Alkoholvergiftung

Klassifikation nach ICD-10
T51 Toxische Wirkung von Alkohol
T51.0 Ethanol
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Die Alkoholvergiftung (oder Alkoholintoxikation, C2-Abusus) ist eine Vergiftung des menschlichen Körpers durch Ethylalkohol (Ethanol), welche das Bewusstsein und andere Körperfunktionen schwer beeinträchtigt. Sie kann im Extremfall zum Tod durch Atemstillstand und/oder Kreislaufversagen führen. Bei der Alkoholvergiftung im engeren Sinne ist die akute Vergiftung gemeint, die durch (einmalige) übermäßige Aufnahme (Trinken) von Alkohol, vor allem durch alkoholhaltige Getränke, verursacht wird. Davon abzugrenzen ist die chronische Alkoholvergiftung oder auch Alkoholkrankheit, die durch fortgesetzten bzw. wiederholten Alkoholgenuss entsteht und schwere organische Veränderungen nach sich zieht.

Stadien

Bei der akuten Alkoholvergiftung unterscheidet man vier verschiedene Stadien, die abhängig von der Blutalkoholkonzentration sind. (Aufgrund der individuellen Unterschiede in der Reaktion auf Alkohol sind die angegebenen Grenzen nur grobe Anhaltspunkte.)

Erstes Stadium

Exzitation (Blutalkoholkonzentration zwischen 1 und 2 Promille):

  • Enthemmungserscheinungen, z.B. Redseligkeit, Flapsigkeit (bereits ab 0,2 Promille)
  • verlängerte Reaktionszeit (bereits ab 0,3 Promille)
  • verminderte Schmerzwahrnehmung (bereits ab 0,5 Promille)
  • gestörtes Gleichgewicht (bereits ab 0,8 Promille)
  • gerötete Augen
  • leicht undeutliche Sprache

Zweites Stadium

Hypnose (Blutalkoholkonzentration zwischen 2 und 2,5 Promille):

  • evtl. Aggressivität
  • Sprach- und Artikulationsstörungen
  • Koordinationsstörungen
  • Sehstörungen
  • Schlaffheit (Muskeln)
  • verengte Pupillen
  • Amnesie
  • Erbrechen

Drittes Stadium

Narkose (Blutalkoholkonzentration zwischen 2,5 und 4 Promille):

  • Bewusstlosigkeit
  • Schockzustand
  • erweiterte Pupillen

Viertes Stadium

Asphyxie (Blutalkoholkonzentration ab 4 Promille):

  • Koma
  • weite und reaktionslose Pupillen
  • Schockzustand → Kreislaufversagen → Tod
  • Abnahme der Spontanatmung (Cheyne-Stokes-Atmung) → Atemstillstand → Tod
  • Hypothermie → Tod

Welche Alkoholdosis tödlich ist, schwankt von Person zu Person sehr stark und ist abhängig von der Alkoholverträglichkeit des Konsumenten. So kann bei einigen Menschen schon bei 3 Promille der Tod eintreten, während ein anderer auch 6 Promille überlebt. Auch sind Extremfälle bekannt, bei denen Konsumenten höhere Blutalkoholkonzentrationen überlebt haben, dies allerdings nur mit rascher intensivmedizinischer Betreuung (Dialyse, Infusionen zum „Verdünnen“ des Blutalkohols, Glukoseinfusionen bei Hypoglykämiegefahr).

Therapiemaßnahmen

In erster Linie gilt es bei einer Alkoholvergiftung die Vitalfunktionen (Atmung, Kreislauf) zu erhalten. Daher ist eine Unterbringung auf einer Intensivstation nötig. Da ab einer Blutalkoholkonzentration von ca. 2 Promille akute Schockgefahr besteht, nimmt die Schockbekämpfung einen wichtigen Platz in der Therapie ein. Als Infusionszusatz wird bei drohender Hypoglykämie eine Glukoselösung verabreicht. Wegen des überfüllten Magens kommt es sehr leicht zum Erbrechen und zur Aspirationsgefahr, was eine ständige Absaugbereitschaft erfordert. Bei Verlust des Bewusstseins ist eine kombinierte stabile Seiten- und Schocklage nötig (nur auf Liegen/Tragen möglich).

Entwicklung in Deutschland

Aus dem Krankenhaus entlassene vollstationäre Patienten (einschl. Sterbe- und Stundenfälle) 2000-2010: [1]:

Jahr Personen im Alter
von 10 bis 20 Jahren
davon im Alter
von 10 bis 15 Jahren
2000 9.514 2.194
2001 11.466 2.526
2002 12.807 2.732
2003 14.105 2.859
2004 16.423 3.039
2005 19.449 3.466
2006 19.423 3.298
2007 23.165 3.779
2008 25.709 4.512
2009 26.428 4.330
2010 25.995 4.088
Veränderung 2000 zu 2010 in % 173,2 86,3

Siehe auch

Einzelnachweise

Literatur

  •  Kraut, Jeffrey A., Kurtz, Ira: Toxic Alcohol Ingestions: Clinical Features, Diagnosis, and Management. In: Clin J Am Soc Nephrol. Nr. 3, 2008, S. 208-225 (ArtikelAbstract).

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Alkoholvergiftung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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