Emmer (Getreide)


Emmer

Emmer (Triticum dicoccum)

Systematik
Ordnung: Süßgrasartige (Poales)
Familie: Süßgräser (Poaceae)
Unterfamilie: Pooideae
Tribus: Triticeae
Gattung: Weizen (Triticum)
Art: Emmer
Wissenschaftlicher Name
Triticum dicoccum
Schrank

Emmer (Triticum dicoccum), auch Zweikorn genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Weizen (Triticum). Er ist, zusammen mit Einkorn, eine der ältesten kultivierten Getreidearten. Diese Weizenart mit lang begrannten, meist zweiblütigen Ährchen wird heute in Europa kaum noch angebaut (wenn, dann im Wesentlichen der Schwarze Emmer, daneben gibt es den Weißen Emmer und Roten Emmer).

Wilder Emmer (Triticum dicoccoides) ist seine Stammform.

Wildform

Wilder Emmer (Triticum dicoccoides) ist der Urvater der „Emmerreihe“ (mit 2n = 4x = 28 Chromosomen). Zu ihr gehören auch der Hartweizen (Triticum durum) und Kamut. Die Wildform des Emmer kann mit domestiziertem tetraploiden Weizen fruchtbare Kreuzungen eingehen.

Wilder Emmer kommt in der Südosttürkei, in Syrien, im Libanon, in Jordanien, Palästina, Israel und im östlichen Irak und Iran vor.[1] Teilweise wächst er zusammen mit dem wilden tetraploiden Weizen (Triticum araraticum), mit dem er leicht verwechselt werden kann. Nach genetischen Untersuchungen (Özkan et al. 2002) ist der domestizierte Emmer mit den Wildarten der südöstlichen Türkei am nächsten verwandt.

Domestikation

Domestizierter Emmer hat ein AABB-Genom und eine feste Rhachis, die verhindert, dass sich das Getreide selbst vermehren kann. Bei wildem Emmer bricht die Ährchengabel, wenn das Korn reif ist, und es kann sich verbreiten. Domestizierter Emmer wurde in Tell Aswad, in Abu Hureyra (Schicht 2) und Cayönü gefunden. Ob der Emmer aus Nevali Cori vollständig domestiziert ist, ist unklar. Seit der frühjungsteinzeitlichen Epoche des präkeramischen Neolithikums B (PPNB) kommt domestizierter Emmer regelmäßig vor.

Geschichte

Emmer gehört zu den ältesten kultivierten Getreidearten. Die Pflanze lässt sich bis 3000 v. Chr. zurückverfolgen. Ihren Ursprung hat die Pflanze im Nahen Osten, dort wird sie seit mindestens 10.000 Jahren angebaut.[2] Durch die Ausbreitung des Ackerbaus kam der Emmer von Westpersien über Ägypten, Nordafrika und dem Balkan bis nach Mitteleuropa.

Der Emmer galt zur Römerzeit als „Weizen von Rom“. Von der Bronzezeit an verlor Emmer an Bedeutung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts stieg die Anbaufläche für Emmer wieder an.

Aufbau

Emmer gehört wie alle Getreidearten zu den Monokotyledonen. Der Emmer hat zwei Körner pro Ährchen die fest von Spelzen umschlossen werden. Emmer kann bis zu 1,50 m hoch wachsen. Die enorme Höhe bereitet ihm unter Umständen aber Probleme in seiner Standfestigkeit. [3] Emmer gehört aus botanischer Sicht zu den Gräsern, dessen Körner, genau wie die Nüsse zu den einsamigen Schließfrüchten zählen.[4] Die Blattöhrchen des Emmer sind groß und bewimpert, die Blatthäutchen sind mittelgroß und stumpfgezahnt. Die Deckspelze sind begrannt und die Hüllspelzen sind lang und gezackt. Die Grannenlänge beträgt einige Zentimeter. [3]

Emmer nach dem Ährenschieben

Merkmale des Kornes und Verwendung

Emmergetreide ist eiweiß- und mineralstoffreich. Trotz seiner mäßigen Klebereigenschaften ist Emmer auch für die Brotherstellung geeignet. Vollkornbackwaren verleiht Emmer einen herzhaften und leicht nussigen Geschmack. Ebenso wird der Emmer für die Bierherstellung eingesetzt (dunkel, meist trüb, sehr würzig).

