Kraken

Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Kraken (Begriffsklärung) aufgeführt.
Kraken
Gewöhnlicher Krake (Octopus vulgaris)

Gewöhnlicher Krake (Octopus vulgaris)

Systematik
Überstamm: Lophotrochozoen (Lophotrochozoa)
Stamm: Weichtiere (Mollusca)
Klasse: Kopffüßer (Cephalopoda)
Unterklasse: Tintenfische (Coleoidea)
Überordnung: Achtarmige Tintenfische (Vampyropoda)
Ordnung: Kraken
Wissenschaftlicher Name
Octopoda
Leach, 1817
Familien
  • Amphitretidae
  • Bolitaenidae
  • Echte Kraken (Octopodidae)
  • Vitreledonellidae
  • Überfamilie Argonautoida
    • Alloposidae
    • Papierboote (Argonautidae)
    • Ocythoidae
    • Tremoctopodidae

Die Kraken (Ordnung Octopoda, Singular: der Krake) sind eine Teilgruppe der Achtarmigen Tintenfische (Vampyropoda) innerhalb der Tintenfische (Coleoidea). Ihre nächsten Verwandten sind die cirrentragenden Kraken und die vampirtintenfischähnlichen (Vampyromorpha). Die cirrentragenden Kraken wurden erst in der jüngeren Zeit von den Kraken im engeren Sinne abgetrennt. Kraken gelten als die intelligentesten Weichtiere, wobei ihre Intelligenz mit der von Ratten verglichen wird. Kraken sind in der Regel sehr scheu, jedoch neugierig und erweisen sich in Versuchen als sehr lernfähig. Der Name „Krake“ bürgerte sich aus dem Dänisch-Norwegischen ins Deutsche ein und könnte für „entwurzelter Baum“ stehen, da die Arme wie Wurzeln in alle Richtungen davonragen.[1]

Lebensraum

Die meisten Kraken sind Grundbewohner (Benthal). Die benthischen Flachmeerarten können auch einige Zeit außerhalb des Wassers überleben und sich dort fortbewegen.[2] Oft suchen sie Gezeitentümpel auf, um dort nach Krebsen, Schnecken und anderen Tieren zu jagen.

Fortbewegung

Kraken flüchten mit dem Körper voran und ziehen die Arme hinterher

Kraken nutzen ihre Arme, um sich auf dem Meeresboden zu bewegen. Auf der Flucht verwenden die Kraken das Rückstoßprinzip. Sie drücken das Wasser aus ihrer Mantelhöhle durch einen Trichter nach draußen und entfliehen durch den Rückstoß mit dem Körper voran.

Aufbau der Kraken

Datei:Moving Octopus Vulgaris 2005-01-14.ogv

Das Hauptmerkmal der Kraken wird bereits durch ihren wissenschaftlichen Namen deutlich. Im Gegensatz zu den anderen Gruppen besitzen die Octopoda vier Armpaare, also acht Arme. Der Körper der Kraken ist in der Regel sackartig. Die Arme tragen ungestielte Saugnäpfe, die keine Verstärkungsringe aufweisen. Kraken haben auch einen „Lieblingsarm“, den sie häufiger benutzen als die anderen Arme. Kraken haben die ursprüngliche Schale der Kopffüßer komplett reduziert, sie besitzen entsprechend kein Innenskelett und sind dadurch extrem beweglich und können selbst durch engste Spalten und Löcher schlüpfen. Die Beweglichkeit machte vor allem den Thaumoctopus mimicus weltbekannt. Eine Ausnahme bilden dabei allerdings die Weibchen der Papierboote (Argonauta spec.), die aus einem Sekret ihrer Armdrüsen eine äußere Schale als Eibehältnis bauen. Kraken haben ein mehrteiliges Herz mit einem Hauptherzen und zwei Kiemenherzen.

