Yersinia pseudotuberculosis

Yersinia pseudotuberculosis
Systematik
Abteilung: Proteobacteria
Klasse: Gammaproteobacteria
Ordnung: Enterobacteriales
Familie: Enterobacteriaceae
Gattung: Yersinia
Art: Yersinia pseudotuberculosis
Wissenschaftlicher Name
Yersinia pseudotuberculosis
(Pfeiffer 1889) Smith & Thal 1965

Yersinia pseudotuberculosis ist ein pathogenes Gram-negatives Bakterium aus der Gattung Yersinia. Der Erreger befällt in erster Linie Tiere, insbesondere Nagetiere, Hasenartige und Wildvögel. Auch Menschen können, meist über kontaminierte Nahrungsmittel oder Wasser, infiziert werden; die durch Y. pseudotuberculosis ausgelöste Erkrankung ist somit eine Zoonose. Infektionen über den Kontakt mit Haustieren spielen keine größere Rolle.

Geschichte

Die durch den Erreger verursachte Krankheit wurde erstmals 1883 bei Meerschweinchen beschrieben. 1889 isolierte Pfeiffer den Erreger und nannte ihn Bacillus pseudotuberculosis. Molaret ordnete das Bakterium 1966 den Yersinien zu.

Eigenschaften

Y. pseudotuberculosis ist ein etwa 1,5–6 x 0,4–0,8 µm großes Bakterium mit wechselnder Gestalt. Es ist begeißelt und bei Zimmertemperatur beweglich. Es bildet keine Sporen und wächst unter Sauerstoffanwesenheit (aerob). Y. pseudotuberculosis besitzt viele Gemeinsamkeiten mit Y. pestis, dem Erreger der Pest, letzterer wurde eine Zeit lang auch als Unterart von Y. pseudotuberculosis angesehen. Biochemisch verhalten sich beide Erreger annähernd gleich, so dass eine Differenzierung über die Bunte Reihe nicht möglich ist.

Man unterscheidet 20 verschiedene O-Antigene und 5 verschiedene H-Antigene. Aus deren Kombination werden 11 Serogruppen von Y. pseudotuberculosis differenziert. In Deutschland sind ausschließlich die Serovare O:1, O:2 und O:3 verbreitet.

Das Bakterium ist relativ resistent gegenüber Umwelteinflüssen und kann sich bei Temperaturen über 18 Grad Celsius in Wasser vermehren. Im Boden bleibt Y. pseudotuberculosis über viele Monate infektiös. Zur Anzüchtung eignen sich alle konventionellen Nährböden, insbesondere Blutagar.

Der Erreger besitzt ein breites Wirtspektrum. Als Reservoir gelten Nagetiere, Hasenartige und Wildvögel. Sie scheiden den Erreger mit dem Kot aus.

Infektion beim Menschen

Klassifikation nach ICD-10
A28.8 Sonstige näher bezeichnete bakterielle Zoonosen, anderenorts nicht klassifiziert
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Erregerreservoir für den Menschen sind vor allem latent infizierte Hausschweine, von denen der Erreger über Schweinefleisch eine Lebensmittelinfektion auslöst.

Die Inkubationszeit beträgt ein bis zwei Wochen. Die Infektion führt zu Dünndarmerkrankungen mit Befall der Lymphknoten. Vor allem Kinder und Jugendlichen entwickeln, wie auch durch Yersinia enterocolitica hervorgerufen, eine mesenteriale Lymphadenitis (Morbus Maßhoff, Maßhoff-Lymphadenitis) mit einer akuten terminalen Ileitis (sog. Pseudoappendizitis). Das Krankheitsbild kann unter den Anzeichen einer Darmentzündung (Enteritis), als scheinbare Blinddarmentzündung oder mit den Symptomen eines Morbus Crohn auftreten.

Die Krankheitserreger werden zwei bis zehn Wochen lang ausgeschieden. Als Folgeerkrankung kann eine Gelenkentzündung (Arthritis) im Rahmen einer Autoimmunerkrankung entstehen. Dabei wirken Yersinien-Antikörper gegen körpereigenes Gewebe.

Infektion bei Tieren (Rodentiose, Pseudotuberkulose, Nager-Tuberkulose)

Bei Nagetieren und Vögeln kann der Erreger ein der Tuberkulose ähnliches Krankheitsbild hervorrufen. Besonders empfänglich sind Meerschweinchen und Ratten („Rodentiose“, Nagetiere=Rodentia), Hasen und Puten. Aber auch bei anderen Tieren (Kaninchen, Chinchilla, Nutria, Nerz, Hausgeflügel, Kanarienvogel, Fuchs, Reh) kann Y. pseudotuberculosis ein der Tuberkulose ähnliches Krankheitsbild hervorrufen. Infektionen bei den klassischen Haussäugetieren sind sehr selten. Der Begriff „Pseudotuberkulose“ sollte vermieden werden, da er mit der Pseudotuberkulose der Schafe und Ziegen (Erreger: Corynebacterium pseudotuberculosis) doppelt belegt ist. Auch der Begriff „Nager-Tuberkulose“ ist irreführend, da die Erkrankung nicht durch Mykobakterien verursacht wird. Unter dem Begriff „Yersiniose“ werden die Erkrankungen durch Y. pseudotuberculosis und Y. enterocolitica zusammengefasst.

Die Infektion erfolgt oral, bei Raubtieren meist durch Aufnahme infizierter Nagetiere, bei den übrigen über mit Kot verschmutztes Futter. Der Erreger bildet im Darm herdförmige Läsionen und breitet sich über das Blutgefäßsystem im Körper aus, es entsteht eine Septikämie mit Schwellung der Milz. Hier kann bei empfänglichen Tieren bereits der Tod durch Kreislaufversagen eintreten. Solche akuten Krankheitsverläufe zeigen vor allem Puten, die mit schweren Allgemeinstörungen (Atemnot, Hautverfärbungen, Lahmheit) innerhalb weniger Tage versterben.

Wird die Septikämie überstanden, entwickeln sich tuberkuloseähnliche Herde in inneren Organen (Milz, Leber, Niere, Lunge, Lymphknoten), wobei die vergrößerten Lymphknoten unter Umständen durch die Bauchwand getastet werden können. Diese subakute Form ist bei Nagetieren, Hasenartigen und Vögeln der Regelfall, die Tiere sterben nach 2 bis 3 Wochen unter Abmagerung und Lähmungen.

Die Haussäugetiere (Hund, Katze, Schaf, Ziege, Rind, Schwein) und Ziervögel können an subakuten Durchfallerkrankungen mit Abmagerung und Gelbsucht erkranken. Die Erkrankung verläuft so unspezifisch, dass die Diagnose zumeist erst in der Pathologie gestellt wird. Auch als Erreger von Lungenentzündungen und bei Wiederkäuern von Euterentzündungen und Fehlgeburten wurde Y. pseudotuberculosis isoliert.

Bekämpfung

Zur Therapie eignen sich bei Tieren die meisten Breitbandantibiotika, beispielsweise eine Langzeitbehandlung mit Chloramphenicol. Die Therapie ist allerdings häufig nicht erfolgreich. Bei Meerschweinchen ist die Behandlung nahezu aussichtslos, hier sollten infizierte Tiere getötet werden.

Zur Prophylaxe wird eine konsequente Nagerbekämpfung empfohlen. Zootiere wie Affen oder Vögel können geimpft werden.

Literatur

H.-J. Selbitz: Yersinia. In A. Rolle und A. Mayr (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre. Enke, Stuttgart, 7. Aufl. 2001. ISBN 3-432-84686-X

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