Die Ähren sind in der Floristik in vielen Gestecken vorhanden. Die gekochten Körner können als Einlage für Suppen und Eintöpfe, aber auch in Salaten, Aufläufen oder Bratlingen verwendet werden.[5]

Forscher der Universität Hohenheim (Stuttgart) und Vertreter des baden-württembergischen Landesinnungsverbandes der Bäcker haben einen »Arbeitskreis Spelzgetreide« (Einkorn, Emmer und Dinkel) gegründet, in dem auch Müller und Nudelfabrikanten vertreten sind, um den Anbau dieser frühen Weizensorten wieder zu fördern.[6]

In Österreich wird Emmer im Waldviertel (Niederösterreich) angebaut und über Bio-Läden und Supermärkte vertrieben.

In der Schweiz wird der Weiße Emmer im Schaffhauser Klettgau wie auch im Zürcher Weinland seit Mitte der 1990er Jahre wieder angebaut. Zu den daraus produzierten Produkten zählen neben Emmerkörnern und -mehlen auch Spezialbrote, Teigwaren, Emmer-Schwarzbier und Emmerschnaps.

Als italienische Spezialität bekannt ist die so genannte Zweikornsuppe (zuppa al farro), ein deftiger Emmereintopf, der vor allem für die ländlichen Gebiete der Toskana typisch ist und als klassisches „Armeleutegericht“ gelten kann.

Anbau

Bodenansprüche und Bodenbearbeitung

Emmer hat keine besonders hohen Ansprüche an die Bodenart und den pH-Wert des Bodens.

Die Grundbodenbearbeitung sollte mit dem Pflug oder Grubber erfolgen. Die Saatbettbereitung sollte nicht zu fein sein, auf Grund der Strukturreserve und des Windhalms. Dies ist gleich wie bei der Saatbettbereitung von Weizen. Die Stoppelbearbeitung ist für die schnellere Rotte der Ernterückstände sehr sinnvoll.[7]

Fruchtfolge

Die Vorfruchtwirkung von Emmer ist mäßig, da die Übertragung von Krankheiten wie z. B. Halmbruch möglich ist. Die Selbstverträglichkeit ist nicht optimal, aus diesem Grund sollte zwei Jahre danach kein Wintergetreide angebaut werden. Eine gute Vorfruchtwirkung auf Emmer haben Kartoffeln und Mais.[5]

Saat

Der Saatzeitpunkt liegt zwischen Mitte September und Mitte Oktober. Der Emmer ist sehr winterhart, da er Temperaturen bis ca. –20 °C aushält. Die Saatstärke sollte zwischen 150 und 200 kg/ha und die Saattiefe 4–6 cm betragen. Der Reihenabstand beträgt 10–25 cm. Da Emmer Spelzen hat, die rau und behaart sind, kann es zu Problemen bei der Aussaat kommen. Diese Probleme können umgangen werden, wenn man das Emmerkorn entspelzt. [5]

Anbau in Europa

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde Emmer noch spärlich in Thüringen und in Süddeutschland angebaut. Heute ist Emmer in Deutschland nach wie vor ein Nischenprodukt, gewinnt aber regional an Bekanntheit.[8] In Nordbayern im Raum Coburg wird wieder Emmer angebaut[9] und dort unter anderem für die Bierherstellung verwendet. Der Emmeranbau wurde dort im Rahmen eines Projektes zur Förderung des Anbaus alter Kulturarten sowie seltener Ackerwildkräuter wieder aufgenommen. In Finnland wird auf dem Gut Malmgård in Uusimaa seit 2009 Emmer mit guten Erträgen angebaut. Im Jahr 2012 wurde Emmer auf 18 ha angebaut.