Kraken zeichnen sich durch ihr hochentwickeltes Nervensystem aus, das unter den Wirbellosen eine Spitzenposition einnimmt. Sie besitzen sehr gute Linsenaugen, die im Gegensatz zu denen der Wirbeltiere evers aufgebaut sind und so mit den Sinneszellen der Netzhaut direkt zum Licht weisen. Speziell die Arme und mit ihnen die Saugnäpfe sind stark mit Nerven und großen Ganglien durchzogen und können sich unabhängig vom Gehirn bewegen. Der Farbwechsel der Kraken beruht auf einer dreischichtigen Verteilung von Chromatophoren in der Haut, die ebenfalls stark mit Nervenreizen versehen sind. Sehr leistungsfähig ist auch das Gehirn; so bewältigen Kraken viele Irrgarten-Probleme effizienter als die meisten Säugetiere. Der kleine Krake Amphioctopus marginatus sammelt Kokosnussschalen, um sie später als Behausung zu benutzen – ein unter Wirbellosen einzigartiges Beispiel planvollen Vorgehens.[3]

Dennoch ist die Lernfähigkeit von Kraken begrenzt. Zwar können Kraken das Verhalten von Artgenossen imitieren, dies kommt jedoch fast nur in Gefangenschaft vor, da sie Einzelgänger sind. Wie alle Wirbellosen produzieren Kraken außerordentlich viele Nachkommen. Da durch die schiere Anzahl das Überleben der Nachkommen gesichert ist, bauen Wirbellose keine Eltern-Kind-Beziehungen wie Vögel oder Säugetiere auf. Einmal erlernte Fähigkeiten werden also nicht von Generation zu Generation weitergegeben. Außerdem werden Kraken nicht sehr alt (ca. zwei Jahre).

Fortpflanzung und Entwicklung

Wie bei den anderen Kopffüßern findet bei den getrenntgeschlechtlichen Arten eine innere Befruchtung statt, die Begattung erfolgt durch den bei den Männchen speziell umgewandelten dritten linken Arm, der auch als Hectocotylus Jussila bezeichnet wird. Dieser wird in die Mantelhöhle des Weibchens eingeführt und überträgt eine mit Spermien gefüllte Kapsel, die Spermatophore. Durch ein explosionsartiges Aufplatzen der Spermatophore werden die Spermien dann freigesetzt und befruchten die Eier. Beim Papierboot löst sich der Hectocotylus der Zwergmännchen mit der Spermatophore komplett ab und ist in der Lage, auch über weite Entfernungen ein Weibchen zu finden und zu befruchten. Da außerdem das Männchen mit 2 cm Größe erheblich kleiner als das Weibchen ist, wurde der abgetrennte Arm wissenschaftlich noch vor dem Männchen selbst beschrieben, allerdings fälschlicherweise als parasitärer Fadenwurm in der Mantelhöhle der Weibchen. Kraken bilden keine Larven, ihre Embryonen wachsen als Dotterscheibe auf den großen Eiern heran (discoidale Furchung). Dabei werden die Eier bei vielen Arten von den Muttertieren intensiv bewacht. Alle Kraken vermehren sich nur einmal im Leben, einige Wochen bis wenige Monate danach sterben die Tiere.

Kraken und Menschen

Kraken sind in der Regel ungefährlich und nicht aggressiv. Der Biss von Kraken, in allen bekannten Fällen auf Grund von Provokation seitens der betroffenen Person, ist in der Regel zwar schmerzhaft, aber harmlos.

