Glycopyrroniumbromid

Strukturformel
Struktur des Br−-Ions     Strukturformel von Glycopyrroniumbromid
Allgemeines
Freiname
  • Glycopyrroniumbromid
  • Glycopyrrolat
Andere Namen

IUPAC: 3-(2-Cyclopentyl-2-hydroxy-2-phenylacetoxy) -1,1-dimethylpyrrolidiniumbromid

Summenformel C19H28BrNO3
CAS-Nummer 596-51-0
ATC-Code

A03AB02

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Anticholinergikum

Verschreibungspflichtig: Ja
Eigenschaften
Molare Masse 398,34 g·mol−1
Schmelzpunkt

193,2–194,5 °C [1]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
keine Einstufung verfügbar

H- und P-Sätze H: siehe oben
P: siehe oben
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
Keine Einstufung verfügbar
R- und S-Sätze R: nicht bekannt
S: nicht bekannt
LD50

709 mg·kg−1 (Ratte p.o.) [1]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden


Glycopyrroniumbromid (Handelsname Robinul®) gehört zur Gruppe der Parasympatholytika. Ohne Gegenion ist Glycopyrronium auch als Glycopyrrolat bekannt.

Klinische Angaben

Anwendungsgebiete (Indikationen)

  • Sekretminderung (z. B. bei Sialorrhoe, Pseudo-Hypersalivation, terminale Rasselatmung).[3]
  • Darmkolik, inoperable Darmobstruktion.[3]
  • Vor Operationen zur Herabsetzung des Speichelflusses, der Sekretion des Pharynx, in der Trachea und im Bronchialsystem
  • Reduzierung der Magensaftmenge und der freien Säure.
  • Blockade des Verzögerungsreflexes des Vagus auf das Herz während der Narkoseeinleitung und Intubation.
  • Zum Schutz vor Nebenwirkungen der Cholinergika (Bronchorrhoe, Bronchialkrämpfen, Bradykardie und übermäßige Darmtätigkeit), die zur Aufhebung der neuromuskulären Blockade nicht depolarisierender Muskelrelaxantien gegeben werden.

Unerwünschte Wirkungen (Nebenwirkungen)

Zu den peripheren anticholinergen Wirkungen gehören insbesondere Obstipation, verringertes Schwitzen, Trockenheit von Mund, Nase und Rachen. An der Applikationsstelle kann eine Reizung bzw. Entzündung auftreten.[3]

Pharmakologische Eigenschaften

Wirkungsmechanismus (Pharmakodynamik)

Glycopyrroniumbromid hemmt kompetitiv die Effekte von Acetylcholin an muskarinartigen cholinergen Neuronen (postganglionär). Es handelt sich also um einen kompetitiven Antagonismus an muskarinartigen Rezeptoren (M-Cholinorezeptoren). Solche peripheren cholinergen Rezeptoren befinden sich in den autonomen Effektorzellen der glatten Muskulatur, des Herzmuskels, dem Sinusknoten, dem Atrioventrikularknoten, den exokrinen Drüsen und in beschränkten Maß auch in den autonomen Ganglien. Im Pharynx, in der Trachea und in den Bronchien wird eine übermäßige Sekretproduktion eingeschränkt. Die Muskarinrezeptoren in den Speicheldrüsen sprechen stark auf Anticholinergika an. Eine Hemmung der Speichelsekretion tritt schon bei einer Dosierung ein, bei der andere unerwünschte anticholinerge Wirkungen nicht auftreten[4], d. h., die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Nebenwirkungen bei dieser Indikation ist geringer. Eine Reduktion des erhöhten Speichelflusses führt häufig zu einer Verbesserung der Sprechfähigkeit.[5]

Aufnahme und Verteilung im Körper (Pharmakokinetik)

