Diphtherie

Klassifikation nach ICD-10
A36 Diphtherie
J05 Akute obstruktive Laryngitis (Krupp) und Epiglottitis
Z22.2 Keimträger der Diphtherie
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Bei der Diphtherie handelt es sich um eine akute, ansteckende Infektionskrankheit, die durch eine Infektion der oberen Atemwege mit dem Gram-positiven Corynebacterium diphtheriae hervorgerufen wird. Gefürchtet ist das von diesen Erregern abgesonderte Exotoxin Diphtherietoxin, welches zu lebensbedrohlichen Komplikationen und Spätfolgen führen kann. Eine schützende Impfung durch einen Toxoidimpfstoff ist verfügbar.

Etymologie

Die Bezeichnung wurde von Pierre Fidèle Bretonneau (1778-1862) als diphtherite in den medizinischen Sprachgebrauch eingeführt.[1] Es ist eine Wortbildung mit griechischem Ursprung (französischer Gräzismus), nämlich abgeleitet von διφθέρα, diphthéra für „Lederrollen“ (engl. „pair of leather scrolls“) und der Endung -itis für Entzündung. Das Wort bezieht sich auf die sogenannte Halsbräune, dunkle Pseudomembranen aus abgestorbener Schleimhaut und Blutbestandteilen. Im Französischen hat sich daraus das Wort diphthérie entwickelt, von dem die deutsche Form abgeleitet ist. Im Mittelalter wurde die Krankheit als Rachenbräune, später als (Echter) Krupp(Husten) oder Croup (von schottisch croup, „Heiserkeit“) bezeichnet.

Corynebacterium diphtheriae

Der Diphtherie ähnliche Erkrankungen werden als Diphtheroid bezeichnet.

Erreger

Die Diphtherie wird durch das toxinbildende (giftstoffbildende) Bakterium Corynebacterium diphtheriae ausgelöst und ist von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen- oder Schmierinfektionen übertragbar, beispielsweise durch engen Kontakt beim Niesen, Husten oder Küssen, selten auch über kontaminierte Gegenstände.

Die Giftstoffe des Erregers – vor allem das nach dem Bakterium benannte Diphtherietoxin – schädigen die Proteinbiosynthese durch Hemmung des Elongationsfaktors. Die Erreger bilden speziell ein phagenkodiertes Toxin allerdings nur, falls sie mit einem Bakteriophagen infiziert sind. Mit dem Blut werden sie auch zu entfernt von der Entzündungsstelle liegenden Organen transportiert, wie beispielsweise Herz, Leber und Niere. Dies kann zu den (lebens)gefährlichen Komplikationen der Diphtherie führen.

Häufigkeit und Verbreitung

Verbreitung der Diphtherie (WHO 1997)
  • mehr als 100 gemeldete Fälle
  • 50 bis 100 gemeldete Fälle
  • 1 bis 49 gemeldete Fälle
  • keine Fälle gemeldet
  • Die Häufigkeit der Erkrankung ist durch die vom Mediziner und Nobelpreisträger Emil von Behring eingeführte passive Impfung mit Serum und die von Gaston Ramon eingeführte aktive Impfung mit Diphtherietoxoid sehr stark zurückgegangen. Die Krankheit ist jedoch nicht, wie beispielsweise die Pocken, ausgerottet. Sobald die so genannte Durchimpfungsrate unter einen bestimmten Wert sinkt, nehmen die Erkrankungszahlen wieder erheblich zu. Das war in Russland zu beobachten, wo 1994 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 48.000 Fälle auftraten.

    Symptome

    Kind mit geschwollenem Hals aufgrund der Entzündung

    Die Schwere und Ausgestaltung der Symptome, die zwei bis sechs Tage nach der Infektion auftreten, hängen ab von der Immunlage des Erkrankten. Sie ist differenzialdiagnostisch vom Pseudokrupp und von der Epiglottitis abzugrenzen.

