Sturmvögel

Sturmvögel
Weißkinn-Sturmvogel (Procellaria aequinoctialis)

Weißkinn-Sturmvogel (Procellaria aequinoctialis)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Röhrennasen (Procellariiformes)
Familie: Sturmvögel
Wissenschaftlicher Name
Procellariidae
Leach, 1820

Die Sturmvögel (Procellariidae) sind eine Familie von Vögeln aus der Ordnung der Röhrennasen (Procellariiformes). Der Familie werden 79 Arten in 14 Gattungen zugerechnet. Es handelt sich um eine artenreiche Gruppe meist mittelgroßer Hochseevögel, die über allen Ozeanen, vor allem aber auf der Südhalbkugel verbreitet ist. Sie haben damit eines der größten Verbreitungsgebiete aller Vogelfamilien. Die südlichste Art ist der Schneesturmvogel, der in der Antarktis brütet. Die am nördlichsten verbreitete Art ist der Eissturmvogel.

Merkmale

Wie andere Röhrennasen sind Sturmvögel durch zwei röhrenartige Nasenöffnungen auf der Oberseite des Schnabels gekennzeichnet, durch die Meersalz und Magenöl ausgeschieden werden können. Der Schnabel ist lang und hakenförmig, hat eine nagelartige Spitze und sehr scharfe Kanten. Diese Beschaffenheit hilft dabei, schlüpfrige Beute wie Fische besser festhalten zu können.

Die Größe ist sehr variabel. Als kleinste Art ist der Kleine Sturmtaucher 25 cm lang, hat eine Flügelspannweite von 60 cm und ein Gewicht von 170 g (Mindestmaße). Die meisten Arten sind nur unwesentlich größer. Ausnahmen sind allein die Riesensturmvögel, die an kleine Albatrosse erinnern – sie können 1 m lang werden, eine Spannweite von 2 m und ein Gewicht von 5 kg erreichen.

Das Gefieder ist weiß, grau, braun oder schwarz gefärbt. Nur wenige Arten sind durchgehend dunkel gefärbt. Die meisten Arten sind aber Körperoberfläche dunkel und auf der Unterseite hell. Alle Arten sind recht unscheinbar. Manche Arten gleichen einander so sehr, dass sie bei Feldbeobachtungen nicht voneinander unterscheidbar sind. Einen sichtbaren Geschlechtsdimorphismus gibt es nicht, abgesehen von im Schnitt etwas geringeren Größen der weiblichen Vögel. Bei vielen Arten haben die beiden Geschlechter unterschiedliche Lautäußerungen.

Alle Sturmvögel sind sehr gute Flieger, haben aber je nach Art unterschiedliche Flugstile. Die Beine sind dagegen schwach und sitzen weit hinten am Körper an. Zum Laufen sind sie ungeeignet, so dass sich ein Sturmvogel an Land mit der Brust abstützen und die Flügel zur Hilfe nehmen muss.

Lebensweise

Außerhalb der Brutzeit verbringen sie ihr ganzes Leben auf hoher See und sind in der Lage, sich auch schwersten Wetterbedingungen anzupassen. Ihre Nahrung ist durchgängig carnivor. Die meisten fressen kleine Fische und wirbellose Meerestiere wie Tintenfische, die sie von dicht unter der Meeresoberfläche erbeuten. Einige wenige leben von Plankton und andere fressen auch Aas – etwa tote, im Meer treibende Wale. Letzte Arten ernähren sich heute auch häufig von den Abfällen der Fischereiflotten. Diese Arten haben in ihrer Populationszahl stark von der Ausweitung der Fischerei profitiert und zum Teil in ihren Beständen stark zugenommen.[1]

Sturmvögel, die einem Fischereischiff folgen

Sturmvögel brüten gewöhnlich in großen Kolonien in der Nähe von Küsten, häufig auf steilen Klippen oder Geröllhalden. Sie legen ein einziges Ei, das eine weiße Schale hat und im Verhältnis zum Vogel ungewöhnlich groß ist. Die Brutzeit liegt zwischen 40 und 60 Tagen, bei den kleineren Arten wird das geschlüpfte Küken nach 45 bis 55 Tagen flügge, bei den größten Arten kann dies 100 bis zu 135 Tage dauern.

