Weinbergschnecke

Weinbergschnecke
Weinbergschnecke

Weinbergschnecke

Systematik
Ordnung: Lungenschnecken (Pulmonata)
Unterordnung: Landlungenschnecken (Stylommatophora)
Überfamilie: Helicoidea
Familie: Schnirkelschnecken (Helicidae)
Gattung: Helix
Art: Weinbergschnecke
Wissenschaftlicher Name
Helix pomatia
Linnaeus, 1758

Die Weinbergschnecke (Helix pomatia) ist eine ausgewachsen bis zu 10 cm lange und etwa 30 g schwere, gehäusetragende Landschnecke, die systematisch zu den Landlungenschnecken (Stylommatophora) und hier zur Familie der Helicidae gerechnet wird. Sie kommt vor allem auf kalkreichen, feuchten Böden vor.

Weinbergschnecken sind im Westen bis nach Mittelfrankreich und Südengland, im Norden bis nach Südschweden und -norwegen, im Osten bis nach Estland, Weißrussland und die westliche Ukraine sowie im Süden bis Norditalien, auf der Balkanhalbinsel bis nach Mazedonien verbreitet.[1]

In freier Natur kann sie ein Alter von acht Jahren erreichen, bei Gehegeschnecken ist bei guter Pflege eine Lebenserwartung von 20 Jahren nicht selten.

Merkmale

Abb. 1. Kopf einer Weinbergschnecke. Die Augen sind als dunkle Punkte am Ende der oberen Fühler erkennbar.

Wie bei Schnecken allgemein gliedert sich der Körper in Kopf, Fuß, Eingeweidesack und Mantel. Zusätzlich besitzt die Weinbergschnecke wie andere Gehäuseschnecken auch ein spiralig gewundenes Gehäuse aus Kalk, umgangssprachlich auch Schneckenhaus genannt. Es hat fast immer die Form einer rechtsgängigen Spirale. Nur bei etwa einem von 20.000 Exemplaren ist sie linksgängig. Diese Tiere nennt man auch Schneckenkönig. Der lateinische Name Helix leitet sich von diesem spiraligen Gehäuse ab. Neben Helix pomatia gibt es noch eine kleinere, im Mittelmeerraum sowie in den Niederlanden und Großbritannien verbreitete Art, die Gefleckte Weinbergschnecke (Helix aspersa oder auch Cornu aspersum).

Fortbewegung

Mit der Kriechsohle ihres muskulösen Fußes kriecht die Weinbergschnecke, eine feuchte Schleimspur hinterlassend und ihr Gehäuse tragend, über den Untergrund. Dabei streckt sie ihre vier Fühler aus. Zwei kleinere Fühler befinden sich unten am Kopf, zwei größere mit je einem Auge an ihrem Ende (s. Abb.) weiter oben. Stoßen diese Fühler auf ein Hindernis oder reizt man sie auf andere Weise, werden sie schnell zurückgezogen. Bei Gefahr zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück.

Atmung

Die äußere Atmung erfolgt mit einem deutlich sichtbaren Atemloch, das in die Mantelhöhle führt, deren Wandung reich mit sauerstoffresorbierenden Blutgefäßen ausgestattet ist.

Augen

Abb. 2. Semidünnschnitt durch das Auge einer Weinbergschnecke. VK vordere Kammer, L Linse in der hinteren Kammer, R Retina, SN Sehnerv. Toluidinblau, Phasenkontrast.

Die Weinbergschnecke besitzt in den Enden der beiden langen, oberen Fühler je ein Auge (Abb. 1). Die Augen (Abb. 2) bestehen aus einer vorderen und einer hinteren Augenkammer. Die vordere Augenkammer wird nach vorne (außen) von der Haut, nach hinten (innen) von der die Pupille bildenden Retina begrenzt. Im zentralen Bereich gegenüber der Pupille besteht die Haut nur aus einem einschichtigen flachen Epithel mit Basalmembran. Die Vorderkammer ist mit Interzellularflüssigkeits-reichem Bindegewebe gefüllt. Die hintere Augenkammer wird von der Linse ausgefüllt und von der aus Lichtsinnes- und Pigmentzellen bestehenden Retina begrenzt. Im Gegensatz zum Wirbeltierauge liegen die Sinneszellen außen, die Pigmentzellen innen und grenzen mit einer dicken Basalmembran an die Linse. Die Fortsätze der Sinneszellen bilden den Sehnerv.