    1. Bei lokalisierten Diphtherien (Mandel- und Rachendiphtherie) treten zu Beginn Angeschlagenheit, Übelkeit und Schluckschmerzen auf, häufig verbunden mit Bauch- und Gliederschmerzen; Erbrechen ist eher selten. Zunehmendes Fieber.
    2. Die Nasendiphtherie tritt bevorzugt bei Säuglingen und Kleinkindern auf, verbunden mit behinderter Nasenatmung, Unruhe und gestörter Nahrungsaufnahme. Seröser oder eitrig-blutiger Schnupfen tritt auf, häufig verbunden mit Gewebszerstörung und Krustenbildung am Naseneingang.
    3. Als Ersterkrankung tritt die Kehlkopfdiphtherie meist im Gefolge der Rachendiphtherie auf. Symptomatisch sind bellender Husten, zunehmende Heiserkeit und Stimmlosigkeit (Aphonie), zusammengefasst als Echter Krupp. Das Einatmen ist erschwert und mit Pfeifgeräuschen (Stridor) verbunden.
    4. Seltenere Diphtherieformen sind die Hautdiphtherie mit auftretenden Geschwüren und Verletzungen und die Bindehautdiphtherie mit blutig-wässriger Absonderung und Membranbildung mit häufiger Hornhautbeteiligung.
    5. Im fortgeschrittenen Stadium der Diphtherie weitet sich die Membranbildung rasch und intensiv auf Mandeln, Gaumen, Gaumenzäpfchen und Nasenschleimhaut aus; lokale Lymphknotenschwellungen treten auf.

    Untersuchung

    Die Diagnose durch einen bakteriologischen Test ist frühestens in 12 Stunden zu erhalten. Deshalb muss im Verdachtsfall, besonders bei der toxischen Diphtherie, sofort anhand des klinischen Bildes therapiert werden.

    Behandlung

    Diphtherie-Antitoxin, historisch
    • Antitoxin: Zur Behandlung werden Antikörperseren (Antitoxin) verabreicht. Das Antikörperserum bindet die Bakterientoxine und macht sie dadurch unschädlich. Das Antitoxin ist über Medikamentendepots der Bundesländer für toxikologische Notfälle erhältlich.
    • Antibiotika: Penicillin wird für mindestens 10 Tage eingesetzt, um die Bakterien abzutöten.

    Bei Verschluss der Atemwege muss ein Luftröhrenschnitt erfolgen. Strenge Bettruhe für fünf bis sechs Wochen ist notwendig, um die Gefahr einer Herzschädigung zu minimieren. Bei guter und richtiger Behandlung der Diphtherie bleiben kaum Schäden und die Letalität ist gering.

    Komplikationen

    Als toxische Komplikationen treten v. a. eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung) und eine Polyneuritis (Nervenentzündung) auf: So mussten während der Diphtherie-Epidemie 1995 in Kirgisistan 656 Patienten stationär behandelt werden, wobei von diesen bei 22 % eine Herzmuskelentzündung und bei 5 % eine Polyneuritis diagnostiziert wurde.

    • Die Herzmuskelentzündung ist mit der Möglichkeit von Reizleitungsstörungen, Herzvergrößerung und Kreislaufversagen verbunden; ein plötzlicher Herztod tritt als sog. „Frühtod“ in der ersten Krankheitswoche oder als „Spättod“ in der Rekonvaleszenz auf.
    • Die Polyneuritis äußert sich als Lähmung verschiedener Hirnnerven bzw. Hirnnervenäste wie des Nervus facialis oder Nervus recurrens und kann somit zu einer Lähmung des Gaumensegels, der Augenmuskeln oder zu einer Schluckbehinderung oder auch Schlucklähmung führen, so dass die aufgenommene Nahrung über die Nase hochgewürgt werden kann. Die periphere Polyneuritis kann sich in der Regel ein bis drei Monate nach Beginn der Erkrankung entwickeln.
    • Eine Pneumonie tritt bei der Hälfte der Todesfälle auf.
    • Seltenere Komplikationen sind eine Nephritis mit Einschränkung der Nierenfunktion bzw. Nierenversagen, eine Bakteriämie, eine Endokarditis, Lungenembolien und eine Enzephalitis.