Systematik

Äußere Systematik

Die Sturmvögel werden als Familie innerhalb der Röhrennasen geführt. Sie sind hier die Schwestergruppe der Tauchsturmvögel, und beide gemeinsam bilden die Schwestergruppe der Albatrosse.[2]

Innere Systematik

Traditionell werden die Sturmvögel in vier Unterfamilien unterteilt, bei denen es sich aber nach jüngeren Erkenntnissen nicht um systematische Gruppen handelt. Sie haben jeweils einige gemeinsame Merkmale, die aber nicht in allen Fällen auf tatsächliche Verwandtschaft schließen lassen. Diese Gruppen sind:

Möwensturmvögel

Riesensturmvogel (M. giganteus)

Als einzige der vier klassischen Unterfamilien sind die Möwensturmvögel (Fulmarinae) offenbar tatsächlich eine monophyletische Gruppe. Sie werden aufgrund typischer Merkmale ihres Schädels und besonders großer Nasenröhren zusammengefasst. Die bekannteste Art ist der Eissturmvogel, der als einziger Möwensturmvogel nördlich des Äquators vorkommt.

Hakensturmtaucher und Verwandte

Mit 39 Arten sind die Pterodrominae die größte der klassischen Unterfamilien. Sie leben in tropischen und gemäßigten Breiten. Typisch ist für sie der Flug, ein Wechsel von Gleitphasen und hektisch wirkenden Flügelschlägen. Ihre Nahrung sind hauptsächlich Tintenfische, die sie nahe der Wasseroberfläche erbeuten. Selten tauchen sie zur Gänze unter, so dass ihr deutscher Name ziemlich unpassend scheint. Der englische Name, „gadfly petrels“, leitet sich von Bremsen ab, an deren Flug sie den Namensgeber erinnerten.

Schwarzkappen-Sturmtaucher (Pterodroma hasitata)
  • Hakensturmtaucher (Pterodroma), mit 32 Arten
  • Lugensa
    • Kerguelensturmvogel (L. brevirostris)
  • Pseudobulweria, mit 4 Arten
    • Salomonen-Sturmvogel (P. becki)
    • Maskarenen-Sturmvogel (P. aterrima)
    • Macgillivray-Sturmvogel (P. macgillivrayi)
    • Tahiti-Sturmvogel (P. rostrata)
  • Bulweria
    • Jouanin-Sturmvogel (B. fallax)
    • Bulwer-Sturmvogel (B. bulwerii)
  • Halobaena

Walvögel

Die Walvögel (Pachyptilinae, Pachyptila), auch als Entensturmvögel bekannt, umfassen nur eine Gattung mit sechs Arten, die deutlich von den anderen Sturmvögeln abweichen. Ihr Schnabel ist zu einem Filterinstrument umgewandelt, mit dem sie durch das Wasser pflügen und Plankton fressen können. Wegen der entfernten Ähnlichkeit zu den Barten der Bartenwale tragen die Vögel ihren Namen. Die Gattung umfasst die folgenden sechs Arten:

  • Großer Entensturmvogel (Pachyptila vittata). Bei der Art ist der Schnabel oben stahlgrau und unten bläulich-gelb gefährt.
  • Kleiner Entensturmvogel (Pachyptila salvini). Hier ist der Schnabel oben und unten bläulich-grau.
  • Taubensturmvogel (Pachyptila desolata), der unter anderem auf der antarktischen Halbinsel und auf Kerguelen und auf Heard brütet.
  • Belcher-Sturmvogel, auch Dünnschnabel-Walvögel (Pachyptila belcheri). Der Belcher-Sturmvogel zeichnet sich durch einen langen, sehr schmalen Schnabel aus.
  • Feensturmvogel (Pachyptila turtur)
  • Dickschnabel-Sturmvogel (Pachyptila crassirostris), der sich von den anderen Walvögeln durch eine verdickte Schnabelplatte unterscheidet.

Sturmtaucher und Verwandte

Die Procellariinae sind je nach Art in unterschiedlichem Maße daran angepasst, ihrer Beute tauchend nachzustellen. Ein dichteres Gefieder und breitere Flügel sind Anpassungen an diese Lebensweise. Oft fliegen sie so dicht über der Oberfläche, dass sie das Wasser zu berühren scheinen. Viele bilden große Kolonien.