Bestandspflege

Krankheiten und Schädlinge

Die häufigsten Krankheiten sind Pilzkrankheiten wie z.B. Mehltau, Roste, DTR, Septoria tritici und Halmbruch. Durch die Spelzen ist das Korn vor Ährenseptoria (Phaeosphaeria nodorum) und Fusarien geschützt. Bei früher Saat hat die Fritfliege als Schädling die bedeutendste Rolle.[5]

Für die Unkrautregulierung kann ab dem Dreiblattstadium gestriegelt werden. Bei starkem Befall ist auch schonendes Striegeln ab dem Zweiblattstadium möglich.[5]

Ernte

Die Ernte des Emmer erfolgt Anfang bis Mitte August. Beim Dreschen mit einem Mähdrescher ist zu beachten, dass bei einer niedrigen Trommeldrehzahl und weniger Wind als bei Weizen geerntet wird. Eine Trocknung der Körner ist nicht erforderlich, wenn die Kornfeuchte unter 14,5 % liegt. Die Lagerung des Kornes ist sowohl mit, als auch ohne Spelz möglich.[5]

Der Ertrag von Schwarzem Emmer liegt mit ca. 30 Dezitonnen/Hektar weit unter dem Ertrag von Weizen mit 75 dt/ha. Aus diesem Grund ist der Anbau von Emmer seit dem ersten Weltkrieg stark gesunken.[5]

Emmer ist wenig standfest und enorm lagergefährdet.

Schwarzer Emmer

Durch natürliche Selektion entstand aus dem Urgetreide Emmer der Schwarze Emmer (Triticum dicoccon var. atratum). Dieser wird als Winterung angebaut, da er einen höheren Ertrag hat als Emmer. UV-bedingte Mutationen sind beim schwarzen Emmer kaum möglich, da er sich durch seine schwarze Färbung gut davor schützen kann.[10] Aus diesem Grund ist er genetisch das beständigste Getreide. Die Schwarzfärbung kommt durch Beta-Carotin.

Literatur

  • H. Özkan, A. Brandolini, R. Schäfer-Pregl, F. Salamini: AFLP Analysis of a Collection of Tetraploid Wheats Indicates the Origin of Emmer and Hard Wheat Domestication in Southeast Turkey. In: Molecular Biology and Evolution. 19, 2002, S. 1797–1801.

Weblinks

Commons: Emmer (Getreide) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Daniel Zohary, Maria Hopf (2000). Domestication of plants in the Old World. Oxford: Oxford University Press. ISBN 0-19-850356-3; Seite 45;
  2. http://www.gruenertiger.de/Einkorn/einkorn.html
  3. 3,0 3,1 Christina Niggemann: Emmer und Einkorn: Botanik und Qualität mit Berücksichtigung und Auswertung von gezielten Evaluierungsversuchen. Dipl.-Arbeit. Hrsg.: Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. 4. Auflage. Nürtingen SS 2003.
  4. http://www.lebensmittellexikon.de/e0000380.php
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 Kulturanleitung Emmer vom Amt für Landwirtschaft und Forsten, Bayern
  6. Artikel in der Stuttgarter-Zeitung vom 29. November 2011 abgerufen am 4. Dezember 2011
  7. Fachschule für Agrarwirtschaft, Landshut: Kulturanleitung Emmer
  8. http://www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/nuernberg-region/urgetreide-emmer-soll-die-metropolregion-erobern-1.2212838
  9. http://www.vg-ahlstadt.de/
  10. Mischfruchtanbau: Alte Sorten, Abruf am 28. November 2010