Glycopyrronium ist ein synthetisches, ionisiertes (geringe Fettlöslichkeit), quartäres Ammonium-Anticholinergikum, welches Zellmembranen schlecht passiert.[6] Entsprechend schwer penetriert Glycopyrroniumbromid in das ZNS oder in das Augengewebe. Nebenwirkungen wie Sedierung oder Delir finden sich dadurch selten (Blut-Hirn-Schranke).[7][8] Die orale Resorption ist schlecht, das Potenzverhältnis von i.-v.-Injektion zu oral beträgt etwa 35:1.[9] Dennoch führen 200–400 µg Glycopyrronium p. o. dreimal tägl. zu Plasma-Konzentrationen, die die Speichelsekretion bis zu 7 h lang hemmen.[10][11][12] Intravenös verabreicht, ist Glycopyrronium zur Sekretionshemmung zwei- bis fünfmal potenter als Scopolaminhydrobromid.[9] Daher kann es auch bei einigen Patienten, die auf Scopolamin nicht ansprechen, zur Sekretionshemmung führen. Die Wirksamkeit von Scopolaminhydrobromid, Butylscopolaminbromid und Glycopyrronium als sekretionshemmende Mittel ist jedoch im Allgemeinen vergleichbar. Eine terminale Rasselatmung wird bei einem Drittel bis der Hälfte der Patienten gebessert.[13] Die optimale parenterale Einzeldosis beträgt 200 µg.[14] Im Vergleich zu Scopolaminhydrobromid verläuft der Wirkungseintritt von Glycopyrronium langsamer.[15] Es hat aufgrund seiner geringeren Affinität zu Muskarinrezeptoren Typ 2 weniger kardiale Nebenwirkungen.[16][17][18] Obwohl in Standarddosierungen zwar Augeninnendruck oder Pupillengröße durch Glycopyrronium nicht verändert werden, kann es ein Engwinkelglaukom begünstigen. Die Elimination erfolgt über die Nieren. Daher sind bei niereninsuffizienten Patienten bereits geringere Dosierungen wirksam.[4][6]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1  Thieme Chemistry (Hrsg.): RÖMPP Online – Version 3.4. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart 2009.
  2. 2,0 2,1 In Bezug auf ihre Gefährlichkeit wurde die Substanz von der EU noch nicht eingestuft, eine verlässliche und zitierfähige Quelle hierzu wurde noch nicht gefunden.
  3. 3,0 3,1 3,2 Robert Twycross, Andrew Wilcock, Claudia Bausewein und Constanze Rémi: Arzneimitteltherapie in der Palliativmedizin., (2005) 293–295. Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag. Der Name „Twycross“ wurde mehrere Male mit einem unterschiedlichen Inhalt definiert.
  4. 4,0 4,1 AIi-Melkkila T et al.: Pharmacokinetics and related pharmacodynamics of anticholinergic drugs., Acta Anaesthesiologica Scandinavica 37 (1993) 633–642.
  5. Rashid H et al.: Management of secretions in esophageal cancer patients with glycopyrrolate., Annals of Oncology 8 (1997) 198–199.
  6. 6,0 6,1 Mirakhur Rand, Dundee J: Glycopyrrolate pharmacology and clinical use., Anaesthesia 38 (1983) 1195–1204.
  7. Gram D et al.: Central anticholinergic syndrome following glycopyrrolate., Anesthesiology 74 (1991) 191–193.
  8. Wigard D: Glycopyrrolate and the central anticholinergic syndrome (letter)., Anesthesiology 75 (1991) 1125.
  9. 9,0 9,1 Mirakhur Rand, Dundee J: A comparison of the effects of atropine and glycopyrrolate on various end organs., Journal of the Royal Society of Medicine 73 (1980) 727–730.
  10. Ali-Melkkila T et al.: Glycopyrrolate; pharmacokinetics and some pharmacodynamics findings., Acta Anesthesiologica Scandinavica 33 (1989) 513–517.
  11. Blasco P: Glycopyrrolate treatment of chronic drooling., Archives of Paediatric and Adolescent Medicine 150 (1996) 932–935.
  12. Olsen A and Sjogren P: Oral glycopyrrolate alleviates drooling in a patient with tongue cancer., Journal of Pain and Symptom Management 18 (1999) 300–302.
  13. Hughes A et al.: Audit of three antimuscarinic drugs for managing retained secretions., Palliative Medicine 14 (2000) 221–222.
  14. Mirakhur R et al.: Evaluation of the anticholinergic actions of glycopyrronium bromide., British Journal of Clinical Pharmacology 5 (1978) 77–84.
  15. Back I et al.: Medikamentöse A study comparing hyoscine hydrobromide and glycopyrrolate in the treatment of death rattle., Palliative Medicine 15 (2001) 329–336.
  16. Mirakhur R et al.: Atropine and glycopyrronium premedication. A comparison of the effects on cardiac rate and rhythm during induction of anaesthesia., Anaesthesia 33 (1978) 906–912.
  17. Warren J et al.: Effect of autonomic blockade on power spectrum of heart rate variability during exercise., American Journal of Physiology 273 (1997) 495–502.
  18. Scheinin H et al.: Spectral analysis of heart rate variability as a quantitative measure of parasympatholytic effect – integrated pharmacokinetics and pharmacodynamics of three anticholinergic drugs., Therapeutic Drug Monitoring 21 (1999) 141–151.
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