen?
28.11.2022
Ökologie | Paläontologie | Säugetierkunde
Fossil aus dem Allgäu: Biber leben seit mehr als 11 Millionen Jahren im Familen-Clan
Die Hammerschmiede im Allgäu, Fundstelle des Menschenaffen Danuvius, ist eine einmalige Fundgrube für Paläontologen: Bereits über 140 fossile Wirbeltierarten konnten hier geborgen werden.
28.11.2022
Anthropologie | Neurobiologie
Arbeitsgedächtnis: Vorbereitung auf das Unbekannte
Beim Arbeitsgedächtnis, oder auch Kurzeitgedächtnis genannt, galt lange die Theorie, dass seine Kernaufgabe die aktive Speicherung von Informationen über einen kurzen Zeitraum ist.
28.11.2022
Meeresbiologie | Ökologie
Offshore-Windparks verändern marine Ökosysteme
Der Ausbau von Offshore-Windparks in der Nordsee geht voran, doch die Konsequenzen für die marine Umwelt, in der sie errichtet werden, sind noch nicht vollständig erforscht.
25.11.2022
Evolution | Genetik | Neurobiologie
Was haben Oktopus und Mensch gemeinsam?
Kopffüßler sind hochintelligente Tiere mit komplexem Nervensystem, dessen Evolution mit der Entwicklung von auffällig viel neuer microRNA verbunden ist.
25.11.2022
Klimawandel | Ökologie
Der Klimawandel in den Wäldern Norddeutschlands
Immer mehr Bäume leiden an den Folgen des menschgemachten Klimawandels der vergangenen Jahrzehnte.
24.11.2022
Biochemie | Entwicklungsbiologie | Genetik
Das Erwecken des Genoms
Die Befruchtung einer Eizelle durch ein Spermium ist der Beginn neuen Lebens, die mütterliche und väterliche Erbinformation, die DNA, wird neu kombiniert und speichert den Aufbau des Lebewesens.
24.11.2022
Genetik | Mykologie | Taxonomie
Die Welt der Pilze revolutioniert
Ein internationales Forschungsteam hat unter den bisher bekannten Pilzen und Flechten eine neue Großgruppe identifiziert: Mithilfe von Genom-Sequenzierung konnte nachgewiesen werden, dass über 600 Arten einen gemeinsamen Ursprung haben.
24.11.2022
Insektenkunde | Ökologie
Vegetationsfreie Flächen fördern bodennistende Wildbienen
Über die Nistansprüche bodennistender Wildbienen ist bisher relativ wenig bekannt, obwohl Nistplätze für die Förderung der meisten Wildbienenarten von zentraler Bedeutung sind.