Die News der letzten Tage

02.02.2023
Anthropologie | Ökologie | Paläontologie
Erster Beweis für Elefantenjagd durch den frühen Neandertaler
Untersuchung von Funden in Neumark-Nord bei Halle erbringen den ersten eindeutigen Beweis für die Jagd von Elefanten in der menschlichen Evolution und neue Erkenntnisse über die Lebensweise der Neandertaler.
02.02.2023
Biochemie | Neurobiologie
Untersuchung von Prozessen im Kleinhirn
An verschiedenen Erkrankungen, die das motorische Lernen betreffen, sind Prozesse im Kleinhirn beteiligt.
01.02.2023
Biodiversität | Land-, Forst-, Fisch- und Viehwirtschaft | Ökologie
Wovon die Widerstandskraft von Savannen abhängt
Extreme klimatische Ereignisse gefährden zunehmend Savannen weltweit.
01.02.2023
Biochemie | Mikrobiologie
Proteinvielfalt in Bakterien
Als Proteinfabrik der Zelle hat das Ribosom die Aufgabe, bestimmte Teile der mRNA in ein Eiweiß zu übersetzen: Um zu erkennen, wo es damit anfangen und wieder aufhören muss, braucht es so genannte Start- und Stopcodons.
30.01.2023
Ökologie | Physiologie
Ernährungsumstellung: Die Kreativität der fleischfressenden Pflanzen
In tropischen Gebirgen nimmt die Zahl der Insekten mit zunehmender Höhe ab.
27.01.2023
Land-, Forst-, Fisch- und Viehwirtschaft | Neobiota | Ökologie
Auswirkungen von fremden Baumarten auf die biologische Vielfalt
Nicht-einheimische Waldbaumarten können die heimische Artenvielfalt verringern, wenn sie in einheitlichen Beständen angepflanzt sind.
27.01.2023
Biochemie | Botanik | Physiologie
Wie stellen Pflanzen scharfe Substanzen her?
Wissenschaftler*innen haben das entscheidende Enzym gefunden, das den Früchten der Pfefferpflanze (lat Piper nigrum) zu ihrer charakteristischen Schärfe verhilft.
26.01.2023
Biochemie | Mikrobiologie | Physiologie
Ein Bakterium wird durchleuchtet
Den Stoffwechsel eines weit verbreiteten Umweltbakteriums hat ein Forschungsteam nun im Detail aufgeklärt.
26.01.2023
Bionik, Biotechnologie und Biophysik | Botanik | Physiologie
Schutzstrategien von Pflanzen gegen Frost
Fallen die Temperaturen unter null Grad, bilden sich Eiskristalle auf den Blättern von winterharten Grünpflanzen - Trotzdem überstehen sie Frostphasen in der Regel unbeschadet.
26.01.2023
Entwicklungsbiologie | Genetik
Neues vom Kleinen Blasenmützenmoos
Mithilfe mikroskopischer und genetischer Methoden finden Forschende der Universität Freiburg heraus, dass die Fruchtbarkeit des Laubmooses Physcomitrella durch den Auxin-Transporter PINC beeinflusst wird.
26.01.2023
Klimawandel | Mikrobiologie | Mykologie
Die Art, wie Mikroorganismen sterben beeinflusst den Kohlenstoffgehalt im Boden
Wie Mikroorganismen im Boden sterben, hat Auswirkungen auf die Menge an Kohlenstoff, den sie hinterlassen, wie Forschende herausgefunden haben.
25.01.2023
Entwicklungsbiologie | Evolution
Wie die Evolution auf unterschiedliche Lebenszyklen setzt
Einem internationalen Forscherteam ist es gelungen, eines der Rätsel der Evolution zu lösen.
24.01.2023
Biochemie | Ökologie | Physiologie
Moose verzweigen sich anders... auch auf molekularer Ebene
Nicht-vaskuläre Moose leben in Kolonien, die den Boden bedecken und winzigen Wäldern ähneln.
24.01.2023
Bionik, Biotechnologie und Biophysik | Genetik
Verfahren der Genom-Editierung optimiert
Im Zuge der Optimierung von Schlüsselverfahren der Genom-Editierung ist es Forscherinnen und Forschern in Heidelberg gelungen, die Effizienz von molekulargenetischen Methoden wie CRISPR/Cas9 zu steigern und ihre Anwendungsgebiete zu erweitern.