    Geschichte der Diphtherie

    Entdeckung des Erregers

    • 1826 - Pierre Fidèle Bretonneau führt die Bezeichnung in den medizinischen Sprachgebrauch ein
    • 1858 - Untersuchungen zur Auslösung der Diphtherie durch Mikroorganismen
    • 1884 - Friedrich Loeffler identifiziert am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin das Corynebacterium diphtheriae als Erreger der Diphtherie
    • 1896 - Gruppe: Corynebakterien (coryne griech.: „Keule“)

    Immunisierung

    • 1888 - Émile Roux & Alexandre Yersin: Toxinnachweis
    • 1889 - Emil Adolf von Behring: Serum Träger der Immunität
    • 1890 - Behring & Shibasaburo Kitasato: Entdeckung des Antitoxins im Blut kranker Tiere, Antitoxin ist prinzipiell übertragbar
    • 1894 - William Hallock Park und Anna Wessels Williams entwickeln am New York City Department of Health ein Antitoxin.
    • 1898 - Behring & Erich Wernicke: Immunität durch Injektion von neutralisiertem Diphtherietoxin
    • 1901 - Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für von Behring
    • 1913 - von Behring: Toxin-Antitoxinmischung für Immunisierung
    • 1924 - Gaston Ramon (1886-1963) behandelt das Toxin mit Wärme/Formalin für Impfung

    Weblinks

    Wiktionary Wiktionary: Diphtherie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
     Commons: Diphtheria – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
    • Diphterie – kindergesundheit-info.de: unabhängiges Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
    • Diphtherie – Informationen des Robert Koch-Instituts
    • Diphtherie – impfen–info.de: Umfassende Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Thema Impfungen.

    Einzelnachweise

    1. Pierre Fidèle Bretonneau: Des inflammations spéciales du tissu muqueux, et en particulier de la diphthérite. Ou inflammation pelliculaire, comme sous le nom de croup, d’angine maligne, d’angine gangréneuse, etc., Paris 1826
    Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!

