Flatulenz

Klassifikation nach ICD-10
R14 Flatulenz und verwandte Zustände
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Flatulenz (von lateinisch flatus = ‚Wind‘, ‚Blähung‘) bezeichnet die verstärkte Entwicklung von Gasen (beispielsweise Methan, Kohlenstoffdioxid, Schwefelwasserstoff und anderen Gär- bzw. Faulgasen), im Magen und/oder Darm, wonach es zum rektalen Entweichen (Flatus) von Darmgasen kommt. Sitzen diese Darmgase fest (Flatus incarceratus), kann es zu schmerzhaften Bauchkrämpfen kommen. Es werden je nach Region unterschiedliche volkstümliche Bezeichnungen für die Flatulenz verwendet, z. B. Furz, Pfurz, Pups, Fahrn etc., in Österreich auch Schas (auch Schaas geschrieben)[1], die zum Teil als vulgär empfunden werden. Als neutral, aber veraltet, gilt die deutsche Bezeichnung Leibwind.

Eine besondere Form der Flatulenz besteht, wenn beim Abgang von Leibwinden ungewollt Stuhl mit austritt.

Die Flatulenz ist abzugrenzen von einer übermäßigen Gasansammlung im Verdauungstrakt ohne wesentlichen Abgang von Darmgasen, die als Meteorismus bezeichnet wird.

Ursachen

Beim Verdauungsvorgang, der bis zu 42 Stunden dauern kann, entstehen Darmgase. Der größte Anteil diffundiert jedoch in den Blutkreislauf und wird über die Lungen ausgeschieden. Die eigentliche Flatulenz ist ein Gasüberschuss von etwa 0,5 bis 1,5 Litern pro Tag, der nicht auf diesem Weg austritt. Ursachen können die Zusammensetzung der Ernährung oder Verdauungsstörungen sein.

Bei Milcheiweißallergie, Histamin-Intoleranz und Laktoseintoleranz (Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker) kann es zu starker Flatulenz kommen, dann auch zum Teil mit Durchfällen verbunden. Ebenfalls können manche Zuckerersatzstoffe wie Sorbit in erhöhten Mengen zu starker Flatulenz führen. Generell kann ein hoher Anteil an Ballaststoffen Blähungen fördern.

Auch kann eine deutliche Steigerung der Gasproduktion zum Beispiel durch den Verzehr von Hülsenfrüchten bewirkt werden, da sie die Zuckermoleküle Rhamnose, Raffinose und Stachyose enthalten, die im Dünndarm nicht verwertet werden können und erst im Dickdarm durch die Bakterien der Darmflora zersetzt werden. Rhamnose und Stachyose kommen in höheren Konzentrationen auch vor in den Nahrungsmitteln Zwiebeln, Staudensellerie, Kohl, Knäckebrot, Hühnereier, Sauerkraut und Wassermelonen. Beim Verzehr von Inulin, das z. B. in Topinambur enthalten ist, kann die Gasproduktion ebenfalls steigen.

Physiologische Vorgänge

Die Bestandteile der Abwinde sind Stickstoff, Wasserstoff, Methan, Kohlenstoffdioxid sowie Schwefelverbindungen

Der Großteil der abgehenden Darmgase (Flatus) bei Flatulenzen wird während der Verdauung durch die Bakterien wie Escherichia coli, Bacteroides vulgatus oder Methanobrevibacter smithii erzeugt. Diese sind die Produzenten von Wasserstoff, Methan und Schwefelverbindungen, welche der Grund für die leichte Entzündlichkeit des Flatus sind. Kohlenstoffdioxid entsteht, wenn Nahrung im Magen mit Salzsäure reagiert. Für den Geruch wurden früher die Substanzen Indol und Skatol sowie Schwefelwasserstoff verantwortlich gemacht. Gaschromatographische Untersuchungen im Jahre 1984 ergaben jedoch, dass Schwefelverbindungen wie Methanthiol, Schwefelwasserstoff und Dimethylsulfid die primär geruchsbildenden Bestandteile sind.[2]

