Reifpilz

Reifpilz
2010-09-04 Cortinarius caperatus (Per.- Fr.) Fr 102560.jpg

Reifpilz (Cortinarius caperatus)

Systematik
Klasse: Agaricomycetes
Unterklasse: Agaricomycetidae
Ordnung: Champignonartige (Agaricales)
Familie: Schleierlingsverwandte (Cortinariaceae)
Gattung: Schleierlinge (Cortinarius)
Art: Reifpilz
Wissenschaftlicher Name
Cortinarius caperatus
(Pers. : Fr.) Fr.

Der Reifpilz (Cortinarius caperatus, syn. Rozites caperatus, R. caperata), auch Scheidenrunzling, Runzelschüppling, Hühnerkoppe oder Zigeuner genannt, ist ein Speisepilz aus der Familie der Schleierlingsverwandten.

Merkmale

Makroskopische Merkmale

Charakteristisch ist der strohgelbe bis gelbbraune Hut mit einer grauen bis weißlichen und schwach lila getönten Bereifung. Er ist 4–15 cm breit und charakteristisch längsrunzelig – auf letztgenanntes Merkmal bezieht sich auch das Epitheton des Artnamens „caperatus“: Es leitet sich vom lat. „cap(p)erātus“ (= gerunzelt) ab.[1] Anfangs halbkugelig bis glockenförmig verflacht er beim Aufschirmen und besitzt dann einen breiten, stumpfen Buckel. Der Hutrand ist dann häufig nach oben gebogen und vom Rand her radial eingerissen. Die am Stiel ausgebuchtet, nach einigen Autoren auch breit angewachsenen Lamellen sind cremefarben und blass, dunkeln ocker- bis zimtfarben nach und zeigen hell kontrastierende, fein gekerbte Schneiden. Das Sporenpulver ist hell zimtbraun. Der Stiel wird bis zu 15 cm lang und ist hell, an der Spitze weißlich gefärbt. Die Oberfläche ist feinfaserig strukturiert. Im oberen Stieldrittel befindet sich ein deutlicher, dauerhafter und häutiger Ring. Jene Manschette liegt am Stiel an, ist oberseitig fein gerieft und hat einen doppelten Rand. Das wässrige und blass-weißliche Fleisch riecht angenehm und schmeckt mild.

Mikroskopische Merkmale

Die Sporen sind mandelförmig, warzig-rau und 11-14 × 7-9 µm groß.[2]

Artabgrenzung

In jungem Stadium ähneln die Fruchtkörper denen einiger Haarschleierlinge wie dem Lila Dickfuß (Cortinarius traganus) und dem Bocks-Dickfuß (C. camphoratus), die beide giftig sind, aber auch unangenehm riechen. Im Gegensatz zu den Schleierlingen hat der Reifpilz am Stiel eine deutliche häutige Manschette mit dem charakteristischen doppeltem Rand. Er könnte auch mit jungen Riesen-Rötlingen verwechselt werden. Der charakteristische Ring erschwert eine Verwechslung.

Ökologie und Verbreitung

Der Reifpilz ist ein Mykorrhizapilz. Er wächst besonders in Nadel- (Kiefern, Fichten), selten in Laubwäldern (Rotbuchen), auf saurem, sandigem Boden und in Hochmooren, gerne in Gesellschaft von Heidelbeeren. Er ist in Europa, Nordamerika und Asien verbreitet[3].

Systematik

Er wurde ursprünglich 1796 von dem Mykologen Christian Hendrik Persoon als Agaricus caperatus beschrieben. Danach wurde er 1821 von Elias Magnus Fries erstmals in die Gattung der Haarschleierlinge (Cortinarius) verlegt.[4] Später wurde er 1887 von Pier Andrea Saccardo zu der Gattung Pholiota gezählt. Dann wurde er 1879 von dem finnischen Mykologen Petter Adolf Karsten der nach dem Mykologen Ernst Roze benannten Gattung Rozites zugeschrieben und war so jahrelang als Rozites caperata (Pers.) P. Karst. bekannt. Neuere Gen-Studien bestätigten 2002 Fries’ Annahme, dass der Reifpilz zu der sehr großen Gattung der Schleierlinge zu zählen ist.[4][5]

Bedeutung

Der Reifpilz ist ein guter und schmackhafter Speisepilz. Da er mit Haarschleierlingen verwechselt werden könnte, wird unerfahrenen Pilzsammlern vom Sammeln abgeraten. Allerdings gilt er seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als einer der am stärksten mit radioaktivem Cäsium (Cs 137) belasteten Pilze. Außerdem reichert er das giftige Schwermetall Cadmium bis zu 20 mg/ kg Frischmasse an. Darüber hinaus enthält der Reifpilz hitzelabile Lektine, die speziell die roten Blutkörperchen der Blutgruppe A verklumpen.[6]

Quellen

Literatur

  •  Hans E. Laux: Der große Kosmos Pilzführer. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2010.
  •  Marcel Bon: Pareys Buch der Pilze. 1. Auflage. Kosmos, Stuttgart 2005 (Originaltitel: The mushrooms and toadstools of Britain and Northwestern Europe, übersetzt von Till R. Lohmeyer), ISBN 978-3-440-09970-4 (362 Seiten; über 1500 Pilze Europas).
  •  Rita Lüder: Grundkurs Pilzbestimmung. Eine Praxisanleitung für Anfänger und Fortgeschritte. 2. Auflage. Quelle und Meyer, Wiebelsheim 2008, ISBN 978-3494014449 (470 Seiten).

Einzelnachweise

  1.  Helmut Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3. Auflage. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 978-3-937872-16-2 (701 Seiten).
  2.  Rose Marie Dähncke: 1200 Pilze, in Farbfotos. Weltbild liz. AT-Verlag, Augsburg 2009, ISBN 978-3828930827.
  3.  Josef Breitenbach, Fred Kränzlin: Pilze der Schweiz. Blätterpilze 3. Teil. Bd. 5, Mykologia, Luzern (CH) 2000, ISBN 3-85604-050-1 (342 Seiten; 435 Arten mit Beschreibungen, Standorts- und Fundangaben, Mikrozeichnungen und Farbbildern).
  4. 4,0 4,1  Ursula Peintner, Egon Horak, Meinhard M. Moser, Rytas Vilgalys: Phylogeny of Rozites, Cuphocybe and Rapacea inferred from ITS and LSU rDNA sequences. In: Mycologia. 94, Nr. 4, 2002, S. 620–629, doi:10.2307/3761713 (englisch, PDF; 599 KB).
  5.  Ursula Peintner, Egon Horak, Meinhard Moser, Rytas Vilgalys: Rozites, Cuphocybe and Rapacea are taxonomic synonyms of Cortinarius: New combinations and new names. In: Mycotaxon. 83, 2002, S. 447–451 (englisch, Zusammenfassung online verfügbar).
  6.  Jürgen Guthmann, Rainer Reichel, Christoph Hahn: Taschenlexikon der Pilze Deutschlands. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3494014494 (432 Seiten).

Weblinks

 Commons: Cortinarius caperatus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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