    Diese Artikel könnten dir auch gefallen

    Die letzten News

    26.02.2021
    Klimawandel | Biodiversität | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
    Unterirdische Biodiversität im Wandel
    Durch den globalen Wandel wird die Vielfalt der Bakterien auf lokaler Ebene voraussichtlich zunehmen, während deren Zusammensetzung sich auf globaler Ebene immer ähnlicher wird.
    25.02.2021
    Botanik | Ökologie | Klimawandel
    Wald im Trockenstress: Schäden weiten sich weiter aus
    Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020 zeigen: Die anhaltenden Dürrejahre fordern Tribut.
    24.02.2021
    Physiologie | Primatologie
    Geophagie: Der Schlüssel zum Schutz der Lemuren?
    Kürzlich wurde eine transdisziplinäre Forschung über die Interaktionen zwischen Böden und Darm-Mykobiom (Pilze und Hefen) der Indri-Indri-Lemuren veröffentlicht.
    24.02.2021
    Mikrobiologie | Evolution
    Vom Beginn einer evolutionären Erfolgsstory
    Unser Planet war bereits lange von Mikroorganismen besiedelt, bevor komplexere Lebewesen erstmals entstanden und sich nach und nach zur heute lebenden Tier- und Pflanzenwelt entwickelten.
    24.02.2021
    Genetik
    Cre-Controlled CRISPR: konditionale Gen-Inaktivierung wird einfacher
    Die Fähigkeit, ein Gen nur in einem bestimmten Zelltyp auszuschalten, ist für die modernen Lebenswissenschaften wesentlich.
    24.02.2021
    Land-, Forst- und Viehwirtschaft | Fischkunde
    Bald nur noch ängstliche Fische übrig?
    Über die Fischerei werden vor allem größere und aktivere Fische aus Populationen herausgefangen.
    23.02.2021
    Anthropologie | Neurobiologie
    Placebos wirken auch bei bewusster Einnahme
    Freiburger Forschende zeigen: Scheinmedikamente funktionieren auch ohne Täuschung. Probanden waren über Placebo-Effekt vorab informiert.
    23.02.2021
    Botanik | Klimawandel
    Auswirkungen des Klimas auf Pflanzen mitunter erst nach Jahren sichtbar
    Die Auswirkungen von Klimaelementen wie Temperatur und Niederschlag auf die Pflanzenwelt werden möglicherweise erst Jahre später sichtbar.
    23.02.2021
    Ökologie | Klimawandel
    Biologische Bodenkrusten bremsen Erosion
    Forschungsteam untersucht, wie natürliche „Teppiche“ Böden gegen das Wegschwemmen durch Regen schützen.
    23.02.2021
    Mikrobiologie | Meeresbiologie
    Süße Algenpartikel widerstehen hungrigen Bakterien
    Eher süß als salzig: Mikroalgen im Meer produzieren jede Menge Zucker während der Algenblüten.
    21.02.2021
    Evolution | Biochemie
    Treibstoff frühesten Lebens – organische Moleküle in 3,5 Milliarden Jahre alten Gesteinen nachgewiesen
    Erstmalig konnten biologisch wichtige organische Moleküle in archaischen Fluideinschlüssen nachgewiesen werden. Sie dienten sehr wahrscheinlich als Nährstoffe frühen Lebens auf der Erde.
    21.02.2021
    Evolution | Biochemie
    Origin of Life - Begann die Darwin’sche Evolution schon, bevor es Leben gab?
    Ehe Leben auf der Erde entstand, gab es vor allem eines: Chaos.
    21.02.2021
    Anthropologie | Neurobiologie
    Kommunikationsfähigkeit von Menschen im REM-Schlaf
    Mit schlafenden Versuchspersonen lassen sich komplexe Nachrichten austauschen. Das haben Wissenschaftler jetzt in Studien gezeigt.
    21.02.2021
    Paläontologie | Insektenkunde
    Fossile Larven - Zeitzeugen in Bernstein
    Eine ungewöhnliche Schmetterlingslarve und eine große Vielfalt an Fliegenlarven. LMU-Zoologen haben in Bernstein fossile Bewohner Jahrmillionen alter Wälder entdeckt.
    21.02.2021
    Ethologie | Ökologie
    Wölfe in der Mongolei fressen lieber Wild- als Weidetiere
    Wenn das Angebot vorhanden ist, ernähren sich Wölfe in der Mongolei lieber von Wildtieren als von Weidevieh.
    21.02.2021
    Meeresbiologie
    Neuer Wohnort im Plastikmüll: Biodiversität in der Tiefsee
    Ein internationales Forscherteam findet einen neuen Hotspot der Biodiversität – und zwar ausgerechnet im Plastikmüll, der sich seit Jahrzehnten in den Tiefseegräben der Erde ansammelt.
    19.02.2021
    Meeresbiologie | Land-, Forst- und Viehwirtschaft
    Durch Aquakultur gelangt vom Menschen produzierter Stickstoff in die Nahrungskette
    Ausgedehnte Aquakulturflächen entlang der Küsten sind in Südostasien sehr verbreitet.
    19.02.2021
    Anthropologie | Paläontologie
    Das Aussterben der größten Tiere Nordamerikas wurde wahrscheinlich vom Klimawandel verursacht
    Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Überjagung durch den Menschen nicht für das Verschwinden von Mammuts, Riesenfaultieren und anderen nordamerikanischen Großtieren verantwortlich war.
    18.02.2021
    Anthropologie | Virologie
    Neandertaler-Gene und Covid-19 Verläufe
    Letztes Jahr entdeckten Forscher, dass wir den wichtigsten genetischen Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Krankheit Covid-19 vom Neandertaler geerbt haben.
    18.02.2021
    Taxonomie | Fischkunde
    Wüstenfische „under cover“ – neu entdeckte Vielfalt auf der arabischen Halbinsel
    Das Landschaftsbild des Oman ist geprägt durch ausgedehnte Wüstenlandschaften und karge, trockene Hochgebirgsketten.
    18.02.2021
    Genetik | Immunologie | Biochemie
    Rätsel des pflanzlichen Immunsystems gelöst
    Wie bauen Pflanzen eine Resilienz auf? Ein internationales Forschungsteam hat die molekularen Mechanismen des pflanzlichen Immunsystems untersucht.
    17.02.2021
    Bionik und Biotechnologie
    Gut gestützt und maximal beweglich
    Kieler Forschungsteam entwickelt Gelenkschiene für Sport und Medizin nach dem Vorbild von Libellenflügeln.
    15.02.2021
    Zytologie | Biochemie
    Unterschätzte Helfer: Membranbausteine steuern Zellwachstum entscheidend mit
    Lipide sind die Bausteine für die Hülle von Zellen, die Zellmembran.
    15.02.2021
    Ökologie | Virologie
    Wasser kann Säugetierviren übertragen
    Wasser ist Voraussetzung für alles Leben, aber seine Verfügbarkeit kann begrenzt sein.
    15.02.2021
    Paläontologie
    Neuer alter Pfleilschwanzkrebs aus Franken
    Ein Paläontologen-Team entdeckte in Franken einen neuen 197 Millionen Jahre alten Pfeilschwanzkrebs aus der Jurazeit.