Die Geräusche, die oft beim Entweichen der Gase entstehen, werden von der Vibration der Analöffnung verursacht. Das Geräusch variiert je nach Spannung des Schließmuskels, Geschwindigkeit, mit der das Gas ausgestoßen wird, sowie dem Volumen der ausgestoßenen Gasmenge. Gase steigen nach oben, wenn sie leichter als Luft sind. Bei der Flatulenz ist dies normalerweise der Fall; ist dieser Weg durch Barrieren jedoch versperrt, müssen die Darmwinde einen anderen Ausgang nehmen. Der Abgang des Flatus erfolgt nach kumulierter Gasansammlung am Ende des Mastdarms.

Behandlung

Gegen unangenehme Blähungen gibt es verschiedene Hausmittel:

  • Verzicht auf Nahrungsmittel, die als blähungsfördernd gelten.
  • Bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten der Verzicht auf diese Nahrungsmittel – beispielsweise Milchprodukte im Falle von Laktoseintoleranz oder Rotwein bzw. Käse im Fall von Histamin-Intoleranz.
  • Sowohl bei Kleinkindern als auch bei Erwachsenen kann die Bauchmassage Abhilfe schaffen, bei der der Bauch – auf den Körper des Betroffenen schauend – im Uhrzeigersinn kreisend sanft massiert wird. Dabei lösen sich eventuell festsitzende Gasblasen, die schmerzhaft drücken können.
  • Eine Rollkur, bei der der Patient sich abwechselnd auf die eine und die andere Seite legt, so dass die Gase nach oben steigen bzw. von anderen Darminhalten der Schwerkraft folgend verdrängt werden (rein mechanisch), und dann einfacher ausgeschieden werden können.
  • Lokale Wärme, zum Beispiel durch Auflegen einer Wärmflasche.
  • Verwendung so genannter Karminativa wie beispielsweise Kümmel. Das sind ätherische Öle, die die Verkrampfung des Darms lösen und für einen leichteren Abgang der Darmgase sorgen. Diese Mittel verhindern Blähungen allerdings nicht, sondern sorgen nur für einen unauffälligeren Abgang von Darmgasen. Ätherische Öle sind für Kleinkinder allerdings nur begrenzt geeignet. Viele ätherische Öle können allergiefördernd wirken.

Zudem gibt es antiflatulente Arzneimittel; Beispiele dafür sind Simeticon und Polydimethylsiloxan (PDMS), die beide entschäumend wirken.

Sonstiges

Einige Menschen haben die Fähigkeit, durch gezieltes Spannen des Darmschließmuskels die Tonhöhe der Abwinde zu modulieren. Der bekannteste dieser Kunstfurzer, die früher auf Jahrmärkten und Rummelplätzen auftraten, war der Franzose Joseph Pujol, der unter dem Künstlernamen Le Pétomane (von franz. le pet „der Furz“) auch im Pariser Moulin Rouge in den 1890er Jahren auftrat. Allerdings soll Pujol die Fähigkeit gehabt haben, auch über den Anus Luft einzusaugen und somit geruchsfrei Geräusche produzieren zu können. Sein Repertoire umfasste die Imitation von Gewittern, von Kanonenschlägen bis hin zur Intonation von Melodien. Auch in neuerer Zeit sind derartige Darbietungen bekannt geworden. Im Rahmen des von André Heller 1987 realisierten Vergnügungsparks Luna Luna traten mehrere Kunstfurzer auf. Mit einer ähnlichen Nummer reiste der unter dem Künstlernamen Mr. Methane auftretende Brite Paul Oldfield (*1966) ab 1991 durch Fernsehshows rund um die Erde.

Die österreichische Band Erste Allgemeine Verunsicherung hatte mit dem Song Ein Furz geht um die Welt (CD Neppomuk’s Rache) 1990 Erfolg.

Weblinks

 Commons: Flatulenz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference
Wiktionary Wiktionary: Flatulenz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Deutsch-Österreichisches Wörterbuch
  2. Avery Gilbert: The Molecules That Matter. In: What the Nose Knows. Crown Publishers 2008, ISBN 9781400082346
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