Ernährung

Die Weinbergschnecke ernährt sich von weichen, welken Pflanzenteilen und Algenbewüchsen, die sie mit ihrer Raspelzunge, der Radula, auf der sich rund 40.000 Zähnchen befinden, abweidet.

Die Annahme, dass Weinbergschnecken die Gelege anderer Schnecken fressen würden, beruht möglicherweise auf Beobachtungen von Kannibalismus, der manchmal zwischen den Jungschnecken in der Bruthöhle auftritt. Bei erwachsenen Weinbergschnecken kommt weder Kannibalismus noch Fraß von anderen Schneckeneiern vor.

Weinbergschnecken sind auf einen Lebensraum angewiesen, in dem sie Kalk aufnehmen können. Diesen benötigen sie zur Stabilisierung ihres Schneckenhauses und zum Bau des Schutzdeckels für die Überwinterung. Wenn wenig Kalk in Boden und Gestein vorhanden ist, bilden die Tiere nur ein dünnwandiges, schwaches Gehäuse aus; die Deckel sind mitunter leicht zerbrechlich oder pergamentartig, was die Lebenserwartung herabsetzt und die natürlichen Verbreitungsgebiete begrenzt. In Gefangenschaft können der Weinbergschnecke Sepiaschalen oder Eierschalen als Kalkquelle angeboten werden.

Fortpflanzung

Fortpflanzungsorgane

Weinbergschnecken sind Zwitter, das heißt jedes Tier produziert männliche und weibliche Keimzellen. Die Schnecken können sich jedoch nicht selbst befruchten. Es kommt vielmehr zu einem Liebesspiel zwischen zwei Tieren, bei dem sich beide Schnecken – Fuß an Fuß – gemeinsam aufrichten und sich gegenseitig so genannte etwa elf Millimeter lange Liebespfeile in ihre Körper treiben, die, mit einem stimulierenden Sekret bedeckt, den Paarungserfolg steigern.[2] Gleichzeitig erfolgt die nicht immer wechselseitige Begattung. Vier bis sechs Wochen später legen die Schnecken 40 bis 60 weißliche Eier in eine mit Hilfe ihres Fußes und Gehäuses gegrabene Erdgrube ab, die sie nach der Eiablage wieder verschließen. Die Jungschnecken entwickeln sich von da an selbstständig und schlüpfen nach einer rund zweiwöchigen Embryonalentwicklung mit einem Gewicht von etwa 0,1 Gramm. Sie fressen zur Kalkaufnahme ihre Eihüllen und graben sich dann an die Erdoberfläche. Ihr Schneckenhaus ist noch sehr weich und viele der Jungschnecken fallen darum Fressfeinden zum Opfer, sodass im Schnitt nur fünf von 100 Weinbergschnecken das geschlechtsreife Alter (zwei bis drei Jahre) erreichen und Eier ablegen können.

Ruhephasen

Kältestarre

Weinbergschnecke mit Epiphragma nach dem Winter

Den Winter verbringen die Weinbergschnecken in einer Kältestarre. Nachdem sie sich einen Nahrungsvorrat angefressen haben, verkriechen sie sich in der Erde und ziehen sich in ihre Schale zurück. Die Schalenöffnung verschließt die Schnecke mit einem Kalkdeckel (Epiphragma), der im Frühjahr beim Ausschlüpfen wieder abgestoßen wird. Bei Kalkmangel nehmen sie Teile des Deckels wieder auf.

