Waldtundra

Die Waldtundra ist der Übergang (Ökoton) vom borealen Nadelwald (Taiga) zur baumlosen Tundra. Sie reicht von der Grenze des geschlossenen borealen Waldes nordwärts bis zur polaren Baumgrenze und leitet als Subarktis von der kalt-gemäßigten Zone zur Arktis über. In einer Breite von 10 bis 50, selten bis zu 300 Kilometer, zieht sie sich in ost-westlicher Richtung als Band rund um die nördliche Halbkugel. An der Hudson-Bay erreicht sie beim 55. nördlichen Breitengrad ihren südlichsten Punkt, auf der Taimyrhalbinsel im mittleren Sibirien reicht sie bis zum 70. Breitengrad.

Typischerweise wechseln sich in der Waldtundra geschlossene Waldflächen und offene Tundra mosaikartig ab. Dabei wächst der Wald an Stellen, die etwas wärmer und windgeschützt sind, etwa in Flusstälern und an Südhängen. Der Boden taut im Sommer nur oberflächlich auf (Permafrostboden) und bietet den Pflanzen nur einen geringen Wurzelraum. Die Wurzelkonkurrenz der weit über den Kronenbereich hinauswachsenden Baumwurzeln führt zu großen Abständen zwischen den einzelnen Bäumen. In lichten Wäldern taut der Boden leichter auf, im Schatten dichter Wälder bleibt der Boden länger gefroren. Eine weitere Besonderheit des Bodens sind die hier häufig zu findenden Palsen.

Hauptsächlich wachsen in der Waldtundra Birken, Lärchen und Fichten. Im ozeanischen Klima sind es die Birken, bei kontinentalem Klima die Nadelbäume, die die nördliche Baumgrenze bilden. Im Norden Skandinaviens, auf Island und Grönland wird die Waldtundra von der Moor-Birke (Betula pubescens subsp. tortuosa) gebildet, im Norden Osteuropas von der Sibirischen Fichte (Picea obovata), weiter östlich folgen die Sibirische Lärche (Larix sibirica) und die Dahurische Lärche (Larix gmelinii). An der Pazifikküste Russlands ist wieder eine Birke, Ermans Birke (Betula ermanii), die die Baumgrenze bildet. In Nordamerika wachsen in der Waldtundra vor allem Schwarz-Fichte (Picea mariana) und Weiß-Fichte (Picea glauca), dazu die Papier-Birke (Betula papyrifera) und Balsam-Pappel (Populus balsamifera). Der Unterwuchs des Waldes besteht hauptsächlich aus Zwergsträuchern wie verschiedenen Weiden (Salix), Heidelbeeren (Vaccinium), Moosheide (Phyllodoce), Silberwurzen (Dryas), Alpen-Bärentraube (Arctostaphylos alpinus) und Zwerg-Birke (Betula nana). Wichtig sind im Unterwuchs auch Moose und Flechten.

Während der nacheiszeitlichen Wärmeperiode (Boreal von 7500 bis 5500 v. Chr.) lag die Waldgrenze weiter nördlich. An einigen Orten, etwa in Kanada, ist die heutige Verbreitung von Bäumen auf frühere, wärmere Perioden zurückzuführen. Die Bäume an der nördlichen Baumgrenze bilden nur in optimalen Jahren Samen, auch die Sämlinge überleben nur, wenn einige warme Jahre folgen. Wichtig für den Bestand ist der Nachschub durch den Wind von südlicher wachsenden, regelmäßiger fruchtenden Bäumen.

Literatur

  • Jürgen Schultz: Handbuch der Ökozonen. Ulmer-Verlag, Stuttgart 2000, S. 201–204. ISBN 3-8252-8200-7 (UTB; Bd. 8200).
  • Heinrich Walter, Siegmar Breckle: Ökologie der Erde. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1999.
    • Bd 3. Spezielle Ökologie der gemäßigten und Arktischen Zonen Euro-Nordasiens. S. 485–490. ISBN 3-825-28022-5.
    • Bd 4. Gemäßigte und Arktische Zonen außerhalb Euro-Nordasiens. S. 482. ISBN 3-437-20371-1.

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