Sandhoff-Krankheit

Klassifikation nach ICD-10
E75.0 GM2-Gangliosidose
Sandhoff-Krankheit
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Die Sandhoff-Krankheit (auch Morbus Sandhoff, nach Konrad Sandhoff) ist eine sehr seltene autosomal-rezessiv vererbte lysosomale Speicherkrankheit aus der Gruppe der Sphingolipidosen. Es handelt sich um eine progredient verlaufende neurodegenerative Erkrankung, bei der es zu einer Anreicherung von GM2-Gangliosiden speziell in den Nervenzellen kommt.[1]

Ätiologie und Prävalenz

Die Sandhoff-Krankheit wird durch eine Mutation des HEXB-Gens auf Chromosom 5 Genlocus verursacht. Dieses Gen kodiert für die β-Untereinheit der Enzyme Hexosaminidase A und B. Folglich sind bei einer Mutation beide Enzyme betroffen. Die Hexosaminidasen katalysieren in den Zellen den Abbau der GM2-Gangliosiden. Durch die eingeschränkte Enzymaktivität kommt es zu einer Anreicherung der GM2-Gangliosiden. Davon sind speziell die Nervenzellen betroffen.

Die Sandhoff-Krankheit wird autosomal-rezessiv vererbt. Im Unterschied zum Tay-Sachs-Syndrom sind beide Hexosaminidasen A und B betroffen; beim Tay-Sachs-Syndrom nur die Hexosaminidase A.[2]

Die Prävalenz in Europa beträgt etwa 1:130.000.[3]

Symptome und Diagnose

Klinisch ist die Krankheit in ihren Symptomen fast nicht vom Tay-Sachs-Syndrom zu unterscheiden, außer dass die Ethnie nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. In den ersten drei bis sechs Lebensmonaten entwickeln sich die betroffenen Kinder zunächst normal. Danach zeigen sie – wie beim Tay-Sachs-Syndrom – Schreckreaktionen auf Schallreize, einen kirschroten Fleck auf der Makula und einen überdurchschnittlich großen Schädel (Makrozephalie), als Folge einer Gliose. Im weiteren Verlauf der Krankheit kommt es zur Erblindung. Der geistige und motorische Verfall sind progressiv.

Die reduzierte Aktivität der Hexosaminidasen A und B kann in Fibroblasten und Leukozyten, sowie im Serum nachgewiesen werden. Eine DNA-Analyse ist möglich, aber meist nicht notwendig. Im Urin ist der Gehalt an Oligosacchariden stark erhöht.

Therapie und Prognose

Es gibt keine kausale Therapie für die Behandlung der Sandhoff-Krankheit. Die Behandlung erfolgt meist symptomatisch. Einige Therapieansätze befinden sich noch in frühen Entwicklungsphasen.[4][5]

Die Prognose ist infaust. Die betroffenen Kinder sterben meist im Alter von etwa vier Jahren.

Erstbeschreibung

Die Sandhoff-Krankheit wurde erstmals 1968 von dem deutschen Biochemiker Konrad Sandhoff beschrieben, der so zum Namensgeber dieser Krankheit wurde.[6][7]

Einzelnachweise

  1. Sandhoff-Krankheit bei Online Mendelian Inheritance in Man, eingesehen am 11. Januar 2009.
  2. S. K. Srivastava und E. Beutler: Hexosaminidase-A and hexosaminidase-B: studies in Tay-Sachs' and Sandhoff's disease. In: Nature 241, 1973, S. 463. PMID 4122341
  3. Sandhoff-Krankheit bei Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten) , eingesehen am 11. Januar 2009.
  4. S. K. Tay u. a.: Sandhoff disease--a case report of 3 siblings and a review of potential therapies. In: Ann Acad Med Singapore 29, 2000, S. 514–517. PMID 11056783
  5. M. Jeyakumar u. a.: Delayed symptom onset and increased life expectancy in Sandhoff disease mice treated with N-butyldeoxynojirimycin. In: PNAS 96, 1999, S. 6388–6393. PMID 10339597
  6. K. Sandhoff u. a.: Deficient hexosaminidase activity in an exceptional case of Tay-Sachs disease with additional storage of kidney globoside in visceral organs. In: Life Sci 7, 1968, S. 283–288. PMID 5651108.
  7. K. Sandhoff u. a.: Enzyme alterations and lipid storage in three variants of Tay-Sachs disease. In: J. Neurochem. 18, 1971, S. 2469–2489. PMID 5135907

Literatur

Fachbücher

  • J. Cervós-Navarro u. a.: Spezielle pathologische Anatomie. Verlag Springer, 1991, ISBN 3-540-52873-3 S. 333–340.
  • B. Kirchhof u. a.: Diagnosen am Augenhintergrund. Georg Thieme Verlag, 2003, ISBN 3-131-25641-9, S. 99.

Review-Artikel

  • C. J. Hendriksz: Juvenile Sandhoff disease--nine new cases and a review of the literature. In: J Inherit Metab Dis 27, 2004, S. 241–249. PMID 15159655
  • H. Schnorf: Adult form of GM2-gangliosidosis: a man and 2 sisters with hexosaminidase-A and -B deficiency (Sandhoff disease) and literature review. In: Schweiz Med Wochenschr 126, 1996, S. 757–764. PMID 8693300

Fachartikel

Weblinks

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