Gelbschnabel-Sturmtaucher (Calonectris diomedea)
Keilschwanz-Sturmtaucher (Puffinus pacificus)
  • Procellaria
    • Weißkinn-Sturmvogel (P. aequinoctialis)
    • Grausturmvogel (P. cinerea)
    • Procellaria conspicillata
    • Parkinson-Sturmvogel (P. parkinsoni)
    • Westland-Sturmvogel (P. westlandica)
  • Calonectris
  • Sturmtaucher (Puffinus), mit 19 Arten (Auswahl):

Moderne Systematiken

In jüngerer Zeit wurde in verschiedenen Studien überprüft, ob die einzelnen Unterfamilien tatsächlich verwandtschaftlichen Gruppen, also echten Taxa entsprechen. Die bedeutendsten dieser Studien unternahmen Nunn und Stanley[2] sowie Bretagnolle und andere,[3] die zu weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen kamen.

Hiernach sind allein die Möwensturmvögel als monophyletische Gruppe bestätigt. Die Pterodrominae erwiesen sich als paraphyletisch in Bezug auf die Walvögel und zwei Gattungen der Sturmtaucher. Die Procellariinae wurden nicht nur als polyphyletisch enttarnt, zudem wurde noch ihre Hauptgattung Puffinus als paraphyletisch in Bezug auf Calonectris erkannt. Aus all diesen Erkenntnissen ergibt sich, dass es sich zumindest bei Procellariinae und Pterodrominae um reine Formtaxa ohne systematischen Wert handelt.

Ein Kladogramm der Gattungen der Sturmvögel sieht demnach folgendermaßen aus:


 Sturmvögel
(Procellariidae)  
 N.N.  
 Möwensturmvögel  
(Fulmarinae)




 Fulmarus


     

 Riesensturmvögel (Macronectes)



     

 Kapsturmvogel (Daption)



     

 Weißflügel-Sturmvogel (Thalassoica)



     

 Schneesturmvogel (Pagodroma)



 N.N.  
 N.N.  


 Blausturmvogel (Halobaena)


     

 Walvögel (Pachyptila)



 N.N.  

 Procellaria


     

 Bulweria




 N.N.  

 Sturmtaucher (Puffinus) und Calonectris


     

 Pseudobulweria


     

 Kerguelensturmvogel (Lugensa)





     

 Hakensturmtaucher (Pterodroma)



Mensch und Sturmvögel

Einige Arten des Sturmvögels spielen eine kleine Rolle in der menschlichen Ernährung. Sie werden wegen ihres wohlschmeckenden Fleisches im englischen Sprachgebrauch als „Muttonbirds“ (=Hammelvögel) bezeichnet. Die Jungen des Kurzschnabel-Sturmtauchers und des Dunklen Sturmtauchers, die das Nest noch nicht verlassen haben, kommen als „tasmanische Jungtauben“ auf den Markt. Beide Arten haben sehr hohe Populationszahlen und durch festgelegte Fangquoten soll verhindert werden, dass sich der Fang für den menschlichen Verzehr negativ auf den Bestand auswirkt.[4] 2004 trat das derzeit von 13 Staaten unterzeichnete Übereinkommen zum Schutz der Albatrosse und Sturmvögel (ACAP) in Kraft.

Belege

Einzelnachweise

  1. Christopher Perrins (Hrsg.): Die BLV-Enzyklopädie Vögel der Welt. BLV, München 2004, ISBN 3-405-16682-9, S. 71
  2. 2,0 2,1 Gary Nunn, Scott Stanley: Body size effects and rates of cytochrome b evolution in tube-nosed seabirds. In: Molecular Biology and Evolution. Nr. 15, 1998, S. 1360–1371
  3. V. Bretagnolle, C. Attié, E. Pasquet: Cytochrome-B evidence for validity and phylogenetic relationships of Pseudobulweria and Bulweria (Procellariidae). In: The Auk. Nr. 115, 1998, S. 188–195
  4. Christopher Perrins (Hrsg.): Die BLV-Enzyklopädie Vögel der Welt. BLV, München 2004, ISBN 3-405-16682-9, S. 72

Literatur

  • Michael Brooke: Albatrosses and Petrels Across the World. Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-850125-0.
  • Josep del Hoyo u. a.: Ostrich to Ducks. Lynx, Barcelona 1992, ISBN 84-87334-10-5 (Handbook of the Birds of the World, Bd. 1).
  • Peter H. Barthel, Paschalis Dougalis: Was fliegt denn da? Kosmos, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-440-09977-3.
  • P. J. Higgins (Hrsg): Handbook of Australian, New Zealand & Antarctic Birds, Band 1, Ratites to Ducks, Oxford University Press, Oxford 1990, ISBN 0195530683

Weblinks

 Commons: Sturmvögel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference

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