Bis auf Hapalochlaena maculosa und Hapalochlaena lunulata haben Kraken, wenn überhaupt, nur ein sehr schwaches Gift. Der Biss der beiden vorgenannten blaugeringelten Arten (auch als Blauring-Oktopusse bekannt) ist hingegen nicht oder nur leicht schmerzhaft und sehr giftig. Das Gift Maculotoxin der blaugeringelten Kraken ist mit dem Tetrodotoxin des Kugelfisches nahezu identisch. Die gebissene Person fühlt sich schon kurz nach dem Biss schwach und spürt ein Prickeln im Gesicht. Es folgen Gefühllosigkeit, Übelkeit mit Erbrechen und Lähmungserscheinungen. Diese Lähmungserscheinungen werden rasch schlimmer und betreffen schon im frühen Stadium das Atemzentrum. Dabei ist der Betroffene stets bei vollem Bewusstsein, kann sich aber auf Grund der Lähmungen nicht mehr artikulieren. Ohne intensivmedizinische Behandlung kann eine solche Vergiftung tödlich enden. Ein Gegenmittel gegen das Gift ist nicht bekannt. Der Betroffene muss beatmet werden, bis die Wirkung des Gifts nachlässt und das Opfer wieder von selbst zu atmen beginnt. Unfälle mit blaugeringelten Kraken sind selten. In den Jahren 1950 bis 1995 sind nur elf Unfälle dokumentiert. Von diesen verliefen allerdings zwei Unfälle tödlich.

In den Bereich der Legenden gehören Berichte, nach denen große Kraken Menschen mit ihren Fangarmen erwürgen oder gar Schiffe in die Tiefe ziehen können, siehe Kraken (Mythologie).

Einige Krakenarten werden vor allem in der mediterranen Küche und in Asien vielfältig verwendet, siehe Tintenfisch (Lebensmittel).

Besondere Medienbekanntheit erreichte der Krake Paul, der während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 als Orakel-Tier den Ausgang aller getippten Fußballspiele korrekt „voraussagte“.

Systematik der Kraken

Unter den Kraken wurden früher aufgrund des Besitzes von Flossen zwei Grundtypen unterschieden, die Cirrata mit Flossen (Cirrentragende Kraken) und die Incirrata (Kraken i.e.S.) ohne Flossen. Die Erstgenannten bewohnen vor allem die Tiefsee und sind gute Schwimmer. Sie wurden in jüngerer Zeit in den Rang einer eigenständigen Ordnung erhoben, da in der ursprünglichen Definition der Octopoda diese Gruppe nicht enthalten war. Jene findet man demgegenüber vor allem in relativ flachem Wasser am Meeresgrund; zu diesen gehören die bekanntesten Arten. Beide Gruppen sind aber als Monophyla eingeordnet, die den Vampirtintenfischähnlichen (Vampyomorpha) gegenüberstehen.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Wolfgang Pfeifer (Red.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, hrsg. vom Zentralinstitut für Sprachwissenschaft, Berlin (Ost) 1989, S. 921
  2. http://www.spiegel.de/video/video-1163076-embed.html Video, das einen Kraken beim Landgang zeigt
  3. Finn, Julian K.; Tregenza, Tom; Norman, Mark D. (2009): "Defensive tool use in a coconut-carrying octopus", Curr. Biol. 19 (23): S1069–1070 doi:10.1016/j.cub.2009.10.052
  4. Ausführliche Datensammlung der FAO (Englisch)

Weblinks

 Commons: Octopoda – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference

Literatur

  • Thomas Berthold und Theo Engeser: Phylogenetic analysis and systematization of the Cephalopoda (Mollusca). Verhandlungen des naturwissenschaftlichen Vereins Hamburg, N. F., 29: 187-220, Hamburg 1987 ISSN 0173-749X.
  • David B. Carlini, Richard E. Young und Michael Vecchione: A molecular phylogeny of the Octopoda (Mollusca: Cephalopoda) evaluated in light of morphological evidence. Molecular Phylogenetics and Evolution, 21(3): 388-397, San Diego 2001 ISSN 1055-7903
  • Mark Norman: Tintenfisch Führer - Kraken, Argonauten, Sepien, Kalmare, Nautiliden, 1. Ed. Hamburg (2000).
  • Richard E. Young und Michael Vecchione: Evolution of the gills in the Octopodiformes. Bulletin of Marine Science, 71(2): 1003-1017, Coral Gables, Florida 2002 ISSN 0007-4977

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