Trockenstarre

Bei starker Trockenheit im Sommer und damit verbundenem Wassermangel können Weinbergschnecken auch einen Trockenschlaf halten. Sie verschließen sich dazu ebenfalls mit einem Deckel und verzögern damit die Verdunstung des im Körper gespeicherten Wassers. Da die Vorbereitung auf die Trockenstarre mit einer tiefgreifenden Umstellung des Stoffwechsels und der Erzeugung des Deckels verbunden ist und für die Schnecke eine Belastung darstellt, kann sie nicht beliebig begonnen oder unterbrochen werden. Es handelt sich um einen komplexen Vorgang, der bei Trockenheit begonnen und auch bei zwischenzeitlich eintretenden Regenfällen weiter verfolgt wird. Erst wenn eine ausreichend lange Zeit genug Feuchtigkeit in der Umgebung vorhanden ist, entdeckelt sich die Schnecke wieder und benötigt dann eine Phase der ergiebigen Nahrungsaufnahme, um sich gegebenenfalls erneut verdeckeln zu können.

Die für die jeweiligen Phasen benötigten Umgebungsfaktoren und die Zeitabstände sind regional sehr unterschiedlich und hängen auch von der genetischen Ausstattung der Schnecke ab. Diese variiert über die Verbreitungsgebiete beträchtlich.

Die Fähigkeit zur Trockenstarre wird in der mediterranen Küche genutzt. So werden Weinbergschnecken in Italien und Griechenland in eine handelsfähige Phase versetzt, indem sie in große Behälter mit trockenen Eierteigwaren (Spirelli) gesetzt werden. Sie beginnen von den trockenen Teigwaren zu fressen, verdeckeln sich dann aber aufgrund von Wassermangel und können in Säcke gefüllt in den Handel gebracht werden. Sie sind dann über Monate hinweg lagerfähig. Die in nördlichen Verbreitungsgebieten häufigere Kältestarre hingegen ist zur gastronomischen Nutzung weniger geeignet, da die Schnecken bei einfacher Temperaturerhöhung „schlüpfen“.

Weinbergschnecken und Menschen

Französisches Schneckengericht


Obwohl Weinbergschnecken nach dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen[3] streng geschützt sind, sind sie besonders in Frankreich als eine beliebte Delikatesse. Die Schnecken auf dem Markt stammen daher heute meist aus der Schneckenzucht. Sie kommen aus dem Burgund, dem Schweizer Waadtland und aus Süddeutschland. Man isst in der Regel ein halbes oder ganzes Dutzend als Vorspeise, in sogenannten „Schneckenpfännchen“ mit Kräuterbutter im Backofen gegart.

In Deutschland sind Weinbergschnecken nach Anlage 1 zur Bundesartenschutzverordnung „besonders geschützt“. Vor der Unterschutzstellung wurde in Baden-Württemberg das Sammeln der Schnecken durch die Weinbergschneckenverordnung geregelt. Auch in Österreich und der Schweiz stehen die Weinbergschnecken unter Schutz.

Sonstiges

In der Schweiz hat die Gemeinde Zell ZH die Weinbergschnecke als Wappentier.

In Zürich gibt es seit 1870 offiziell eine Schneckenmannstrasse, deren Bezeichnung auf den Zunamen eines ehemaligen Schneckenzüchters oder -sammlers zurückgeführt wird.[4]

Literatur

  • Rudolf Kilias: Die Weinbergschnecke. Über Leben und Nutzung von Helix pomatia, 2. Auflage, Magdeburg 1995. ISBN 3-89432-320-5

Einzelnachweise

  1. weichtiere.at: Verbreitung der Weinbergschnecken
  2. Ronald Chase und Katrina C. Blanchard: „The snail's love-dart delivers mucus to increase paternity“, in: Proceedings of the Royal Society B 273 (1593), 2006, S. 1471–1475. doi:10.1098/rspb.2006.3474
  3. Liste der nach dem Washingtoner Artenschützübereinkommen geschützten Tiere auf einer Seite von „Haus der Natur“, abgerufen am 15. September 2012
  4. www.stadt-zuerich.ch: Offizielles Strassennamenverzeichnis und www.gebrueder-duerst.ch: Gang dur Züri.

Weblinks

 Commons: Weinbergschnecke – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Weinbergschnecke – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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