Das Verbreitungsgebiet der Grauen Gibbons (Hylobates muelleri) beschränkt sich auf den Nordwesten Borneos in einem Gebiet nördlich des Kapua- und östlich des Barito-Flusses. Ihre Lebensgrundlage bilden die tropischen immergrünen Wälder Borneos. Graue Gibbons sind wie alle Gibbons tagaktiv und leben in den Bäumen. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus zuckerreichen Früchten, auf dem Speisezettel stehen aber auch Blätter und Insekten. (Leighton 1987; Rodman 1978). Graue Gibbons wurden in Höhen bis zu 1.500 m, in Sabah bis 1.700 m gesichtet.

Graue Gibbons (Hylobates muelleri) verhalten sich ausgesprochen territorial. Im Kutai Nationalpark umfasst das durchschnittliche Territorium etwa 36 ha (Leighton 1987). Sie Grenzen ihre Familienreviere mit regelmäßigen morgendlichen Liedern ab - mit Eindringlingen liefern sie sich regelrechte Verfolgungsjagden. Körperliche Gewaltanwendung tritt aber bei der Verteidigung des eigenen Territoriums sehr selten auf.

Die Fellfärbung der Grauen Gibbons (Hylobates muelleri) variiert von grau bis braun. Der obere Rand des Kopfes und die Brust sind dunkler als der Rest des Körpers, Männchen weisen einen oft unvollständigen, hellen Gesichtsring auf. Ihre Körperlänge reicht von 45 bis 64 cm. Graue Gibbons werden zwischen 4 und 8 kg schwer. Es gibt keinen ausgeprägten sexuellen Dimorphismus - Männchen und Weibchen sind sich in der Morphologie sehr ähnlich.

Graue Gibbons (Hylobates muelleri) sind sehr agil. Ihr Territorium durchstreifen sie - ganz nach Gibbonart - indem sie sich von Ast zu Ast schwingen. Dabei heben sie ihre langen Arme über den Kopf und die kräftigen Finger der Hände werden zu Haken geformt. So können sie mit einem einzigen Schwung bis zu 3 m zurücklegen. Liegt ein benachbarter Baum einmal weiter entfernt, überbrücken Graue Gibbons (Hylobates muelleri) die Distanz mit weiten Sprüngen. Oft schaukeln sie auch auf einem Ast hin und her, bis ein anderer Ast in greifbare Nähe kommt.

Graue Gibbons gehen (Hylobates muelleri), wenn sie sich auf dem Boden fortbewegen, aufrecht mit den Händen über dem Kopf, obwohl sie auf diese Weise keine größeren Entfernungen zurücklegen. Sie sind keine guten Schwimmer und und meiden offene Wasserflächen.

Graue Gibbons (Hylobates muelleri) leben normalerweise in Gruppen zusammen, die aus 3 oder 4 Individuen bestehen. Nicht ungewöhnlich sind auch einzelgängerische Tiere, die ihre Geburtsgruppe verlassen haben, aber noch keine eigene Familie gegründet haben oder noch kein Territorium besetzt haben.

Graue Gibbons (Hylobates muelleri) sind 8 bis 10 Stunden pro Tag aktiv. Sie erwachen mit der Morgendämmerung und bereiten sich vor Sonnenuntergang für die Nacht vor. Männchen neigen dazu, früher und für längere Zeit als Weibchen aktiv zu sein. Graue Gibbons verbringen die meisten des Tages mit Futtersuche im Blätterdach des Regenwaldes.

Graue Gibbons (Hylobates muelleri) sind zwar sehr soziale Tiere, aber sie verbringen nicht so viel Zeit mit sozialer Interaktion wie andere Primaten. Gegenseitige Fellpflege und andere Beschäftigungen mit den Artgenossen machen weniger als 5 Prozent der täglichen Aktivitäten aus.

Männliche und weibliche Erwachsene sind, mehr oder weniger, sozial gleichgestellt. In einer Studie wurde gezeigt, dass die Männchen das Fell der Weibchen öfter pflegen als umgekehrt. Auch lassen sie sich öfter auf Spiele mit den Jungtieren ein als Weibchen.

Die Rufe und Gesänge der Grauen Gibbons sind sehr genau und im Detail untersucht worden. Erwachsene Männchen noch vor Sonnenaufgang einzelne, langgezogene Heultöne von sich. Nach Sonnenaufgang bis ca. 10:00 Uhr gesellen sich die Weibchen dazu und geben kurze, ansteigende Lautfolgen mit vielen Trillern von sich. Die einzelnen Strophen dauern 10 - 15 s. Die Duette dauern durchschnittlich 15 Minuten und sind jeden Tag zu hören. Alleinstehende Männchen singen längere Lieder als ihre Geschlechtsgenossen, die eine feste Partnerin haben. Alleinstehende Weibchen singen sehr selten. Wie alle anderen Primaten kommunizieren Graue Gibbons auch mit Gesten, Mimik und Körperhaltung.

Wie alle anderen Gibbonarten sehen die Grauen Gibbons einer recht ungewissen Zukunft entgegen, denn die Ausbreitung der Städte und der Bedarf an mehr landwirtschaftlich nutzbaren Flächen bedrohen den traditionellen Lebensraum.

Man unterscheidet drei Unterarten:
Hylobates muelleri ssp. abbotti
Hylobates muelleri ssp. funereus
Hylobates muelleri ssp. muelleri


Systematik


Literatur

[1] Rowe, N. 1996; Geissmann, T. & Nijman, V. 2008. Hylobates muelleri. In: IUCN 2011. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2011.1. <www.iucnredlist.org>. Downloaded on 14 October 2011.

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